Der Fall Jurassica Parka als Instrument queerfeindlicher Hetze
Am 22. Oktober wurde medial bekannt, dass gegen die Berliner Dragqueen Jurassica Parka wegen Besitzes und Verbreitung von Kinderpornografie ermittelt wird. Einen Tag später erfuhr und berichtete SIEGESSÄULE, dass Parka bereits 2023 wegen ähnlicher Vergehen verurteilt wurde. Darüber empörte sich nicht nur die Community. Das gefundene Fressen für Queerfeinde und Nazis wird gnadenlos und verlogen ausgeschlachtet. Der Wirbel von rechts übersteigt alles, was wir an Hetze gegen LGBTIQ* kannten. Erwartbar und ekelhaft ist dabei vor allem die Instrumentalisierung von Kindern zur Propaganda. SIEGESSÄULE-Autor Jeff Mannes kommentiert
„Es hat doch mit Kindern und Sex zu tun“, titelt die katholische Tagespost. Ausgerechnet ein Medium einer Kirche, in der in den letzten Jahren Skandal auf Skandal aufgedeckt wurde, verknüpft sexualisierten Missbrauch an Kindern mit queeren Lebensentwürfen. Die MHG-Studie (2018), ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zu sexuellem Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche, identifizierte mindestens 3.677 minderjährige Opfer und 1.670 beschuldigte Kleriker. In Frankreich zeigte ein Bericht von 2021, dass in den vergangenen 70 Jahren rund 330.000 Kinder in der katholischen Kirche missbraucht wurden. Das sind keine Einzelfälle, sondern ein systemisches Problem. Gegenüber diesen Tausenden katholischen Geistlichen steht nun eine einzelne Dragqueen, die wegen Verbreitung kinderpornografischer Schriften verurteilt wurde. Ich wiederhole: Tausende Fälle katholischer Geistlicher versus ein Fall einer Dragqueen!
Und dennoch bringt ein katholisches Medium queere Menschen in Zusammenhang mit Kindesmissbrauch. Auch die zum Katholizismus konvertierte, rechts positionierte Publizistin Birgit Kelle trommelt seither online gegen LGBTIQ*. Kelle ist zudem ein gern gesehener Gast beim rechtspopulistischen Online-Portal Nius, das vom ehemaligen Bild-Chefredakteur Julian Reichelt mitbegründet wurde – einem Mann, gegen den Vorwürfe sexuellen Machtmissbrauchs im Kontext von #MeToo erhoben wurden.
Seit dem 22. Oktober lässt Nius keine Gelegenheit aus, den Fall Jurassica Parka für queerfeindliche Hetze zu instrumentalisieren. Schon in Titeln werden Tatsachen verzerrt oder schlicht erfunden: „Sie wollen das Grundgesetz ändern: Finanziert Berlins Queer-Ministerium ein queeres Anti-AfD-Netzwerk, das Pädophilie befördert?“ Es gibt kein „Queer-Ministerium“. Und die Diskussion um eine Grundgesetzänderung zielt auf den Schutz vor Diskriminierung ab, also darauf, „sexuelle Identität“ neben Herkunft, Religion, Sprache etc. als Schutzmerkmal zu verankern. Diese Forderung kommt unter anderem von „Travestie für Deutschland“, einer Gruppe von Dragqueens, die die AfD satirisch aufs Korn nimmt.
In der Collage zum Nius-Artikel sind neben Jurassica Parka auch andere Berliner Dragqueens, Berlins Queerbeauftragter Alfonso Pantisano (SPD) und die Senatorin Cansel Kiziltepe (SPD) zu sehen. Wer den Artikel liest, merkt schnell: Vom Queerbeauftragten der vergangenen Bundesregierung Sven Lehmann und der ehemaligen Bundestagsabgeordneten Tessa Ganserer (beide Grüne) über die Bundessozialministerin Bärbel Bas (SPD) bis sogar hin zu Berlins ehemaligem Kultursenator Joe Chialo und dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (beide CDU) – jede Person, die jemals mit Jurassica Parka fotografiert wurde oder in irgendeiner Form mit ihr oder ihr nahestehenden Organisationen zusammengearbeitet hat, wird für die rechte Agenda mit in den Dreck gezogen. Fotos mit Linken-Politiker*innen, Comedians wie Anke Engelke oder Jan Böhmermann – alle werden via Kontaktschuld quasi mitverantwortlich gemacht.
Parallelen zu Nazi-Propaganda
Die Botschaft ist klar: Alle demokratischen Parteien, vermeintlich „woke“ Menschen und queere Aktivist*innen wären irgendwie in sexualisierte Gewalt gegen Kinder verstrickt – und nur die AfD könne diese Kinder retten. Das ist nicht nur Hass gegen queere Menschen, sondern auch offen demokratiezersetzend.
Die AfD verbreitet entsprechende Bilder, die erschreckende Parallelen zu Nazi-Propaganda aufweisen. Ein Beispiel: Martin Reichardt, familienpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion, teilte ein KI-generiertes Bild, das schockiert blickende Kinder im Vordergrund zeigt und bedrohliche Dragqueens im dunklen Hintergrund.
Es geht längst nicht mehr nur um Jurassica Parka, es geht gegen alle Dragqueens, gegen alle Queers.
Es geht längst nicht mehr nur um Jurassica Parka, es geht gegen alle Dragqueens, gegen alle Queers. Das Bild erinnert nicht zufällig an eine antisemitische Illustration aus einem nationalsozialistischen Kinderbuch von 1938: Hier sieht man einen jüdischen Arzt, der dem Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld nachempfunden ist, aus einem dunklen Hinterzimmer mit „Verbrecheraugen” und „grinsenden, wulstigen Lippen”, so steht es in der Bildunterschrift, auf ein blondes, deutsches Mädchen im Vordergrund schielen.
Auch etablierte Medien blamieren sich gelegentlich mit eklatantem Unwissen. Welt TV (Axel Springer Verlag) geriet in einer Diskussion über Jurassica Parka auf das Thema Pubertätsblocker für trans* Jugendliche, obwohl Jurassica Parka die Drag-Persona eines schwulen Mannes ist, keine trans Frau. Das transfeindliche Ziel ist jedoch offensichtlich: Gender-affirming care („trans-affirmative Versorgung”) mit sexualisierter Gewalt an Kindern gleichzusetzen. Die Zeitschrift Emma wiederum holt einen Artikel über sexualisierte Übergriffe (nicht an, sondern) unter Kindern in Kitas (aus 2024) hervor und fragt rhetorisch: „Was haben eigentlich #Dragqueens wie #JurassicaParka in Kitas zu suchen? Warum dürfen die LGBTIQ+-Aktivisten dort Lobby-Arbeit betreiben?“ Jetzt sind wir also auch schuld daran, wenn Kita-Kinder sich untereinander (vermeintlich oder real) sexuell übergriffig verhalten.
Kinder als Mittel zum Hass
Die rechte und „anti-woke“ Erzählung lautet: Der Fall einer einzelnen Dragqueen stehe exemplarisch für eine angebliche, systematische Gefährdung durch Dragqueens, trans Frauen, ja alle queeren Menschen. Nius hat dieses Jahr öfter über Jurassica Parka oder die vermeintliche Gefahr queerer Menschen für Kinder berichtet als über Jeffrey Epstein – einen Mann, der tatsächlich mindestens 36 minderjährige Mädchen missbraucht haben soll (wenn nicht deutlich mehr) und im Rahmen von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung zur Verfügung gestellt hat. Der Unterschied: Epstein war ein cis heterosexueller, weißer Mann, für rechte Narrative offenbar ein „Einzelfall“; Jurassica Parka wird zum Symbol für so etwas wie „kollektive Schuld“ der queeren Community stilisiert.
So sehr sie uns das auch glauben machen wollen: Diesen Rechten sind Kinder herzlich egal. Sie instrumentalisieren Kinder für reißerische Schlagzeilen. Das zeigt sich schon an der Sprache: Überall wird der zwar juristisch korrekte, jedoch auch umstrittene Begriff „Kinderpornografie” in reißerischen Schlagzeilen benutzt. Wer es jedoch ernst meinte mit dem Kinderschutz, würde die Kritik an dem eher verharmlosenden Begriff „Kinderpornografie“ ernst nehmen. Es geht nicht um Pornografie – es geht um Gewalt. Doch dieser Begriff eignet sich nicht so gut für eine emotionalisierte, manipulative, reißerische Schlagzeile, mit der Hass gegen queere Menschen geschürt wird. Es geht nicht um den Schutz von Kindern – es geht um die Instrumentalisierung von Kindern zur Rechtfertigung von Hass.
Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530 (kostenlos und anonym), hilfetelefon-missbrauch.de
„Kein Täter werden“, Präventionsnetzwerk: kein-taeter-werden.de
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