Gerüchte und Abwehrmechanismen

Der Fall Jurassica Parka: Wie reagiert die LGBTIQ*-Community?

13. Jan. 2026 Philip Eicker
Bild: Picture Alliance / Brigitte Dummer
Jurassica Parka und Ades Zabel in Drag bei der Benefizgala im Theater des Westens

Die Aufregung ist groß, seit bekannt wurde, dass gegen Mario O. alias Jurassica Parka wegen Besitzes und Verbreitung von Kinderpornografie ermittelt wird. Die Berliner Community ist damit sichtlich überfordert und verliert sich in Gerüchten und Abwehrmechanismen. Warum das nicht ungewöhnlich ist und wie ein besserer Umgang aussehen kann, beleuchtet SIEGESSÄULE-Autor Philip Eicker

Im Oktober wurde öffentlich, dass Mario O., besser bekannt als Dragqueen Jurassica Parka, 2023 wegen der „Verbreitung kinderpornografischer Schriften“ verurteilt wurde – und dass deswegen nun zum zweiten Mal ermittelt wird. Der Fall wird nicht nur von rechten Medien ausgeschlachtet, wie der Autor Jeff Mannes in der SIEGESSÄULE-Dezemberausgabe beleuchtete. Er stürzte auch die Berliner LGBTIQ*-Community in Verwirrung. Wie tief sie reicht, kann man gut an Nina Queer beobachten. Einerseits sprang die Partyveranstalterin Jurassica gleich bei, sprach in ihrer Radiosendung „Nina hebt ab“ auf Alex Berlin von „Denunzierung“. Andererseits nutzte sie den Fall für einen Gag und zeigte Jurassica auf einem Plakat zu einem fiktiven Musical („Nightmare on Fuggerstreet“) als Hexe, vor der Kinder flüchten. Außerdem diskutierte sie in einer späteren Sendung, ob Vorlesestunden von Dragqueens nach dem „Fall Jurassica Parka“ angebracht seien: „Ist das krank oder einfach nur Pädagogik 2025?“

Wie im Zeitraffer lässt sich an Ninas Veröffentlichungen studieren, wie problematisch das Thema Kinderpornografie in der Öffentlichkeit oft verhandelt wird: Einerseits wird die Tat geleugnet („Denunzierung“), andererseits der Täter dämonisiert („Nightmare on Fuggerstreet“) und Themen aufgeworfen, die nichts mit Kindesmissbrauch zu tun haben (Vorlesestunden mit Dragqueens).

Die Verunsicherung ist groß. Aber hilft die aktuelle Debatte gegen die weitere Verbreitung von Fotos und Filmen, die sexuelle Gewalt gegen unter 14-Jährige zeigen?

Die Verunsicherung ist groß. Aber hilft die aktuelle Debatte gegen die weitere Verbreitung von Fotos und Filmen, die sexuelle Gewalt gegen unter 14-Jährige zeigen? Schon den Begriff „Kinderpornografie“, auch wenn er im juristischen Sinne gebräuchlich und korrekt ist, halten Fachleute im Bereich sexualisierte Gewalt für einen Teil des Problems. Denn er erweckt den Eindruck, dass hier Sex inszeniert wird wie in einem Video mit Profidarsteller*innen. Es sind aber Dokumentationen echter Missbrauchsfälle und Vergewaltigungen.

Empörung als Entlastung

Was beim Thema zu beobachten ist: Wenn Menschen die Verbreitung von Missbrauchsdarstellungen auf Social Media verurteilen, dient das weniger den Überlebenden solcher Straftaten, sondern eher der eigenen Entlastung: Je mehr ich mich öffentlich empöre, desto weiter kann ich das Leid der Kinder von mir wegschieben. Auch deshalb wird das Problem oft anderswo abgeladen: in der Kirche, in Internaten, bei den reichen Gästen von Jeffrey Epstein. Polizeiliche, gerichtliche und wissenschaftliche Untersuchungen belegen aber: Täter*innen gibt es in allen gesellschaftlichen Gruppen, also auch unter Queers. In den meisten Fällen sind es Angehörige der Kinder oder vertraute Personen.

Die queere Szene Berlins reagierte auf die Nachrichten zu Mario O.s Vorbestrafung also ähnlich wie der Rest der Gesellschaft: mit Entsetzen und Distanzierung – oder mit Ungläubigkeit und Runterspielen. Das BKA Theater sagte alle Shows mit seinem Zugpferd ab, Margot Schlönzke stoppte den gemeinsamen Podcast und Jurassicas Job bei den Nollendorf-Kieztouren. Offiziell auf Abstand gingen auch Organisationen wie Travestie für Deutschland und Hate Aid, für die sich Jurassica engagiert hat. Aus vielen Timelines sind Fotos und Videos mit ihr verschwunden, auch aus denen von Ades Zabel alias Edith Schröder.

„Irgendwie fühlt es sich an wie Geschichtsfälschung“, sagt die Dragkollegin der SIEGESSÄULE. „Wir haben ja gern zusammengearbeitet. Aber es ging darum, dass der rechte Mob nicht auch noch auf mich losgeht.“ Trotzdem war Ades in den Schlagzeilen, weil er mit Jurassica die Benefizgala „Gemeinsam bunt“ im Theater des Westens moderiert hatte. Dort hatte das Polizeiorchester gespielt, die Polizeipräsidentin war Schirmherrin gewesen. Selbst seriöse Medien wie der Spiegel suggerierten, die Berliner Polizei habe von den Ermittlungen gewusst und Jurassica trotzdem gebucht. „Diese Unterstellung ist absurd“, sagt Ades. „Kein Künstler muss ein Führungszeugnis vorlegen, wenn er auftritt.“

Insgesamt wächst derzeit das Misstrauen, auch gegen SIEGESSÄULE. Jurassica war nicht nur Kolumnistin, sondern auch Testimonial für PLACE2BE. Bis 2024 war Mario O. viele Jahre freiberuflich als Grafiker im Verlag tätig. Dazu kommt: Die langjährige Bühnenpartnerin Margot Schlönzke arbeitet in der Anzeigenabteilung. Das führte zu dem Gerücht, dass Margot die Infos zuerst an die Öffentlichkeit gebracht hätte. Tatsächlich hat die SIEGESSÄULE-Redaktion von den Ermittlungen erst im Oktober erfahren, als diese Info auch in anderen Berliner Redaktionen kursierte, eine Veröffentlichung im Tagesspiegel stand angeblich kurz bevor. Vorgeprescht ist dann die B.Z., kurz nachdem Jurassica auf Instagram ihren Rückzug aus der Öffentlichkeit angekündigt hatte.

Sinnvoller als sich in Nebenschauplätzen und Spekulationen zu verlieren ist der Blick auf Betroffene und Fachstellen.

Den Hinweis auf das Urteil von 2023 bekam SIEGESSÄULE über den freiberuflichen Autor Sascha Suden, der als Journalist seine Quelle schützen darf. All dies hier detailliert zu schreiben soll Gerüchte stoppen und das Vertrauen innerhalb der Community stärken.

Sinnvoller als sich in Nebenschauplätzen und Spekulationen zu verlieren ist der Blick auf Betroffene und Fachstellen. Eine entsprechende Institution ist das Therapienetzwerk „Kein Täter werden“ der Charité, eins der ersten Projekte, die das Thema Kindesmissbrauch vorbeugend angehen. Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, finden dort anonym Unterstützung. Die Botschaft: „Die Betroffenen sind nicht schuld an ihren sexuellen Gefühlen, aber sie sind verantwortlich für ihr sexuelles Verhalten.“

„Somit ergibt sich für die betroffenen Kinder und Jugendlichen eine lebenslange Konfrontation mit dem durchlebten Missbrauch.“

Zugleich stellt das Team klar, dass der Konsum von Fotos und Filmen nicht harmlos ist: „einmal in Umlauf gebracht“, sind sie kaum noch aus dem Netz zu entfernen. „Somit ergibt sich für die betroffenen Kinder und Jugendlichen eine lebenslange Konfrontation mit dem durchlebten Missbrauch. Darüber hinaus erhöht die Nutzung die Nachfrage nach der Produktion von mehr Bildmaterial.“

Queere Jugendliche häufig betroffen

Die „Berliner Jungs“, eine Fachberatungsstelle für Jungen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, kritisiert, wie Jurassicas Fall für „rechte Hetze gegen queere Menschen“ instrumentalisiert wird. Dabei seien „gerade queere junge Menschen überdurchschnittlich häufig von sexualisierter Gewalt betroffen“, schreibt das Team an SIEGESSÄULE und verweist auf die Partner-V-Studie zur „Jugendsexualität 2021“.

„Sie benötigen deswegen mehr Unterstützungsangebote, mehr Räume, um sich ohne Gewalt frei entfalten zu können.“ Wichtige Bausteine seien Bildung in Schulen, Unis und der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Statt Kürzungen brauche es höhere Bildungsausgaben und eine langfristige Finanzierung – ein strukturelles Problem, das mehr Aufmerksamkeit verdient hat als die Empörung über einen Szene-Promi.

Passend dazu plädiert Sven Ihlenfeld, Geschäftsführer vom BKA Theater, in der Debatte einen Gang zurückzuschalten. „Das Krasseste für mich ist zu sehen, wie Sprache und Denkmuster von rechts in die Community hinein in dieser Debatte einsickern“, schreibt er. „Für mich beginnt ein verantwortungsvoller Umgang damit, Tempo rauszunehmen: erst klären, was wirklich feststeht – Urteil, Tatbestand, Rechtskraft – und was Gerücht oder Spekulation ist.“ Und dann, so Sven, komme der schwierigste Teil: „Eigene Interessen konsequent nach hinten stellen – keine Profilierung, keine Likes-Logik, kein öffentliches Tribunal.“

„Berliner Jungs“
Hilfe für Jungen* bei sexualisierter Gewalt: 030 236 33 983,
info@jungs.berlin

„Kein Täter werden“
Präventionsnetzwerk: kein-taeter-werden.de

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