Interview mit Lars Arnesen vom Oslo Pride

„Der nächste Oslo-Pride wird der größte sein, den wir je hatten“

11. Aug. 2022 Merle Boppert
Bild: Lars Arnesen
Gedenken an die Opfer des Anschlags vor dem London Pub in Oslo

Anderthalb Monate ist es her, dass bei dem Terroranschlag auf eine queere Bar in Oslo zwei Menschen getötet und 21 verletzt wurden. Lars Arnesen vom Team des Oslo Prides berichtet über die Folgen für die norwegische LGBTIQ*-Community

Kurz vor der Pride-Parade fielen in der Nacht auf den 25. Juni vor der queeren Osloer Bar London Pub tödliche Schüsse. Zwei Menschen starben dabei, 21 Personen wurden verletzt. Der norwegische Geheimdienst stuft die Attacke als islamistischen Terroranschlag ein, der sich vermutlich gegen die queere Community und den Oslo Pride richtete. Bei dem mutmaßlichen Attentäter handelt es sich um einen 42-jährigen norwegischen Staatsbürger, der im Iran geboren wurde (SIEGESSÄULE berichtete). Nach dem Anschlag wurde der Pride in Oslo abgesagt. Im Moment ist noch unklar, ob er in diesem Jahr nachgeholt werden kann. Wir sprachen mit Lars Arnesen, der als stellvertretender Vorsitzender der Organisation Oslo Pride, den CSD in der norwegischen Hauptstadt jährlich mitorganisiert.

Lars, was hat sich durch den Anschlag verändert? Für die Polizei war der Anschlag und die damit zusammenhängende Erfahrung, wie verletzbar die norwegische queere Community ist, vermutlich ein Aha-Erlebnis. Sie hat daraus gelernt. Ich hoffe, dass der Dialog zwischen der Polizei und unser Organisation in Zukunft besser läuft. Es war schon mal gut zu merken, dass die Polizei unserem Feedback gegenüber offen war und dafür Verständnis zeigte.

„Der tragische Vorfall hat uns alle dichter zusammengebracht.“

Kannst du einschätzen, wie sich der Anschlag auf die Community ausgewirkt hat? Niemand wünscht sich, dass so etwas Furchtbares passiert, aber wenn es passiert, ist es wichtig, etwas Positives daraus zu ziehen. Ich denke, eine Konsequenz wird sein, dass der nächste Oslo-Pride, der größte sein wird, den wir je hatten. Der Vorfall war tragisch, aber er hat uns mobilisiert und zusammengebracht – das ist etwas Positives! Wir werden stärker und geschlossener sein, als wir es je waren. Und was auch großartig war: Nach dem Anschlag kamen wirklich alle queeren Organisation zusammen.

Wir haben sehr viele verschiedene LGBTIQ*-Organisationen in Oslo, die sich für die Rechte unterschiedlicher Minderheiten einsetzen. So gibt es zum Beispiel eine Organisation für Queers, die der Bevölkerungsgruppe der Sámi angehören, eine Organisation für muslimische Queers, verschiedene Trans-Organisationen und viele weitere. Wir sind hier in Oslo wirklich eine große und vielfältige Community und der tragische Vorfall hat uns alle dichter zusammengebracht. Die gesamte Community hat sich zusammengetan und gemeinsam entschieden, eine solidarische Gedenkveranstaltung zu organisieren. Das haben wir als Community geschafft und ich hoffe, dass wir von nun an auch in Zukunft besser zusammenarbeiten werden, mehr Verständnis füreinander aufbringen und gemeinsam gestärkt daraus hervorgehen. Das war etwas, was ich in den Tagen unmittelbar nach dem Anschlag beobachtet und erlebt habe. Ich hoffe, dass uns das erhalten bleibt.

Die Gedenkveranstaltung sollte kurz nach dem Anschlag am Montag vor dem Rathaus in Oslo stattfinden. Sie wurde dann allerdings wie auch der Pride abgesagt. Sonntagnachmittag hieß es noch, die Gedenkveranstaltung könne stattfinden. Wenige Stunden davor bekamen wir dann die Nachricht, dass wir sie aus Sicherheitsgründen absagen müssten. Das war wirklich keine gute Kommunikation von Seiten der Polizei. Gegenüber der Presse sagten sie, dass sie zu dem Zeitpunkt, an dem sie die Erlaubnis für die Gedenkveranstaltung gaben noch nicht gewusst hätten, dass sie von so vielen Menschen besucht werden würde. Und das ist einfach nicht wahr! Es war von Anfang an klar, dass es eine große Veranstaltung werden würde. Auch in den nationalen Nachrichten wurde darüber berichtet.

„Einige von uns hatten Freunde, die während des Anschlags verletzt oder traumatisiert worden sind."

Wie haben du und deine Kolleg*innen den Tag des Anschlags erlebt? Einige von uns waren direkt am Anschlagsort gewesen oder hatten Freunde, die während des Anschlags verletzt oder traumatisiert worden sind. Und dann saßen wir da und mussten all diese Dinge regeln: Veranstaltungen absagen, auf Pressenanfragen antworten, die Sicherung unserer Veranstaltungsorte und die ganze Kommunikation mit der Polizei. Das war sehr anstrengend und viel Arbeit! Wir hatten keine Zeit darüber nachzudenken, was da passiert ist. So war es zumindest für mich. Ich habe mich einfach auf die Arbeit konzentriert. Die Morgenstunden waren zudem von einer extremen Unsicherheit geprägt, da nicht klar war, ob der Täter allein vorging oder es sich um eine Gruppe handelte und es zu weiteren Anschlägen kommen könnte. Angesichts der Tatsache, dass die Situation in den Morgenstunden sehr undurchsichtig war, kann ich die Sicherheitsbedenken der Polizei und ihre Entscheidung, den Pride abzusagen, nachvollziehen. Trotz der offiziellen Absage gingen Menschen dann aus eigener Initiative auf die Straße. Ich war auch dort. Es hat mich gefreut, dass sich Menschen trauten auf die Straße zu gehen und sich vor dem London Pub, wo der Anschlag stattgefunden hatte, zu versammeln und Blumen niederzulegen. Das war fantastisch!

„Die Menschen wussten, dass so etwas früher oder später passieren kann."

Norwegen gilt als ein sehr LGBTIQ-freundliches Land. Inwieweit hat euch der Anschlag überrascht? Ich kann natürlich nicht für alle sprechen. Aber ich denke, dass der Anschlag für viele Mitglieder der queeren Community Oslos nicht überraschend kam. Obwohl Norwegen generell als ein für Queers sicheres Land eingeschätzt wird, haben viele Menschen schlechte Erfahrungen gemacht und Übergriffe und Gewalt erlebt. Sie wissen, dass es da draußen viele Menschen gibt, die LGBTIQ* nicht akzeptieren. Auch wenn es diese Form der Gewalt gegen die queere Community in Norwegen bis dato noch nicht gab, wussten die Menschen, dass so etwas früher oder später passieren kann.

In Norwegen wurde nach dem Anschlag, die höchste Terrorstufe ausgerufen. Wie kam Oslos queere Community mit der Situation zurecht? Die Folgewoche war sehr angespannt. Ich konnte es nicht verstehen, dass Pride-Veranstaltungen plötzlich im gesamten Land untersagt waren, selbst auf irgendeiner kleinen abgelegenen Insel. Dass diese Anweisung der Polizei das gesamte Land betraf, machte für mich keinen Sinn. Wir müssen ja unser Leben leben. Ich war frustriert und wütend, weil uns gesagt wurde, das es erst einmal nicht sicher sei, sich überhaupt zu treffen – selbst in kleiner Runde. Nach einer Woche wurde dieser Ausnahmezustand dann aufgehoben. Im Laufe des Augusts, wenn die meisten aus ihrem Sommerurlaub zurück sind, will unsere Organisation in Rücksprache mit der Community entscheiden, ob der Pride nachgeholt werden soll.

Wovon wird die Entscheidung, ob der Pride nachgeholt wird, abhängen? Die Schwierigkeit wird sein, ein passendes Datum zu finden, da dieses Jahr so viele andere queere Veranstaltungen stattfinden. Aber wenn es der Wunsch der Community ist, den im Juni ausgefallenen Pride nachzuholen, dann werden wir versuchen, diesen Wunsch zu erfüllen.

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