Welche Antworten finden queere Kulturschaffende in Zeiten von rechtem Kulturkampf?
Zum Saisonende lädt das Deutsche Theater neben einer „Queer-DT-Sommersause" (26.06., 21:00) am 30.06. auch zu einer öffentlichen LGBTIQ*-Podiumsdiskussion ein, mit Ex-Kultursenator Klaus Lederer, Kulturjournalistin Apolline Bazin und Birga Meyer, Leiterin des Schwulen Museums
Es geht dabei um die Situation von Kulturinstitutionen in Zeiten des Rechtsrucks. Es moderiert SIEGESSÄULE-Kolumnist Jayrôme Robinet. Die Veranstaltung ist eine Kooperation mit dem Institut français Deutschland, im Anschluss läuft das queere Theaterstück „Ugly Duckling". Wir sprachen im Vorfeld mit dem „Ugly Duckling"-Regisseur Bastian Kraft sowie Luc Paquier, Direktor des Institut français Berlin, über die zentralen Fragen, um die es an dem Abend gehen wird.
In Zeiten eines sehr öffentlich und heftig ausgetragenen „Kulturkampfs“ – zwischen linken und rechten Lagern – interessieren sich plötzlich viel breitere Kreise für die „Schönen Künste“, die vorher eher ein Nischendasein fristeten. Was bedeutet das für Sie? Bastian Kraft: Ich glaube, die Chance des Theaters besteht heute darin, dass wir hier komplexe Themen auch wirklich komplex abbilden können und nicht in Schlaglichtern oder Parolen verkürzen müssen. Und ich finde es dabei enorm wichtig, der Versuchung zu widerstehen, einfache Antworten zu geben oder lediglich bestehende Ressentiments zu reproduzieren. Im besten Fall ist das Theater immer noch ein Ort, wo ich mich darauf einlasse, für eine längere Zeit zuzuhören. Und im Zuhören kann heute eine radikale Kraft liegen.
„Was es heißt, in dieser Zeit, in dieser Welt ein Mensch zu sein, und Widersprüchlichkeiten auszuhalten.“
Wenn ich im Theater einer Figur, also einem Menschen begegne, kann ich diesen Menschen viel weniger leicht abtun, weil er sich mir gegenüber verletzlich macht, mich einlädt, ihn zu verstehen, und mich mit ihm zu identifizieren. Die Antwort auf das, was wir „Kulturkampf“ nennen, muss in meinen Augen immer Dialog sein, und deshalb versuche ich Theater heute noch stärker als Angebot zum Dialog zu betrachten. Also nicht von der Bühne aus Positionen zu postulieren, sondern zu versuchen, gemeinsam herauszufinden, was es heißt, in dieser Zeit, in dieser Welt ein Mensch zu sein, und Widersprüchlichkeiten auszuhalten. Gerade darin kann ein sehr verbindendes Element liegen.
Luc Paquier: Jenseits dieser politischen Überlegungen denke ich, dass die Frage des Dialogs zentral ist. Natürlich bedeutet es eine besondere Verantwortung, wenn künstlerische Arbeiten plötzlich im Zentrum gesellschaftlicher und politischer Debatten stehen und nicht mehr nur unter ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet werden. Gerade deshalb erscheint es mir wichtig, Räume für Begegnung und Austausch zu schaffen.
In diesem Geist wollten wir auch einen Austausch von Perspektiven zwischen Frankreich und Deutschland ermöglichen. Zusätzlich zu dieser Notwendigkeit, Räume für Begegnung und Diskussion zu schaffen, erscheint mir Aufrichtigkeit entscheidend, gerade bei Themen, die so wichtig, sensibel und präzise sind. Deshalb haben wir ein Panel aus Fachleuten zusammengestellt, die sich intensiv mit diesen Fragen beschäftigen. Und genau aus diesem Grund wollten wir auch mit Partnern wie dem Schwulen Museum Berlin zusammenarbeiten.
Hinter diesen gesellschaftlichen Debatten stehen konkrete Lebensrealitäten von Menschen, die weiterhin Diskriminierung erfahren. Umso wichtiger ist es, diesen Erfahrungen Raum zu geben und die menschliche Dimension dieser Auseinandersetzungen sichtbar zu machen.
Der Kulturkampf ist – aus queerer Perspektive – besonders auch rund um Fragen zu einer trans* Identität entbrannt. Warum glauben Sie, ist das so ein rotes Tuch für viele, die vielleicht mit Ehe für alle und Homosexuellen allgemein kein Problem haben? Wie waren Sie selbst davon in Ihrer Arbeit betroffen? Kraft: Ich bemerke, dass viele Menschen Mühe damit haben, jenseits des binären Geschlechtermodells zu denken, und lese dies als Zeichen dafür, wie tief sich dieses Modell in unsere Kultur eingeschrieben hat. Auch queere und feministische Bewegungen haben ihre Diskurse lange innerhalb einer binären Idee geführt und sind nun herausgefordert, diese Idee zu öffnen. Und dies ist ja keine Modeerscheinung, wie manche beklagen. So viele Kulturen, insbesondere indigene, würdigen seit jeher die Existenz nichtkonformer Geschlechter in ihrer Mitte. Und all jene, die auf Biologie oder Chromosomen verweisen und argumentieren, dies gehe gegen die Natur, können sich gern genauer im Tierreich umschauen, dort wimmelt es ja in natürlichster Eintracht vor Geschlechtervielfalt. Was diese Themen auf dem Theater betrifft, halte ich es für essenziell, trans* Menschen wann immer möglich selbst zu Wort kommen zu lassen, statt über sie zu sprechen. In mehreren meiner Inszenierungen stehen trans* Menschen auf der Bühne, manchmal in fiktiven Rollen, manchmal als sie selbst.
„Ich fand es erstaunlich, wie viele Zuschauer*innen hinterher sagten: Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich einem trans* Menschen begegnet bin.“
Ich fand es erstaunlich, wie viele Zuschauer*innen hinterher sagten: Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich einem trans* Menschen begegnet bin und das hat meinen Blick auf diese Debatte völlig verändert. Jetzt ist es nicht mehr ein abstrakter Begriff, jetzt gibt es da ein Gesicht, einen Menschen, eine persönliche Geschichte. Ich glaube, darin liegt der Schlüssel: Es geht hier nicht um Konzepte und Ideen, sondern um Menschen und darum, erst einmal die schiere Existenz dieser Menschen anzuerkennen, ihnen zuzuhören und ihnen den Raum in unserer Mitte zu geben, der ihnen zusteht.
Paquier: Es ist natürlich weit davon entfernt, perfekt zu sein, und man darf nicht naiv sein – die Kämpfe und Auseinandersetzungen bleiben weiterhin notwendig. Tatsächlich geht der Kampf weiter: Engagierte Künstler*innen setzen sich jeden Tag für die Sichtbarkeit von LGBTIQ*-Personen ein. Heute kann man sich fragen, warum manche Menschen Homosexualität akzeptieren, aber gegenüber den Realitäten von trans* Personen zurückhaltend bleiben. Wahrscheinlich liegt das auch daran, dass sie sehr grundlegende Vorstellungen von Geschlecht und Identität berühren und häufig stark politisiert werden. Aber man sieht, dass Trans*-Themen auch auf den französischen Bühnen und im öffentlichen Diskurs immer präsenter werden. Stimmen von Künstler*innen und Persönlichkeiten engagieren sich zunehmend dafür, das Bewusstsein zu schärfen und ein inklusives statt eines ausschließenden Modells zu verteidigen. Wenn man sich die Geschichte der Trans*-Kämpfe ansieht, reicht diese tatsächlich bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Später, in den 1960er- und 1970er-Jahren, spielten in Frankreich Persönlichkeiten wie Bambi oder Coccinelle eine wichtige Rolle bei der Erlangung von Rechten und Sichtbarkeit. Ohne ihren Mut, ohne ihr Engagement wäre unsere Gesellschaft heute eine ganz andere.
„Ich sehe es jedoch als meine Verantwortung Räume zu schaffen: Räume der Sichtbarkeit, der Kreativität, des Dialogs und des Ausdrucks.“
Was meine eigene Arbeit betrifft, so möchte ich als jemand, der nicht direkt betroffen ist, weder für trans* Personen sprechen noch mir ihre Kämpfe aneignen. Ich sehe es jedoch als meine Verantwortung als Leiter einer Kulturinstitution an, Räume zu schaffen: Räume der Sichtbarkeit, der Kreativität, des Dialogs und des Ausdrucks. Mein Engagement mag angesichts der Größe dieser Kämpfe bescheiden erscheinen, doch ich halte es für wichtig, alle notwendigen Mittel einzusetzen, um eine respektvollere, tolerantere und solidarischere Zukunft zu unterstützen.
Nach der Diskussion gibt es „Ugly Duckling“ zu sehen. Was hat diese Produktion mit all diesen Themen zu tun? Kraft: „Ugly Duckling“ ist ein Abend, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Welten zusammenzuführen, die vermeintlich getrennt sind. In Andersens „kleinen Meerjungfrau“ ist ja die Grenze zwischen Wasserwelt und Menschenwelt eine kaum zu überwindende Trennlinie, weshalb die Liebe der Meerjungfrau zum Prinzen so tragisch ist – und weshalb sich wohl auch so viele queere Menschen in dieser Liebeserfahrung selbst wiedererkennen. Das Stück erforscht einerseits diese Tragik und den Schmerz, der mit dem Gefühl einhergeht, nicht dazuzugehören, vermeintlich „falsch“ zu sein. Gleichzeitig sucht das Stück aber auch nach der lustvollen Überwindung von Grenzen.
Das beginnt in der Zusammensetzung des Ensembles: Theaterschauspieler*innen treffen auf Drag-Performer*innen, das sind schon mal zwei Welten. Und dann ist es so, dass sich ein queeres Publikum, das bereits etliche Drag-Shows gesehen hat, mit einem eher bürgerlichen DT-Publikum vermischt, für das es womöglich die erste Begegnung mit dieser Kunstform ist. Wir haben viele Vorstellungen erlebt, wo das Publikum im Laufe des Abends einen immer stärkeren Sinn von Gemeinschaft gespürt hat, und darin liegt für mich die eigentliche Magie des Abends. Dies hat viel damit zu tun, dass sich auf der Bühne Menschen verletzlich machen und ihre individuellen Geschichten teilen, die einerseits hoch persönlich sind, andererseits aber weit über das Persönliche hinausweisen und etwas Elementares über unsere Welt erzählen.
Wichtig war uns bei diesem Abend besonders, dem Publikum auf Augenhöhe zu begegnen, die Leute anzusprechen wie gute Freund*innen. Wir wollten über die queeren Themen, die wir da verhandeln, nicht mit erhobenem Zeigefinger dozieren, sondern die Menschen einfach einladen, unseren Geschichten zuzuhören und diese sechs wunderbaren Menschen kennenzulernen, die da auf der Bühne stehen. Sich kennenlernen, das klingt so einfach, ist aber manchmal ein wirklich magischer Akt im Theater.
Und so wie ich mich während der Proben in diese sechs Menschen verliebt habe, ist meine Regie eigentlich nur eine Einladung ans Publikum, sich beim Zuschauen wiederum in sie zu verlieben. Wir begegnen also dem Kulturkampf mit einer entwaffnenden Charme-Offensive, ohne dabei die schmerzvollen Herausforderungen auszublenden, vor die die Welt uns stellt.
Paquier: Für uns war es wirklich wichtig, vor der Aufführung des von Bastian Kraft inszenierten Stücks einen Raum für Austausch zu diesen Fragen zu öffnen. Dieser Dialog sollte die anschließende Wahrnehmung der Performance mitprägen – unser Wunsch ist es, einen Denkweg zu eröffnen. Das Programm im Deutschen Theater steht außerdem in engem Echo zu dem Projekt, das am folgenden Tag im Institut français de Berlin stattfinden wird. Dort werden wir unter anderem Kurzfilme entdecken, die von Studierenden rund um Gigi Spelsberg realisiert wurden, und uns von den Stimmen des Berliner HeartChor tragen lassen, der mit der beeindruckenden Künstlerin HotBodies arbeiten wird.
„Der Weg ist lang und holprig, aber jeder kleine Schritt ist ein Schritt nach vorn“
Der Abend des 1. Juli wird zudem von einer Diskussion geprägt sein, in der es um Fragen der Repräsentationen, der Leerstellen und der Archive geht – ein essenzieller Austausch, um blinde Flecken sichtbar zu machen und gefährliche Mechanismen des Auslöschens nicht zu reproduzieren. Hinter all dem steht unser Wunsch, positive Wege und mögliche Stimmen für ein geteiltes Erinnern sichtbar werden zu lassen, in einer Bewegung, die aus den Lehren vergangener Kämpfe schöpft, um auf eine gerechtere, solidarischere und aufmerksamere Welt hinzuarbeiten. Der Weg ist lang und holprig, aber jeder kleine Schritt ist ein Schritt nach vorn.
Podiumsdiskussion: „Vom Underground in die politische Debatte – und zurück?“
30.06., 18:00 (Eintritt frei)
mit Jayrôme Robinet, Klaus Lederer, Apolline Bazin und Birga Meyer
Deutsches Theater
Vorstellung „Ugly Duckling“
30.06., 20:30–22:20
von Bastian Kraft und Ensemble nach Hans Christian Andersen
Danach Party an der Bar mit DJ-Set
deutschestheater.de/programm
Zu den Veranstaltungen am 01.07. im Institut français, die zu dieser Kooperation gehören, gibt es hier mehr Infos.
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