Interview mit der lesbischen Regisseurin Catherine Corsini

„Die Gelbwesten-Bewegung machte eine berechtigte Wut sichtbar“

16. Apr. 2022 Annabelle Georgen
Bild: Chaz Productions
Filmregisseurin Catherine Corsini aus Frankreich

In ihrem neuen Film „In den besten Händen“ schildert die lesbische Regisseurin Catherine Corsini („La belle saison – Eine Sommerliebe“) die Spaltungen innerhalb der französischen Gesellschaft inmitten der Gelbwesten-Bewegung.

Erzählt wird eine chaotische Nacht in der überfüllten, aber personell unterbesetzten Notaufnahme eines Pariser Krankenhauses. „In den besten Händen“, mit zwei lesbischen Hauptfiguren, gewann im letzten Jahr die Queer Palm in Cannes. Am Montag ist der Film bei MonGay im Kino International zu sehen, am Donnerstag, den 21.04., startet er dann offiziell in den deutschen Kinos. SIEGESSÄULE-Kulturredakteurin Annabelle Georgen traf die Regisseurin in Berlin zum Gespräch

Der Originaltitel Ihres Films lautet „La Fracture“ – auf Deutsch „Der Bruch“. Das meint nicht nur den gebrochenen Arm einer der beiden Hauptfiguren, es gibt mehrere Brüche. Das lesbische Paar steht kurz vor der Trennung, das Krankenhaus vorm Kollaps, die Pfleger*innen vorm Burn-out. Ein weiterer Bruch im Film ist die Spaltung der französischen Gesellschaft, die man zu spüren bekommt, als Gelbwesten-Demonstrant*innen ins Krankenhaus stürmen ... Wie ist die Idee des Films entstanden? Mit meiner Lebensgefährtin und Produzentin Élisabeth Perez war ich auf der Suche nach einem Thema für eine Komödie, als ich mir bei einem Sturz den Arm brach. Wir haben eine Nacht in der Notaufnahme verbracht. Dabei habe ich die Inspiration für meine Komödie gefunden und mich damit auch ein bisschen über mein Unglück lustig gemacht.

Es steckt viel Autobiografisches in diesem Film, auch im Zusammenhang mit meiner Liebesbeziehung. Ich zeige ein Paar in einer Phase des Auseinanderdriftens. Was mich auch inspiriert hat, ist das Krankenhaus selbst. In dieser Nacht habe ich mich in die Pfleger*innen verliebt, die total überarbeitet waren, aber trotzdem ihr Bestes taten. Sie waren mit ganzem Herzen im Einsatz trotz schlechter Arbeitsbedingungen. Im Laufe der Nacht kamen dort so viele unterschiedliche Menschen an, es war eine Miniatur der Gesellschaft. Das hat mir Lust gemacht, einen politischen Film zu drehen, Bilder zu schaffen, die den gesellschaftlichen Klischees entgegengestellt sind.

„Sie waren seit geraumer Zeit eine der ersten Bewegungen, die die Regierung haben zittern lassen."

Ihr Film ist ja sehr engagiert: Zum Beispiel steht er klar auf der Seite der Gelbwesten-Bewegung, die oft schlechte Presse hatte ... Diese Bewegung, die zwar zum Teil rechtsradikalen Parteien nahestand, wurde in Frankreich ziemlich stigmatisiert. Nur sehr wenige Intellektuelle haben die Gelbwesten unterstützt. Dennoch muss man einfach sagen, sie waren seit geraumer Zeit eine der ersten Bewegungen, die die Regierung haben zittern lassen.

Diese Bewegung machte eine berechtigte Wut sichtbar. Es war die Wut der Menschen, die hart arbeiten, aber am Ende des Monats ihre Rechnungen kaum zahlen können. Es waren Rentner*innen, die nach einem langen Arbeitsleben mit 700-Euro-Pensionen überleben müssen. Es gab Leute aus allen Generationen, auch viele Frauen. Ich fand es wunderbar, dass all diese Menschen die Kreisverkehre besetzten und daraus Orte voller Leben gemacht haben. Es gab viele positive Aspekte in dieser Bewegung. Die Presse hat sich aber oft nur auf die Ausbrüche und die Auseinandersetzungen mit der Polizei fokussiert.

„Ich habe mich im Beruf lange nicht als Lesbe geoutet.“

Im Film ist die Tatsache, dass Raf und Julie ein Paar sind, überhaupt kein Thema ... Ja, ich und meine Freundin waren deshalb umso mehr überrascht, die Queer Palm in Cannes zu gewinnen. Das Lesbischsein der beiden ist kein Thema, genauso wie das Schwarzsein der Krankenschwester Kim.

Ich habe mich im Beruf lange nicht als Lesbe geoutet. In meinem ersten Film, „Les Amoureux“, ging es beispielsweise um einen jungen Schwulen, dabei erzähle ich eigentlich von mir. Ich war nicht in der Lage, einen lesbischen Charakter ins Zentrum zu stellen. 30 Jahre später, nachdem ich Filme wie „La belle saison“ oder „Un amour impossible“ gedreht habe, bin ich froh, dass ich nun auch einen Film machen kann, in dem das Lesbischsein der Protagonistinnen kein Thema ist. Das ist befreiend.


In den besten Händen
, FR 2021,
Regie: Catherine Corsini,
mit Valeria Bruni Tedeschi, Marina Foïs, Aïssatou Diallo Sagna u. a.

Ab 21.04. im Kino. MonGay-Preview am 18.04, 22:00, Kino International

Der eingebettete Inhalt konnte nicht geladen werden: https://www.youtube.com/watch?v=kSEEgs2uf00

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