Bewegungsmelder

Die Heteronormativität der schönen neuen Covid-Welt

30. Okt. 2020 Dirk Ludigs
Bild: canva

Der November-Lockdown entblößt, wie sehr das Handeln der Regierenden von Heteronormativität und protestantischer Arbeitsethik bestimmt wird – zu Lasten queerer Menschen.

Ab Montag geht Deutschland also in seinen zweiten Lockdown „light“. Und mehr noch als der erste zwischen Mitte März und Ende April offenbart er en passant, was Regierende in dieser Gesellschaft für wichtig erachten und was nicht: Gotteshäuser dürfen unter Einhaltung der Hygieneregeln offenbleiben, Fitnessstudios nicht. Friseure können öffnen, Bordelle müssen schließen. Im Media-Markt distanziert einkaufen, ja; im Restaurant distanziert essen, nein!

Ich bin kein Virologe, schon gar kein Fachmann für Sars-CoV-2 und kann und will den neuesten Maßnahmenkatalog des Bundes und der Länder nicht aus medizinischer Sicht bewerten. Als queerer Journalist kann ich aber sehr wohl aus gesellschaftspolitischer Sicht urteilen. Und es erschreckt mich, wie sehr unsere Regierenden in Krisenzeiten in überkommene, zutiefst heteronormative Weltbilder zurückfallen, wie sehr die preußisch-protestantische Arbeitsethik von dunnemals das Ruder übernimmt, sobald sie unter einer Vielzahl von möglichen Einschränkungen Prioritäten setzen müssen.

Bei einer preußisch-protestantischen Pfarrerstochter als Kanzlerin ist das vielleicht aber auch kein Wunder …

Über allem thront die klassische Vater-Mutter-Kind-Familie

Wie sieht es also aus, das gesellschaftliche Leitbild der November-Einschränkungen? Über allem thront das Wohlergehen der klassischen Vater-Mutter-Kind-Familie, die sonntags in die Kirche geht, in der Mama morgens die Blagen zur Schule bringen darf, um dann zuhause zu kochen und zu bügeln, während Papa im Wohnzimmer im Home-Office das Geld verdient. Einmal die Woche trifft Mama noch die Nachbarin zum kurzen Tratsch in der Fußgängerzone auf dem Weg zum Friseur. Mehr braucht die deutsche Hausfrau nicht zum Glücklichsein.

Theater? Kino? Pah! Abends sitzt die deutsche Musterfamilie covid-neutral bei ARD und ZDF in der ersten Reihe. Und dass Papa nicht mehr heimlich ins Bordell darf, spart Geld für die Weihnachtsgeschenke. Denn: Hauptsache Weihnachten ist die Welt wieder in Ordnung! Das hat Kanzleramtschef Helge Braun direkt am Tag der Beschlüsse als Mantra in jedes sich bietende Mikrofon gesprochen.

Die „Heteronormativität der Einschränkungen“

Queere Menschen kommen in der neuen deutschen Covid-Welt nicht vor. Deren Leben sind häufig davon geprägt, dass die engsten drei Freund*innen in drei verschiedenen Haushalten leben, dass Sexualpartner*innen nicht zusammen wohnen, dass öffentliche Orte wie Kneipen, Bars, Theater und das Zusammenkommen über mehrere Haushalte hinweg eine ganz wesentliche soziale Rolle spielen. Für queere Jugendliche sind Familien oft gerade keine Schutzzonen, sondern vielmehr Orte der Gewalt.

Schon im April hatte der Schwulenreferent der Deutschen Aidshilfe, Dr. Dirk Sander, im Zusammenhang mit dem ersten Lockdown in der Covid-Krise diese „Heteronormativität der Einschränkungen“ moniert, wollte der Politik damals jedoch „keinen Vorwurf machen, denn die mussten auch erst mal unter Stress reagieren.“ Sieben Monate und viele Erfahrungen mit der Pandemie später darf der Vorwurf jetzt umso lauter ausfallen. In der Krise zeigt sich, wie dünn der zivilisatorische Lack und wie solide die Strukturen des Patriarchats darunter weiterhin sind.

Die Queer-Community trifft es besonders hart

Schon im letzten Mai haben die Sprecher*innen für Queerpolitik der grünen Bundestagsfraktion Sven Lehmann und Ulle Schauws angesichts der prekären Situation vieler queer-relevanter Betriebe und Institutionen einen Regenbogen-Rettungsschirm gefordert. Nicht nur, dass es den bis heute nicht gibt: Wer Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 einseitig auf Bars und Kneipen, auf Kultur- und Freizeiteinrichtungen abwälzt, trifft damit die Queer-Community überproportional hart und das, obwohl queere Menschen und die gesamte queere Infrastruktur von den sozialen Folgen der Pandemie schon von Anfang an besonders hart betroffen waren.

Für Queers wird der November kein „Lockdown light“, sondern im Gegenteil: ein Lockdown, der wirtschaftlich und psychisch an ihre Existenz geht. Gegen ein Virus lässt sich nicht protestieren. Gegen den gesellschaftlichen Rollback, der mit seiner Bekämpfung einhergeht, sollten queere Menschen jedoch sehr wohl und sehr laut ihre Stimmen erheben!

Bild: Marcus Witte
Dirk Ludigs

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