Interview

Die Lunchbox Candy Nachfolge: Wer ist Tracey?

5. Mai 2026 Walter Crasshole
Bild: Adam Munnings
Die erste Tracey Clubnacht fand Anfang Mai im Kreuzwerk statt

Alle paar Jahre wird der Begriff „Clubsterben“ ausgegraben und sorgt für die nächste Runde „Panic at the Disco“. Und ja, Nachtleben und Kultur hatten es die letzten Jahre wirklich nicht leicht. Doch die neue Clubnacht Tracey, auferstanden aus der Asche von Lunchbox Candy, haucht der Szene frisches Leben ein. Wir haben mit Mitgründer Adam Munnings gesprochen

Die erste Tracey war letzten Monat – wie war’s für dich? Ehrlich gesagt schwebe ich noch immer ein bisschen auf Wolke sieben. Zu sehen, wie es von einer Idee zu einem echten Erlebnis geworden ist, war einfach krass. Wir haben nicht erwartet, dass es so elektrisch wird oder so viele Leute kommen. Klar, wir wollten, dass es groß wird – aber vor allem sollte es sich richtig anfühlen. Worauf ich am meisten stolz bin, ist die Essenz: Wenn alle mit der gleichen Intention zusammenkommen, wird es mehr als nur eine Clubnacht. Es wird ein richtig immersives Erlebnis.

Bild: Adam Munnings
Adam Munnings, Mitgründer von Tracey
„Wenn alle mit der gleichen Intention zusammenkommen, wird es mehr als nur eine Clubnacht. Es wird ein richtig immersives Erlebnis.“

Tracey kam nach dem abrupten Ende von Lunchbox Candy – was ist da passiert? Lunchbox ist nicht wegen eines großen dramatischen Moments zu Ende gegangen. Ich hab einfach eine Mail von meinem Co-Creator bekommen, dass er aussteigen will. Das fühlte sich an, als würde jemand nach einer langjährigen Beziehung per SMS oder Mail Schluss machen. Und ganz ehrlich: Allein diese Art war ziemlich unqueer. Er meinte, er habe überlegt, Lunchbox ohne seine Mitarbeit weiterlaufen zu lassen. Er glaubte aber nicht, dass die Party so ihre Integrität behalten hätte. Die Arbeit vieler anderer wurde komplett ignoriert – auch meine. Aus der Mail wurde dann irgendwann ein Gerichtsverfahren. Ich weiß jetzt: In diesem Fall kostet Freiheit 7.000 Euro. Und nachdem ich Tracey erlebt habe und gesehen habe, wie viel Freude das ausgelöst hat, würde ich das Geld immer wieder zahlen. Jeden einzelnen Cent.

Du hast das musikalische Promo-Video „Gaggy“ geschrieben und gedreht, noch bevor es den Namen Tracey gab. Warum ein Musical? Ich hab Performing Arts studiert – ich bin ein Musical-Theater-Kind. Wir haben das Musical in zehn Tagen geschrieben. Die Geschichte zurückzuholen und Schmerz durch etwas wie ein Musical in Freude zu verwandeln, fühlte sich für mich wie der einzige Weg an. Es war total kathartisch. Als queere Menschen sind wir in dieser Welt irgendwie immer Parodien unserer selbst, da hilft nur: über sich selbst lachen.

„Tracey kann alles sein – eine Sektenführerin, das Mädchen von nebenan, dein inneres Kind. Sie ist die Mutter, sie ist die Tochter, sie ist in uns allen.“

Also: Wer – oder was – ist Tracey? Wir haben viele Versionen durchgespielt. Aber als Storyteller und Creative Director hatte ich das Gefühl, dass es total viel Raum schafft, wenn man die Bewegung, das Kollektiv, personifiziert. Tracey kann alles sein – eine Sektenführerin, das Mädchen von nebenan, dein inneres Kind. Sie ist die Mutter, sie ist die Tochter, sie ist in uns allen. Spielerisch, formbar. Nicht festgelegt. Etwas, auf das Menschen projizieren und gemeinsam aufbauen können.

Die erste Nacht fühlte sich ungewöhnlich frei an, fast oldschool, aber null nostalgisch. War das Absicht? Wie absurd ist es eigentlich, wenn man in unserer Subkultur, die eigentlich einer nicht-konformen Kultur folgt, sich doch wieder konform verhalten muss, um dazuzugehören? Es gab nie einen Ort, der wirklich alle Menschen mitdenkt und sich trotzdem anti-normativ anfühlt. Tracey ist ein Space für die Others. Für die Freaks, für die Weirdos. Wir geben kein strenges Briefing vor – wir geben einen Blickwinkel vor. Wenn die Leute es fühlen, fühlen sie es.

Bild: Leo Faltin
Tracey als Space für die „Others“
„Queeres Nachtleben wird oft genau von den Menschen gebraucht, die es sich am wenigsten leisten können. Nachtleben läuft Gefahr, elitär zu werden.“

Berlin hat in letzter Zeit viele wichtige queere Orte verloren. Und gleichzeitig entstehen so lebendige Partys wie Tracey, wie siehst du das? Es ist brutal, Räume schließen und die Preise steigen zu sehen, vor allem, weil queeres Nachtleben oft genau von den Menschen gebraucht wird, die es sich am wenigsten leisten können. Nachtleben läuft Gefahr, elitär zu werden. Gleichzeitig entsteht dadurch aber auch Raum für neue Bewegungen. Vor Covid ging es beim Feiern viel um Eskapismus. Nach Covid brauchten die Leute Verbindung, Freude, Humor – deswegen hat Lunchbox so gut funktioniert. Mit Tracey geht es jetzt darum, dieses Gespräch weiterzuführen. Man spricht nicht zu einer Community, man spricht mit ihr. Menschliche Verbindung ist immer noch wichtig. Und ich hoffe, dass Partys wie Tracey das wieder auslösen können. Obwohl, nicht nur auslösen, sondern den Leuten regelrecht ins Gesicht klatschen: Lebt im Moment. Seid albern. Geht raus. Trefft euch. So viele hängen nur noch vor Bildschirmen.

Was kommt als Nächstes für Tracey? Ich will, dass Tracey kulturell Einfluss hat. Klar, es ist eine Party, aber mit grenzenlosen Möglichkeiten. Ich sehe es als kreative, kulturelle Kraft, die Menschen auch international erreicht. Es gibt so vieles, was ich machen möchte: Theater, Performance, Musik, Bildung, Community-Arbeit. Ich kann mir Tracey als einen Motor für queere Befreiung vorstellen. Partys sind erst der Anfang … die Vision ist riesig. Aber ein Schritt nach dem anderen.


Nächster Termin:
Tracey Zero – a sober experience
10.05, 17:00-01:00
ÆDEN

Tracey auf Instagram: @tracey.club

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