Von Toni Ebel bis Andreas Fux

Die Suche nach queerer DDR-Kunst – Ausstellung an vier Standorten

1. Apr. 2026 Carsten Bauhaus
Bild: KVOST/Andreas Fux
Andreas Fux, Junge Männer am Alexanderplatz, 1982

„Queere Kunst in der DDR? Biografien zwischen Underground und Propaganda“ präsentiert sich bis zum 28. Juni ganz bewusst als Schau mit Fragezeichen. An vier Orten in Berlin zeigt Kurator Stephan Koal Antworten

Drei junge Männer in knappen Shorts, Tennissocken und Oberlippenbärtchen spazieren am Alexanderplatz, ein anderer posiert nackt im Jugendzimmer vor einer Posterwand: „Die Fotos von Andreas Fux sind wirklich die größte Überraschung für mich bei der Ausstellung“, erzählt Kurator Stephan Koal der SIEGESSÄULE. „Weil er schon so früh interessante Serien gemacht hatte, die ich gar nicht auf dem Schirm hatte.“

Fux‘ Fotos von jungen Männern aus den 80er-Jahren werden in der Ausstellung neben Jürgen Wittdorfs Serie „Jugend und Sport“ von 1964 gezeigt. Als Mitglied im Verband Bildender Künstler hatte Wittdorf einen Auftrag der Sportschule Leipzig bekommen. „Aber wegen der vielen nackten jungen Männer auf den Holz- und Linolschnitten rumorte es in der Partei und im Verband Bildender Künstler“, berichtet Koal. „Von dem Moment an hat Wittdorf die Sphären komplett getrennt. Er hat weiter seine Auftragsarbeiten für Kunst am Bau gemacht, aber ganz ohne nackte junge Männer. Und die Arbeiten, die wir heute alle kennen, hat er nur noch zu Hause hängen gehabt.“

Unsichtbar in der DDR

In der DDR offiziell schwul oder lesbisch zu leben stand trotz der relativ frühen Abschaffung des Paragrafen 175 laut Koal außer Frage: „Das wurde weiterhin geächtet. Erst in den 80er-Jahren und auch nur in Berlin hat sich das Ganze aufgeweicht.“ So hat die Recherche für die Ausstellung mehr als zwei Jahre gedauert – und das nicht nur, weil es den Begriff „queer“ in der DDR damals natürlich gar nicht gab, wie der Kurator betont. „Ich habe kaum Personen gefunden, die eindeutig queere Kunst gemacht haben, zumindest auf einem bestimmten Level.“ Deshalb ist das Fragezeichen, das ursprünglich nur den Arbeitstitel ergänzen sollte, geblieben.

„Ich habe kaum Personen gefunden, die eindeutig queere Kunst gemacht haben, zumindest auf einem bestimmten Level.“

Immerhin fand Koal insgesamt neun Positionen, die nun in gleich vier Standorten präsentiert werden, neben dem KVOST, von dem die Initiative ausging, auch im Mitte Museum, im Museum der Dinge und in der nGbK. Durch das Konzept einer dezidierten Fragestellung wurde es Koal möglich, Künstler*innen wie Toni Ebel einzubeziehen, von der unter anderem einige Landschaften in Öl gezeigt werden. „Natürlich ist Ebels Kunst gar nicht queer“, betont Koal. „Und Toni Ebel hat sich selbst auch nicht als queere Person gesehen. Sie hätte sich immer als heterosexuelle Frau bezeichnet.“ Allerdings war Ebels Transition eine der ersten dokumentierten im Berliner Institut für Sexualwissenschaften.

In der Ausstellung korrespondieren ihre Gemälde mit den zeitgenössischen Skulpturen und Fotos von Harry Hachmeister, der erst 1979 in Leipzig geboren wurde, aber laut Koal zumindest „ostsozialisiert“ ist. „Und: Hachmeister ist ein trans Mann, so fand ich es ganz spannend einzufangen, wie man heute mit der Situation umgeht.“

Bild: KVOST
Toni Ebel, Selbstbildnis, 1955

Wegen der nicht ganz einfachen Einordnung nehmen die Biografien in der Ausstellung und im Katalog sehr viel Raum ein. So besteht die Chance, etwa Rita „Tommy“ Thomas näher kennenzulernen. Die Fotos, die sie als Rocker oder Dandy zeigen, haben es in die Ausstellung geschafft, obwohl sie keine klassische Künstlerin war. „Ich fand aber ihre Rolle in der Lesbenbewegung der DDR und auch ihre Selbstinszenierung so interessant, dass ich beschlossen habe, sie aufzunehmen – auch um ihre Position und Bedeutung bekannter zu machen.“

Die begleitenden Katalogtexte, etwa von Birgit Bosold, helfen bei der Einordnung: „Bei Dorothea von Philipsborn ist nicht nachweislich, dass sie lesbisch war. Aber sie hat halt zeitlebens mit einer Frau zusammengelebt und zum Schluss sogar mit drei Frauen“, fasst Koal den Kenntnisstand zusammen. „Und wenn man sich die Skulpturen anschaut, könnte man schon denken: Ja, Frauen hat sie wahrscheinlich lieber gehabt als Männer.“

Queere Kunst in der DDR? Biografien zwischen Underground und Propaganda: Toni Ebel, Andreas Fux, Harry Hachmeister, Jochen Hass, Dorothea von Philipsborn, Erika Stürmer-Alex, Rita „Tommy“ Thomas, Jürgen Wittdorf und Egon Wrobel,
28.03.–28.06.2026,
KVOST, nGbK, Mitte Museum und Museum der Dinge
Programm: ngbk.de

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