Die Tunte war der Riss im binären System – und Tim Curry war ihr Gesicht
Tim Curry, der Star aus „Rocky Horror Picture Show“, ist tot. Filmregisseur Wieland Speck würdigt den britischen Schauspieler: „Plötzlich konnte jeder Tunte sein, und das tat der Welt gut. Danke, Tim Curry!“
Am 25. August starb der britische Schauspieler Tim Curry im Alter von 80 Jahren. Obwohl er im Laufe seines Lebens viele Rollen als Schauspieler, Musicaldarsteller oder Synchronsprecher annahm – und selbst die kleinste Nebenrolle zu ungeahnter Glanzleistung erhob –, ist er vor allem für die Rolle als Dr. Frank N. Furter in der „Rocky Horror Picture Show“ berühmt. Der charismatische „Sweet Transvestite from Transsexual Transylvania“ mit verführerischer Stimme wurde zur Kultfigur der queeren Szene.
Während eines seiner letzten öffentlichen Auftritte im Herbst 2025 sprach Curry auf einem Podium über den Film. Auf die Frage, was er denke, woran man sich in Zukunft an ihn erinnern würde, antwortete er, dass es ihn nicht störe, wenn er vor allem mit der „Rocky Horror Picture Show“ assoziiert werde und er noch immer sehr stolz auf diese Rolle sei – und darauf, dass der Film „jedem die Erlaubnis gibt, sich so hemmungslos zu benehmen, wie er oder sie wirklich möchte“.
Der Kultfilm von 1975, der seit mehr als 50 Jahren bis heute in Midnight-Shows gefeiert wird – in Berlin findet die nächste am 12. September im Freiluftkino Rehberge statt –, inspiriert noch immer Queers, Genderfuckers, Punks und Kinksters, verhalf vielen LGBTIQ* zum Coming-out und erwies sich mit seiner sexpositiven Botschaft von Selbstakzeptanz als erstaunlich zeitlos. Und das, obwohl er Franchises und Filme der 50er- bis 70er-Jahre parodiert, die einem zeitgenössischen Publikum oftmals nicht mehr bekannt sind.
Wieland Speck über Tim Curry
Der Berliner Filmregisseur Wieland Speck war bis 2017 Programmleiter der Sektion Panorama der Internationalen Filmfestspiele Berlin und ist Mitbegründer des Teddy-Awards. Er erinnert sich an die Zeit, als die „Rocky Horror Picture Show“ 1977 nach Deutschland kam. Zum Tod Tim Currys und über den Einfluss des Kultfilms schreibt er:
„Es war die Tunte, die dem binären System den Bettvorleger unterm Arsch wegzog, und Tim Curry war der Protagonist ab der zweiten Hälfte der 70er-Jahre. Der schwulen- und sexfeindlichen Welt jener Zeit mit Lust und Verführung zu zeigen, dass es auch anders geht, wurde zum Riesenerfolg und bewies, dass ein queeres Publikum Welterfolge erzielen kann.
Das erste halbe Jahr 1977 war es ein rein queeres Rocky-Horror-Publikum in unserem Tali-Kino, heute Moviemento, am Kottbusser Damm (als junger Mann hat Wieland Speck dort gearbeitet, Anm. d. Red.). Dann kamen die Freunde und Freundinnen, heute nennt man sie Allys – der Rest ist Geschichte, mit Kostüm und Schminke, Reis, Wasser und Zeitung auf dem Kopf …
Der Kampfruf ‚Give yourself over to absolute pleasure‘ florierte prächtig für 40 Jahre und stößt erst jetzt wieder an Grenzen eines neuen Spießertums.
Plötzlich konnte jeder Tunte sein, und das tat der Welt gut: Der Kampfruf ‚Give yourself over to absolute pleasure‘ florierte prächtig für 40 Jahre und stößt erst jetzt wieder an Grenzen eines neuen Spießertums. Danke, Tim Curry, für diesen gewaltigen Kick, danke Autor, Komponist und Teddy-Preisträger Richard O’Brien – so einen Kick hat die jetzige Kackwelt bitter nötig: Seien wir inspiriert!“
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