„Du bist richtig!“ Vatertag und die Wunden schwuler Söhne
Felix Nieder hat gerade das Buch „Trauma: Vater“ veröffentlicht. Darin setzt sich der 32-jährige Jurist und LGBTIQ*-Aktivist am Beispiel der eigenen Familiengeschichte mit Daddy Issues auseinander, die vielen in der Szene bekannt vorkommen werden und über die es lohnt, neu nachzudenken
Am 14. Mai ist Vatertag. Für viele schwule Männer ist das kein leichter Tag. Denn hinter diesem Datum liegt oft eine Leerstelle: der Vater. Ich erinnere mich, wie ich als Kind mit Barbies spielte und dafür beschämt wurde. Früh wurde vermittelt: So, wie du bist, bist du falsch. Sätze wie „Wenn du schwul bist, brauchst du nicht mehr nach Hause zu kommen“ verschwinden nicht. Sie bleiben.
Bis heute habe ich keinen Kontakt zu meinem Vater. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil Angst und Beschämung geblieben sind. Diese Kindheit wirkt nach, tiefer als man wahrhaben will.
Mir hat ein Vater gefehlt, der sagt: „Du bist richtig.“ Stattdessen habe ich gesucht. In Männlichkeit, in Blicken, in Bestätigung. Und immer wieder diese innere Erfahrung von Nichtdazugehören gemacht.
Seit über zehn Jahren im Dating-Kosmos schwuler Männer zeigt sich mir ein Muster: Hinter vielen Geschichten steht ein emotional abwesender oder distanzierter Vater. Selbst ohne Bruch bleibt oft etwas zwischen Vater und Sohn: die Sexualität. Gerade in Städten wie Berlin wird das sichtbar. Auf Grindr reiht sich ein Körper an den nächsten. Schnell, anonym, verfügbar. Für einen Moment fühlt es sich wie Nähe an, doch oft ist es nur ein kurzer Versuch, inneren Mangel zu überdecken. Aus dieser Erfahrung heraus habe ich mein Buch „Trauma: Vater“ geschrieben. Auch in meiner Geschichte zeigt sich dieses Muster. Besonders in der Beziehung mit Pablo, dem Protagonisten meines Buches, der aus Athen stammt.
Zwischen uns war Liebe und gleichzeitig Unsichtbarkeit. Über ein halbes Jahr wurde ich verheimlicht. Wenn sein Vater anrief, musste ich still sein. Ein beschissenes Gefühl für uns beide. Er wollte mich lieben, aber er konnte es nicht leben. Am Ende sagte er: „Ich muss mich gegen dich entscheiden.“ Und ich verstand: Es waren auch Angst, Scham und das, was vor uns lag.
Nach der Veröffentlichung haben mich viele Leser*innen kontaktiert. Menschen mit ähnlichen Geschichten. Und genau darin zeigt sich, wie groß dieses Thema ist. Daniel: „Beim Coming-out sagte mein Vater: ‚Jetzt habe ich einen behinderten und einen schwulen Sohn‘, als würde mein Vater beides als Enttäuschung wahrnehmen. Das hat sich eingebrannt, auch wenn wir heute wieder Kontakt haben.“
Henrik: „Ich bin überall geoutet, außer bei meinem Vater. Die Beziehung meines Ex musste geheim bleiben. Dieses Verstecken hat uns am Ende kaputtgemacht.“ So viele Geschichten, so ähnlich.
Heute ist Vatertag. Ich feiere trotzdem. Für mich ist es kein trauriger Tag mehr. Denn ich habe gelernt: Kein Mensch von außen kann diese Leerstelle dauerhaft füllen. Es ist ein stilles Generationstrauma, weitergegeben ohne Worte. Und ich will nicht länger nur sehen, was gefehlt hat. Ich will sehen, was ich verändert habe.
Und ich will nicht länger nur sehen, was gefehlt hat. Ich will sehen, was ich verändert habe.
Ich werde rausgehen, Luft holen, spüren, dass ich frei bin. Frei von der Scham, frei vom Verstecken. Vielleicht lese ich, vielleicht tue ich mir einfach etwas Gutes. Ein selbstwertschätzender Tag, der sich nach innen richtet. Und vielleicht bedeutet genau das eines Tages, dass ich selbst ein Vater sein kann, der gibt, was ich nie bekommen habe: Würde, Sicherheit und mehr Liebe.
Folge uns auf Instagram
#Kommentar#Vater#Vater-Sohn-Konflikt#Vatertag