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Star der Gegenwartsliteratur im Interview

Eileen Myles: „Wir sollten uns in Richtung Transfeminismus bewegen“

7. Juni 2023 Austin Brown
Bild: Shae Detar
Lyriker*in Eileen Myles

Die nicht binäre, lesbische Lyrik-Legende Eileen Myles tritt am 12. und 13. Juni im Rahmen des 24. Poesiefestivals in Berlin auf, um u. a. über fluide Identitäten in der Literatur zu sprechen und neue Texte zu präsentieren. SIEGESSÄULE-Autor Austin Brown bat Myles zum Interview

„Rockstar der Gegenwartslyrik“, so wird Eileen Myles, geboren 1949 in Massachusetts, USA, gern betitelt. Unter den über 20 veröffentlichten Büchern dürfte vor allem der Roman „Chelsea Girls“(1994) zu dieser Legendenbildung beigetragen haben. Aber auch für viele andere Essays, Romane und Lyrikbände gab es Auszeichnungen und große internationale Anerkennung. Myles lebt seit Mitte der 70er-Jahre in New York City (im geliebten und im Buch beschriebenen Apartment in Greenwich Village) sowie teilweise auch in Marfa, Texas.

Myles‘ neustes Buch „For Now“ aus dem Jahr 2020 erschien nun auf Deutsch unter dem Titel „Zur Zeit“. Es handelt sich um eine kurze und launige Betrachtung der sozialen Verhältnisse in den USA und um das ganz persönliche Drama des Wohnungsverlustes. Denn eines Tages bekommt Eileen Besuch von der neuen Hausbesitzerin, die froh verkündet, dass es doch eh besser sei, in Texas als in New York zu schreiben. Kurz danach soll die geliebte Wohnung im Greenwich Village dann auch zugunsten der Gentrifizierung geräumt werden. Dieses bedrohliche Alptraum-Szenario vor dem Hintergrund eines weiteren Verlusts – eine ganze Kiste mit wichtigen Aufzeichnungen – beschreibt Eileen Myles in gewohnt lakonischer und leicht unzusammenhängender Weise und philosophiert dabei über Stadt, Land, Leute und die eigene Befindlichkeit. Fast so, als ob ein Fenster in den eigenen Kopf hinein aufginge.

Eileen Myles: „Zur Zeit“, übersetzt von Milena Dama, Matthes & Seitz, 110 Seiten

Eileen, du bist häufig in Berlin. Was magst du an der Stadt? Wie unterscheidet sie sich von New York oder Marfa, Texas? Ich mag Städte generell und jede ist ein bisschen anders. Ich bin mir nicht sicher, ob ich genau sagen kann, wie sie anders sind. An den meisten Orten hier herrscht eine Mischung aus Eleganz und Funkyness. Ich mag die Architektur, und die Stadt scheint kulturell reich zu sein.

In den USA wurden zahlreiche Gesetzesentwürfe eingebracht, die sich gegen Dragshows wenden, und als breite Gegenreaktion auf LGBTIQ*-Rechte zu verstehen sind. Was denkst du über die Unterdrückung offensichtlich harmloser kultureller Phänomene im Sinne einer politischen Agenda? Die Frage in Amerika ist derzeit, ob wir uns hin zu einem fundamentalistischen Land bewegen. Da muss man sich bloß Ron DeSantis (Gouverneur Floridas, Anm. d. Red.) ansehen: Er ist wirklich beängstigend. Meiner Erfahrung nach gewinnt meist die verrückteste Person die Wahlen, von der man nie gedacht hätte, dass sie jemals Präsident werden könnte. Und DeSantis ist schlicht ein Arsch. In gewisser Weise schien es mir, dass für eine bestimmte Zeitspanne trans* Personen akzeptierter waren als Homosexuelle. Es schien so, als würde mit dieser Akzeptanz die Geschlechterpolarität zementiert. So in etwa: „Diese Person möchte ein Mann sein, diese Person möchte eine Frau sein und das ist akzeptabel.“ Jetzt ist es aber so, dass niemand mehr akzeptabel ist.

Das Grundrecht auf Heirat für homosexuelle Menschen wird in Frage gestellt. Ich finde, die wichtigste Frage in den USA ist wirklich, ob wir unser Regierungssystem weiterentwickeln können. Denn dieses System war schon immer als Sklavenstaat aufgebaut. Wir werden von einer Minderheit regiert, genau wie der Iran. Und in vielen Regionen passieren die falschen Dinge. Das wird so lange unverändert bleiben, bis wir das System repariert bekommen. Aber das Problem dabei ist natürlich, dass die dafür Verantwortlichen genau dieses Ungleichgewicht der Macht gut finden.

„Es gab immer einen genozidalen Gedanken am Anfang eines jeden politischen Denkens in Amerika."

Was sind deiner Meinung nach die Zusammenhänge zwischen dieser aggressiven Gesetzgebung und der zunehmenden Gewalt gegenüber der LGBTIQ*-Community? Das ist gar keine Frage: Das eine füttert das andere! Genau das ist das Schamlose daran. Während diese Gewalt geschieht, werden parallel dazu auch die entsprechenden Gesetze erlassen. Das ist schlicht und einfach Faschismus. Die Botschaft, die davon ausgeht, lautet: „Wir sind bereit, euch auszurotten und wir finden das total okay so.“ Ich habe viel über Stadtplanung gelesen. Der erste Schritt der Stadtplanung bestand einst darin, die indigene Bevölkerung zu vertreiben. Die Denkweise dahinter war: „Wir müssen die Menschen, die bereits dort leben, loswerden, dann haben wir Platz und können neu anfangen, ihn zu füllen.“ Es gab also immer einen genozidalen Gedanken am Anfang eines jeden politischen Denkens in Amerika. Und wie wir wissen, ist unsere Wirtschaft auf Sklaverei aufgebaut.

„Es gibt keinen Konflikt um Männlichkeit. Es geht immer nur um Weiblichkeit."

Als nicht binäre Person, wie siehst du die Diskussion innerhalb der LGBTIQ*-Community über nicht binäre Identifikation? Wie stehst du zu der Bewegung des trans* Personen ausschließenden Radikalfeminismus, sogenannter TERFs, die unter anderem nicht binäre Personen als Affront gegen frühere feministische Bewegungen betrachtet? In der LGBTIQ*-Community hat sich etwas aufgestaut. Die Auseinanderseztung über die Frage, wie man darauf kam, sogenannte TERFs zu verteufeln, wird sehr interessant. Ich meine, es ist doch einfach so: In manchen Kreisen wird sehr leicht das Wort „lesbisch“ mit TERF verbunden. Die Idee dahinter ist, dass Lesben der Feind von trans Frauen seien. Darüber reden wir doch hier eigentlich. Aber niemand spricht darüber, dass trans Männer und heterosexuelle cis Männer irgendeine Art von Krieg führen. Es gibt keinen Konflikt um Männlichkeit. Es geht immer nur um Weiblichkeit. Trans Frauen fühlen sich meiner Ansicht nach in einigen Bereichen innerhalb des lesbischen Feminismus und der feministischen Geschichte unsichtbar gemacht. Vielleicht erleben sie dies als etwas ganz Essentielles – es ist aber noch viel komplizierter als das.

„Die Dykes der 70er haben sich gegen das Patriarchat aufgelehnt!"

Es gibt diesen Ansatz, mit dem Feminismus vollkommen neu anzufangen. Nach dem Motto: „Es gibt nur eine Zeit, und das ist die Gegenwart.“ Ich verstehe das Bedürfnis zwar irgendwie, halte dieses Vorgehen aber für eher unglücklich, denn es löscht aus, was im lesbischen Feminismus bisher großartig war und ist. Die Dykes der 70er haben sich gegen das Patriarchat aufgelehnt!

Ich finde aber dennoch, wir sollten uns in Richtung Transfeminismus bewegen. Frauen waren immer die Außenseiterinnen auf dem Planeten. Wenn es also eine neue Gesellschaft von Frauen mit neuen Wegen von Horizonterweiterung und neuem Verständnis füreinander geben soll, dann muss das Weibliche umfassend überdacht werden. Es muss darin aber auch einen Platz für das geben, was die früheren Dykes antrieb, separatistisch zu sein und die patriarchale Gesellschaft zu verlassen. Sie flohen doch damals genau vor dem Gleichen, was uns jetzt ALLE unterdrückt.

Übersetzung: Nina Süßmilch

Eileen Myles beim 24. Poesiefestival Berlin:
12.06. ab 19:30 Uhr: Poesiegespräch: Eileen Myles & Alice Notley – „Offering The Healing Word“
13.06. ab 19:30 Uhr: Writing Identities: „You Are Dazzled by Their Murmurations" (Lesung und Gespräch mit Kemi Alabi, Julian Talamantez Brolaski, Kay Gabriel und Eileen Myles)

poesiefestival.org

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