Homo-Ikone

Einladung zur Realitätsflucht: Kylie Minogue im Interview

6. Nov. 2020 Marcel Anders
Bild: Florent Raimond

Tanzen als Eskapismus: Auf ihrem neuen Album „Disco“ beschwört Kylie Minogue die stilvolle musikalische Realitätsflucht. Marcel Anders sprach für SIEGESSÄULE mit der australischen Pop-Ikone über Corona, Prince, Partys und den Champagnerdurst ihrer Fans

Frau Minogue, Ihr letztes Album „Golden“ war ein Vorstoß in den 70s-Pop – und sehr erfolgreich. Warum jetzt wieder ein lupenreines Disco-Album? Ist das kein Rückschritt? Nein, ich denke, es war klar, dass ich dahin zurückkehren würde. „Golden“ war ein nettes kleines Abenteuer, für das ich immer dankbar sein werde, weil ich dadurch viel gelernt habe. Etwa einen ganz anderen Ansatz in Bezug auf das Songwriting – und auch meine Zeit in Nashville war wunderbar. Doch ironischerweise begann die Reise zurück zum Dancefloor ausgerechnet während der „Golden“-Tour. Wir hatten da eine Sektion in der Show – eine von insgesamt sechs –, die ganz am Ende war. Unmittelbar vor den Zugaben. Das war die Studio-54-Sektion – ein Riesenspaß. Ich habe mich jeden Abend wahnsinnig darauf gefreut. Diese Zeit war wahnsinnig inspirierend: die Musik, die Mode, das Auftreten, die Attitüde. Das hat mich dahingehend motiviert, mehr neue Musik in dieser Richtung zu machen.

Hand aufs Herz: Haben Sie in letzter Zeit viel Daft Punk, Prince oder Earth, Wind & Fire gehört? Das Album scheint davon beeinflusst ... Alles davon! Als ich „Golden“ gemacht habe, war es ein Dolly-Parton-Album, das ich immer wieder gehört habe und einfach toll fand. Als ich meine Wohnung während des Lockdowns in ein Heimstudio verwandelt habe, bin ich zufällig wieder auf „Purple Rain“ von Prince gestoßen – und habe es ständig aufgelegt. Was nicht heißt, dass das der Haupteinfluss für die neuen Songs war, aber hey: Es gibt Schlimmeres, als von ihm inspiriert zu sein. (lacht) Ich hätte nichts dagegen, wenn sein Einfluss auch auf zukünftige Alben durchschimmern würde. Und es war nett, einen Song oder eine Passage einzusingen, sich umzudrehen und dann das Plattencover von „Purple Rain“ vor der Stereoanlage zu sehen. Nach dem Motto: „Da ist er ja wieder.“ Denn: Er war mein Pin-up, mein Jugendschwarm, als ich 14, 15 war.

Haben Sie ihn je getroffen? Ja! Ich habe sogar eine private Führung durch Paisley Park von ihm erhalten und er hat einen Song für mich geschrieben. Leider bin ich nie dazu gekommen, ihn aufzunehmen. Dabei hatte er extra ein Demo für mich angefertigt. Ich weiß nicht einmal mehr, wo das ist – was mir wirklich peinlich ist. Damals, als ich ihn getroffen habe, war mein erster Gedanke: „Wenn du jetzt das Gesicht deines 14-jährigen Ichs sehen könntest …“ Denn ich konnte kaum glauben, dass ich wirklich da war. Ich, das Mädchen aus einem Vorort von Melbourne, laufe mit Prince durch Paisley Park. Es war verrückt.

Und: War er genauso groß wie Sie? Wir waren tatsächlich gleich groß – auch auf den High Heels, die wir beide getragen haben. (lacht) Wenn ich mich recht erinnere, konnte er damit aber viel höher kicken als ich. Er war wirklich ein Phänomen.

Ist die Veröffentlichung eines Disco-Albums inmitten der Corona-Pandemie und angesichts geschlossener Clubs nun pures Wunschdenken, also reine Nostalgie? Oder verbirgt sich dahinter auch Eskapismus – eine Einladung zur Realitätsflucht? Definitiv. Es hat schließlich einen Grund, warum Disco gerade so eine Renaissance erlebt und sich wieder so viele Künstler*innen damit beschäftigen. Nur: Die meisten Songs, die gerade laufen, wurden halt schon letztes Jahr aufgenommen – und nicht erst während der Pandemie. Ich kann das aktuelle Revival dieses Sounds aber wirklich nur so erklären, dass Pop halt eine zyklische Sache ist und es eine logische Entwicklung war, die sich abgezeichnet hat. Also vielleicht war es einfach an der Zeit – egal, was in der Welt passiert. Die aktuelle Lage verleiht dem noch einen Nachhall, den eigentlich keiner gewollt hat – und den niemand vorhersehen konnte.

„Disco als Musik und Lifestyle hat ihren Ursprung an einem Ort, der gar nicht so glücklich und strahlend war.“

Trotzdem haben diese hedonistischen Songs etwas von einem Manifest zum Durchhalten und Überwinden der Krise. Zufall? Ich denke, viele meiner Songs haben das ohnehin. Wobei da aber auch immer eine gewisse Melancholie mitschwingt – eben das Wissen, dass das Leben nicht immer leicht ist. Deshalb heißt es im Song „Say Something“: „Du kannst die Dunkelheit erleuchten“ – also die Lichter scheinen dann am hellsten, wenn es etwas zu erhellen gilt. Und man darf auch nicht vergessen, dass Disco als Musik und Lifestyle ihren Ursprung an einem Ort hat, der gar nicht so glücklich und strahlend war. Die Menschen haben sich diesen Sound und diesen Raum erschaffen, um sie selbst sein zu können, sich selbst auszudrücken, der Welt zu entfliehen und sich für eine Nacht eine andere, bessere zu erschaffen. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Disco so nachhallend ist – eben, weil es Eskapismus ist. Aber, wie gesagt, selbst die besten Disco-Songs wie etwa von Gloria Gaynor, „I Will Survive“, sind keine wirklich fröhlichen Songs, sondern voller Licht und Schatten.

Ist Eskapismus im Jahr 2020 besonders wichtig? Und wie! Schließlich können wir nicht ausgehen und erst recht nicht tanzen gehen. Die Leute reden ständig darüber, wie uns Musik verbindet bzw. wie sie ihre Geschichte und ihre Gefühle in dem erkennen, was sie hören. Insofern suchen wir alle nach diesen Momenten – mehr denn je.

Demnach haben Sie Ihr Haus oder Apartment in eine Heimdisco verwandelt? (lacht) Nicht ganz. Aber zumindest habe ich eine Diskokugel auf dem Bücherregal im Wohnzimmer, wo ich mein Studio eingerichtet hatte. Also: Ich hatte Prince, eine Diskokugel und so unglamouröse Sachen wie Bettlaken und Wolldecken, mit denen ich den Klang zu absorbieren und eine möglichst hohe Qualität zu erreichen versucht habe.

„Ich würde alles dafür geben, wieder ein paar Stunden unter Menschen zu sein und wild draufloszutanzen.“

Ziehen Sie privat nach wie vor durch die Clubs? Wenn ich ehrlich bin: Nicht mehr so viel, wie ich das früher getan habe. Meine wilden Club-Tage waren in den frühen bis mittleren 90ern. Ich war jung, ich wollte Spaß, also bin ich ausgegangen. Ich muss aber sagen, dass ich mich mehr und mehr nach dieser Zeit zurücksehne. Also, dass ich ihr auf gewisse Weise nachtrauere. Denn damals gab es noch keine Mobiltelefone mit Kamera, kein Twitter, kein Instagram und kein TikTok. Du warst da in dem Augenblick. Du hast das ganz intensiv genossen und warst nicht von irgendwelchen Sachen abgelenkt. Gut möglich, dass es die jüngere Generation langweilig findet, wenn wir von den guten alten Zeiten schwärmen, aber im Rückblick muss ich sagen: Es war toll – viel besser als heute. In den letzten Jahren war ich nicht mehr so viel unterwegs. Und wenn ich wirklich mal getanzt habe, war das eher spontan – wenn nach dem Abendessen die Musik lauter geworden ist, man die Möbel zur Seite geschoben hat und einfach seine eigene Disco gestartet hat. In den eigenen vier Wänden. Wobei ich jetzt sofort in den nächsten Club rennen würde, wenn ich nur könnte. (lacht) Im Ernst: Ich würde alles dafür geben, wieder ein paar Stunden unter Menschen zu sein und wild draufloszutanzen. Momentan wäre das mein ultimativer Traum.

Apropos ultimativ: Sie sind die einzige Künstlerin, der es jemals gelungen ist, die Champagnervorräte der Royal Albert Hall in London mit einem einzigen Konzert zu killen. Stimmt! Und wissen Sie was: Das ist meine Lieblingsstatistik! Bei meiner Weihnachtsshow 2015 ist der Halle der Champagner ausgegangen – zum ersten Mal überhaupt, in ihrer langen Geschichte. Worauf ich wahnsinnig stolz bin. Es zeigt, dass meine Fans etwas ganz Besonderes sind und dass sie eine Sache, die ihnen gefällt, so richtig genießen.

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