Ausstellung

Erotik politisieren: „Der kleine Prinz“ als schwule Liebesgeschichte

14. Jan. 2020 Cristian D. Magnus
Bild: Roland Beaufre
Soufiane Ababri

Soufiane Ababri erzählt in seinen Bildern die Geschichte des „kleinen Prinzen“ neu. Wir trafen den schwulen Künstler zum Gespräch

Soufiane Ababri wurde in Marokko geboren und lebt und arbeitet in Paris und Tanger. Noch bis zum 1. Februar läuft seine Ausstellung „Something New Under the Little Prince's Body“, die auf Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ basiert. Darin setzt sich der schwule Künstler mit Sexualität und Liebe im postkolonialen Zeitalter auseinander

Herr Ababri, Sie schaffen Ihre Werke im Bett liegend. Warum? Das ist für mich ein Weg, die Arbeit im Studio zu boykottieren und alles, was mit der Vorstellung von Arbeit in einem Studio zusammenhängt, etwa die Idee eines männlichen Künstlers, der eine akademische Herkunft hat. Das Studio zu meiden ist für mich außerdem eine Methode, Erlerntes zu verlernen und Wissen abzulegen, das ich in westlich geprägten Kunstakademien erworben habe. Es ist für mich aber auch ein Weg, über Kunstgeschichte zu sprechen. Orientalisten und flämische Maler widmeten den Innenraum den Frauen. Die Orientalisten stellten Frauen, Sklaven und Araber als lasziv, passiv und faul dar, also als nicht verantwortlich und beherrschbar. Diese Position wieder einzunehmen ist eine Form des Widerstands und eine Art, sichtbar zu werden, ohne die Werkzeuge der Herrschenden zu nutzen.

Ihre Ausstellung zeigt uns den kleinen Prinzen, der weiß ist, und seinen Liebhaber, der eine Person of Color ist. Rassismus und Klassismus, Macht und Homosexualität: Wie interagieren diese Aspekte hier? Die Idee war, auf einen Mangel zu reagieren und eine Lücke zu füllen. Der Erschaffer des kleinen Prinzen, Saint-Exupéry, hat freiwillig oder unfreiwillig in seinem Buch die afrikanische Sahara von Menschen arabischer Herkunft entleert. Den kleinen Prinzen mit einem Einheimischen in Kontakt zu bringen und sich eine homosexuelle Liebesgeschichte zwischen Menschen verschiedener Hautfarben vorzustellen sind eine Art, über Sichtbarkeit zu sprechen und die Machtverhältnisse und Andersartigkeit zwischen dem Dominanten und dem Dominierten infrage zu stellen.

Wie geht die Geschichte zwischen dem kleinen Prinzen und seinem Liebhaber am Ende aus? Es gibt drei Bilder, auf denen die Story basiert. Es ist ein Triptychon, das entstand, als ich über biblische Geschichten in Kirchenfenstern nachdachte: Die beiden Liebenden geben sich einer erotischen Annäherung hin, bei der die Herrschaft übereinander freiwillig ist und in der sie sich abwechselnd dominieren. Am Ende werden die beiden gezeigt, wie sie die Erde verlassen und zu den Sternen fliegen. Vielleicht verlassen sie die Erde, um ihre Liebe auf dem Planeten des kleinen Prinzen leben zu können. Das ist nicht sehr optimistisch, aber es ging darum, zu zeigen, dass noch nichts festgeschrieben ist. Es sind noch viele Wege zu gehen, bevor wir alle als Gleichberechtigte miteinander leben können.

Welche Rolle spielen Ihre eigenen Erfahrungen mit Macht, Privilegien und Unterdrückung in Ihrer Arbeit? Bei meiner Arbeit geht es immer um persönliche Erfahrungen. Das heißt, ich versuche, das, was mit mir geschieht, auf soziologische Weise infrage zu stellen. Mich nicht als Sonderfall zu betrachten ist eine Art, über die Gruppe nachzudenken und ihr Stigma nicht psychoanalytisch zu behandeln. Ausgangspunkt dieser Ausstellung war meine Liebe zu einem blonden Jungen. Sie war der Anlass zu dieser Forschung über die Möglichkeit einer Liebe zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarben, ohne dabei die Verschiedenheit zu betonen, aus der Perspektive von jemandem, der aus einer postkolonialen Generation stammt.

Ein Kritiker schrieb über die Ausstellung, dass Sie das Politische sexualisieren, sodass Ihre Arbeit erfüllt sei von einem Verlangen nach dem nächsten Schwanz und der nächsten Revolution. Was halten Sie davon? Ich denke, wenn man schwul ist und Araber, dann ist es automatisch politisch, über Liebe zu sprechen. Über Erotik zwischen Männern zu sprechen ist nicht neutral. Darum glaube ich nicht, dass ich das Privileg habe, zu sprechen, ohne dabei politisch zu sein. Also ja, ich erotisiere Politik und politisiere Erotik.

Interview: Cristian D. Magnus