Kommentar

Eurovision Song Contest 2022: Favorit der Herzen gewinnt

15. Mai 2022 Sascha Osmialowski
Bild: EBU / Andres Putting
Kalush Orchestra im PalaOlimpico

Die Ukraine gewinnt den Eurovison Song Contest in Turin. Sascha Osmialowski berichtet von der Stimmung in der Halle und lässt den Abend noch einmal Revue passieren

Ein Zeichen der Solidarität Europas: Die Band Kalush Orchestra aus der Ukraine gewinnt souverän den Eurovision Song Contest in Turin – mit satten 165 Punkten Vorsprung gegenüber dem Zweitplatzierten. Ob es auch ohne die politische Lage für diesen gelungenen Mix aus Folklore, Rap und Beats zum Sieg gereicht hätte, lässt sich schwer sagen. Mit Großbritannien, Spanien und Schweden landen die Fanfavoriten auf den ersten Plätzen.

Los geht es mit dem finnischen Beitrag von The Rasmus: „Jezebeeeeeeeel!!!!“ Der süße Italiener hinter mir hat sich seinen allerersten ESC vor Ort irgendwie anders vorgestellt. Guiseppe aus Milano hat genau wie ich eines der begehrten Fantickets ergattert und sich für den großen Abend richtig schick gemacht. Nun kreischen ihm vier finnische Fangirls im Alcopopmodus das Trommelfell aus der Ohrmuschel. Man hat es nicht immer leicht als eingefleischter ESC-Groupie.

Trash, Trauer, Travestie und Trockeneis reichen sich auf der ESC-Bühne für einen Abend liebevoll die Hände. Bellissima! Dabei zählt der Turiner ESC im Ranking der Hardcorefans nicht zu den Besten: Eine klemmende Bühne, hölzerne Moderationen, verwirrende Bildführung – das italienische Fernsehen kredenzt eine arg angestrengte Show ohne bemerkenswerten Charme. Kein Wunder! Der ESC gilt in Italien eher als Abklatsch des renommierten San Remo-Festivals.

Perfekter ESC-Quatsch

Das kümmert uns Freaks in der Halle wenig, und auch Guiseppe weiß: ESC ist queeres Heiligtum. Auf dem Startplatz des Todes (Nr 2) singt ein Rumäne in Lacklederhose und Trickbluse davon, dass ich ihn anrufen soll. Das Ganze wirkt billig. Herzig hingegen der Singkreis aus Portugal. Beschwören die Frauen einen Fado-Troll? Das hört sich charmant weg, bleibt aber nicht hängen.

Frankreich: hektisch, kreischig und unangenehm grün. Bei dem Bühnenlicht sieht wirklich niemand gut aus. Norwegen liefert dafür perfekten ESC-Quatsch. Die Wölfe in ihren gelben Polyesterstramplern beißen bei den Jurys weitgehend auf Granit, aber was ist an Beats und Bananen auszusetzen?

Spanien: Knackig, zackig, nackig! Es wird tosend laut in der Halle. Auch Giuseppe hinter uns hält es nicht mehr auf den Sitzen. Es folgt der Dancefloorkracher des Abends. Chanel aus Spanien. Das ist duftes Show-Entertainment aus dem Premiumsegment.

Niederlande: so schön geht traurig! Von den zahlreichen Betroffenheitsballaden heute trifft die niederländische Sängerin S10 den Ton am besten.
Zuversichtlichte Depressionsbewältigung. Wirklich schön.

Der Beitrag aus der Ukraine ist der Favorit der Herzen. Und der Wettbüros. Folklore meets HipHop meets Breakdance. Definitiv einer der Top 5-Songs an diesem Abend. Im Saal gibt es zu Recht wenig Zweifel am Sieg von Kalush Orchestra.

Litauen glitzert, UK glänzt

Monika Liu aus Litauen chansont sich in mein Nachtclubherz. Die Su Kramer des Baltikums. Bestes Kleid des Abends! Nur die Spacebühne des Briten kann da an Glitzerglanz mithalten. Der hypergutdraufige Sam Ryder kann was. Auch wenn ich Kopfstimme selten ertragen kann – seine räumt in der Halle mächtig ab.

Die wichtigste Frage des Abends kommt aus Serbien: „Was ist der Grund für Meghan Markles makelloses Haar?“, singt die Sängerin Ana Đurić, bekannt als Kontrakta. Sie erinnert an eine strenge Lehrerin und erteilt Unterricht in Handhygiene. Eine göttliche Kritik am serbischen Krankenversicherungssystem. Hands up for Serbia. Amen! Meine Favoritin. Aus Moldau kommt Blödelfolk über die Wiedereröffnung einer Bahnstrecke zwischen Bukarest und Chişinău. Nervt ultrakrass. Macht überhaupt noch jemand Interrail?

Queere Acts = Jammernde Jungs

Vorneweg im Schmonzenkanon: Die schmachtenden Italiener mit einer homophilen Liebessäuselei. „Brividi“ kann jede*r Italiner*in im Saal mitsingen. Gänsehautmoment in der Halle. Allerdings waren Mahmood und Blanco stimmlich schon wesentlich besser drauf.

Großes Drama, große Robe, große Treppe: Der Australier Sheldon Riley herzschmerzt stimmsicher vom Anderssein. Ich kann mich nicht entscheiden. Ist das jetzt große Kunst oder großes Gejammer? Selbst mir als Hyperhusche ist das von allem eine Spur zu viel.

Ach ja – da war ja noch was: Deutschland. Wieder ein netter Typ, wieder ein nettes Lied, wieder der letzte Platz. Warum man den LED-Bühnenboden bei der größten Musikshow der Welt mit ollen Teppichen abdecken muss, bleibt rätselhaft. Zugegeben: Der Startplatz hinter den Topfavoriten aus der Ukraine ist schwierig. Aber schon zu Showbeginn galt die Nummer als Pinkelpausentipp. Mit 6 Punkten holt der deutsche Beitrag immerhin doppelt soviele wie Jendrik letztes Jahr. Fünf Mal letzter Platz in den vergangen sechs Wettbewerben – das muss man auch erstmal schaffen. Der NDR steht für Stabilität. Und bleibt auf dem Teppich: Urban moderiert, Schönberger vergibt die Punkte und der deutsche Beitrag gerät schnell in Vergessenheit.

Bild: Sascha Osmialowski
Sascha Osmialowski

ESC-Finale 2022: Ergebnisse

1. Ukraine / Kalush Orchestra "Stefania" / 631 Punkte
2. Großbritannien / Sam Ryder "Space Man" / 466 Punkte
3. Spanien / Chanel "SloMo" / 459 Punkte
4. Schweden / Cornelia Jakobs "Hold Me Closer" / 438 Punkte
5. Serbien / Konstrakta "In corpore sano" / 312 Punkte
6. Italien / Mahmood & Blanco " Brividi" / 268 Punkte
7. Moldau / Zdob și Zdub & Fraţii Advahov "Trenuleţul" / 253 Punkte
8. Griechenland / Amanda Georgiadi Tenfjord "Die Together" / 215 Punkte
9. Portugal / Maro "Saudade, saudade" / 207 Punkte
10. Norwegen / Subwoolfer "Give That Wolf A Banana" / 182 Punkte
11. Niederlande / S10 "De Diepte" / 171 Punkte
12. Polen / Ochman "River" / 151 Punkte
13. Estland / Stefan "Hope" / 141 Punkte
14. Litauen / Monika Liu "Sentimentai" / 128 Punkte
15. Australien / Sheldon Riley "Not The Same" / 125 Punkte
16. Aserbaidschan / Nadir Rustamli "Fade To Black" / 106 Punkte
17. Schweiz / Marius Bear "Boys Do Cry" / 78 Punkte
18. Rumänien / WRS "Llámame" / 65 Punkte
19. Belgien / Jérémie Makiese "Miss You" / 64 Punkte
20. Armenien / Rosa Linn "Snap" / 61 Punkte
21. Finnland / The Rasmus "Jezebel" / 38 Punkte
22. Tschechische Republik / We Are Domi "Lights Off" / 38 Punkte
23. Island / Systur "Með hækkandi sól" / 20 Punkte
24. Frankreich / Alvan & Ahez "Fulenn" / 17 Punkte
25. Deutschland / Malik Harris "Rockstars" / 6 Punkte

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#Ukraine#Eurovision Song Contest#Wettbewerb#Musik#ESC