Berlin im ESC-Fieber

Eurovision Song Contest 2026 – queere Acts und Public-Viewing-Tipps

29. Apr. 2026 Paula Balov
Bild: Picture Alliance/ANP/Paul Bergen
Griechenlands ESC-Hoffnung Akylas

Am 16. Mai findet in Wien das Finale des 70. Eurovision Song Contests statt. Für Fans beginnt damit wieder der jährliche Ausnahmezustand mit Planung und Viewing-Logistik – und dem Blick auf Prognosen, während der Wettbewerb in diesem Jahr unter starkem politischem Druck steht. SIEGESSÄULE-Redakteurin und ESC-Fan Paula Balov gibt einen Überblick über queere Acts, Tops/Flops und die besten Orte zum gemeinsamen Schauen

Für Eurofans fühlt sich der Mai ein bisschen an wie Weihnachtsstress: Wer schaut mit wem, wer bringt die Snacks, und geht’s zum Public Viewing – nur wohin? Kein Grund zur Panik! Optionen gibt es viele, das Wichtigste sind (Über-)Pünktlichkeit und ein Plan B!

Natürlich übertragen viele queere Bars den ESC, in der Regel kostenlos. Wer aber zu spät kommt (empfohlen ist vor 20 Uhr da zu sein, auch wenn die Show in Wien erst um 21 Uhr beginnt), riskiert die ersten Minuten (oder mehr!) des größten Musik-TV-Spektakels zu verpassen. Und je nach Fandom-Level tut das doll bis sehr doll weh.

Wie jedes Jahr lädt die AHA zum Screening ein, moderiert von Gundel Schlauch und Cathérine, inklusive AHA-Live-Voting, bei dem der Sieger des AHA-Publikums vor Ort ermittelt wird – Reservierungen gibt es nicht. Ähnlich sieht es im Rauschgold aus, wo es erfahrungsgemäß schon vor Öffnung der Bar in der Schlange kuschelig wird. Dort geht der Abend nahtlos in eine Afterparty über. Das gleiche Konzept ist in der Grossen Freiheit 114 mit Kaey & Inge Borg geplant, denen weder schiefe Töne noch Modesünden entgehen, und mit DJ Tumulto. Ähnliche Formate bieten ILOsBAR, Hafen und Blond – meist auch Screenings der Semi-Finale am 12. und 14.05.

Wer das persönliche Finale aufwerten will, dem sei das ESC-Special von Jacky-Oh Weinhaus und Rachel Intervention im BKA Theater ans Herz gelegt: ein Mix aus Lifestyle-Talk und Comedy ab 19 Uhr; Tickets kosten 19 Euro. Der Übergang zur Liveübertragung ab 21 Uhr ist fließend (Eintritt ist frei).

Tipps des Berliner Fanclubs

Auch der offizielle Fanclub ESC-Fans Berlin veranstaltet Events in der Bar Zum Schmutzigen Hobby auf dem RAW-Gelände, wo Brigitte Skrothum durch den Abend führt. Dort werden alle drei Shows live auf großer Leinwand gezeigt. Nach dem zweiten Halbfinale gibt es außerdem den „Donnerdance“, ein ESC-Special von DJ Herr Lalla, der europaweit auf offiziellen ESC-Partys der Fanclubs (OGAE) auflegt. Auch nach dem großen Finale wird er ein DJ-Set mit den besten ESC-Partyhits spielen.

Das Event in der AHA mit Gundel Schlauch und Cathérine wird auch vom Fanclub empfohlen, denn dort gibt es auch jeden letzten Samstag im Monat Eurovision-Karaoke. „Hier schlägt das Herz für liebevolle Dekoration und eine gemütliche Atmosphäre“, findet Simon Wennige von den ESC-Fans Berlin.

ESC-Termine auf einen Blick:

AHA-Berlin,
14.05., 16.05., 19:00,

Rauschgold,
12.05., 14.05., 16.05., 20:00,

Grosse Freiheit 114,
16.05., 20:00

ILOsBAR,
12.05., 14.05., 16.05., 20:00

Hafen,
12.05., 14.05., 16.05., 20:15

Blond,
16.05., 19:30

BKA Theater,
16.05., Show: 19:00,
Screening: 21:00

Zum Schmutzigen Hobby,
12.05., 14.05., 16.05., 20:00

ESC im Ausnahmezustand

Auch wenn das große Public-Viewing-Angebot den Eindruck eines normalen ESC-Jahres vermitteln kann, ist es kein gewöhnliches Jahr für die Musikshow. Der ESC steht unter starkem politischem Druck und wird auch von vielen Fans ambivalent betrachtet. Eine Abstimmung der Europäischen Rundfunkunion (EBU) über Israels Teilnahme kam im Dezember 2025 nicht zustande, woraufhin Spanien, Irland, die Niederlande, Slowenien und Island ihren Rückzug aus dem Wettbewerb ankündigten. Der EBU wird vorgeworfen, Israel zu bevorzugen, während Kritiker*innen Israel eine Politisierung des Wettbewerbs und Einflussnahme auf das Televoting vorwerfen. Als Zeichen des Protests gaben die ESC-Gewinner*innen Nemo (Schweiz 2024, „The Code“) und Charlie McGettigan (Irland 1994, „Rock ’n’ Roll Kids“) ihre Siegertrophäen zurück, zudem kündigten Spanien, Irland und Slowenien an, den ESC nicht auszustrahlen.

Queere Highlights 2026

Auch in diesem Jahr gibt es unter den 35 Acts einige spannende queere Künstler*innen.

San Marino | Senhit feat. Boy George: „Superstar“

Der bekannteste queere Act ist in diesem Jahr Boy George. Der britische Musiker tritt allerdings nicht für sein Heimatland auf, sondern für San Marino als Feature im Song „Superstar“ von Senhit, die den Mikrostaat nun zum dritten Mal repräsentiert. So typisch (und erfolglos) die Taktik für San Marino ist, mit internationalen Namen ein paar Punkte abzusahnen, so einfallslos ist auch die diesjährige Dance-Nummer – die Chancen auf das Finale sind gering.

Litauen | Lion Ceccah: „Sólo quiero más“

Von erwartbar zu gewagt: Auch in diesem Jahr spielt Litauen weit jenseits dessen, was beim ESC Hitpotenzial verspricht, und wird dadurch erst recht interessant: „Sólo quiero más“ („Ich will einfach mehr“) ist ein experimenteller Popsong, vorgetragen in sechs Sprachen und performt von einem silbernen, androgynen Lion Ceccah – einer Größe der litauischen Dragszene. Den anspruchsvollen Beitrag werden die Jurys allein für das Gesangstalent zu würdigen wissen. Für eine Top-Platzierung dürfte der Song aber etwas zu eigenwillig sein.

Griechenland | Akylas: „Ferto“

Mit einem Topresultat kann hingegen der kapitalismuskritische Beitrag „Ferto“ („Bring es“) aus Griechenland rechnen. Der charismatische Akylas, ein bekannter Akteur der griechischen LGBTIQ*-Szene, steigert sich in einen Konsumrausch – von Sushi, Golduhren bis U-Booten, begleitet von hektischen Beats. Plötzlich unterbricht er die Eskapaden, um in einer balladigen Passage seiner Mutter zu versprechen, sie finanziell abzusichern, „falls ich gewinne“. Der Song verbindet traditionelle Melodien mit Videospielsounds, etwas, das wohl auf keiner ESC-Bingokarte stand. Ebenso ausgefallen sind die Outfits im Musikvideo, von deren chaotischer Kreativität im Finale hoffentlich noch mehr zu sehen sein wird.

Dänemark | Søren Torpegaard Lund: „Før vi går hjem“

Wer den ESC in den letzten Jahren verfolgt hat, dürfte staunen, Dänemark in den Top 3 der Prognosen zu sehen. Die Pechsträhne (Sissal deserved better!) soll der queere Star Søren Torpegaard Lund nun beenden. Ein stimmgewaltiger Sänger und begnadeter Tänzer, und dass ihm Kajal und Netzshirt so gut stehen, schadet sicherlich auch nicht. Dem Song „Før vi går hjem“ („Bevor wir nach Hause gehen“) gelingt die Balance zwischen Verletzlichkeit und mitreißend bombastischem Popsound. Doch die Performance, kletternd auf, um und in einem Glaskasten, ist das Sahnehäubchen – wenig überraschend, da er professioneller Musicalperformer ist.

Und außerhalb der queeren Bubble?

Die besten Chancen auf den ersten Platz hat laut Wettbüros Finnland mit „Liekinheitin“ („Flammenwerfer“) von Pete Parkkonen und Linda Lampenius: Theatralischer Rock mit Geige – campy, etwas schmalzig. Fast schon zu Eurovision, um den Eurovision zu gewinnen. Neben Finnlands Flammenwerfer wirkt Deutschlands „Fire“ wie ein flüchtiger Funke. Sarah Engels‘ generischer Powerpopsong repräsentiert, was Deutschland beim ESC am besten kann: Der Beitrag tut keinem weh, wird aber auch kaum jemanden vom Hocker reißen. Schade!

Folge uns auf Instagram

#ESC#ESC 2026#Eurovision#Eurovision Song Contest#Public Viewing#Service

Das Siegessäule Logo
Das Branchenbuch mit Haltung
Queer. Divers. Überzeugend.