Deutscher Buchpreis

Feministisches Plädoyer für Selbstbestimmung: Strubels Roman „Blaue Frau”

20. Okt. 2021 Anja Kümmel
Bild: Philipp van der Heydt
Die in Potsdam lebende Autorin Antje Rávik Strubel

Insgesamt acht Jahre lang arbeitete Antje Rávik Strubel an ihrem neuen Roman „Blaue Frau“, der nun mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Im Zentrum steht die junge Hauptfigur Adina und deren Coming-of-Age-Geschichte im postmodernen Europa. Anja Kümmel über ein beeindruckendes Buch

Adinas Geschichte ist eine, die unmöglich linear erzählt werden kann – dazu wiegt das Trauma in ihrem Zentrum zu schwer. In Vorahnungen deutet es sich an, in Flashbacks holt es sie wieder und wieder ein. Um diesen abgründigen Spannungsbogen herum konstruiert die Potsdamer Autorin Antje Rávik Strubel, ohnehin eine Meisterin komplex verschachtelter Zeitgefüge, ihren neuen Roman „Blaue Frau“.

Die Rahmenhandlung spielt in Helsinki, dazwischen gibt es längere Rückblenden nach Berlin und in die Uckermark, aber auch ins tschechische Riesengebirge, wo Adina als letzter Teenager ihres Dorfes deutsche Skitourist*innen mit Glühwein versorgt.

Androgyne Fotografin, lesbische Abgeordnete

Parallel dazu fächert sich die Identität dieser nach außen hin fast unsichtbaren, innerlich jedoch in allen Farben schillernden Hauptfigur immer weiter auf: In Berlin wird Adina von einer androgynen Fotografin umgarnt; in Helsinki hat sie eine Affäre mit einem älteren EU-Abgeordneten; als Praktikantin in einem Gutshaus an der Oder widerfährt ihr Schreckliches, das sie lange nicht in Worte zu fassen, ja, an das sie nicht einmal zu denken wagt – bis sie sich an die Menschenrechtsaktivistin Kristiina wendet.

Obwohl Kristiina erst gegen Ende in Erscheinung tritt, ist sie eine der eindrücklichsten Figuren des Buches: eine selbstbewusst lesbische Abgeordnete im finnischen Parlament mit einem Faible für deftige Pilzgerichte, Kaviar aus der Tube und verheiratete Frauen. Authentische, facettenreiche Figurenzeichnungen gehören zu Strubels Stärken – was auch bedeutet, dass ihre Charaktere selten eindeutige Sympathieträger sind: Leonides etwa, der Politikwissenschaftler aus Estland, mit dem Adina zeitweise zusammenlebt, schwingt in Brüssel Reden für eine gerechte Erinnerungskultur: „Der Schmerz sinkt ins Dunkel, wird zu Dunkelstellen der Geschichte.“ Das Trauma seiner Geliebten jedoch sieht er nicht.

Pointiert gesetzte Unschärfe

Ähnlich ambivalent bleibt die Rolle der queeren Fotografin, die Adina in Berlin aufgabelt. Rickie ist laut, schnell, fordernd, lässt Adina keine Zeit, zu überlegen oder Nein zu sagen. Zugleich aber ist sie der erste Mensch, der etwas in Adina erkennt, das sie selbst bislang nicht recht zu benennen wusste: eine fluide Geschlechtsidentität, die auf Rickies Fotos plötzlich auch nach außen hin sichtbar wird. Wie nah Möglichkeitsräume und Zuschreibungen manchmal beieinander liegen, auch diese Grauzonen lotet der Roman feinfühlig aus.

„Blaue Frau“ ist viel, stellenweise vielleicht zu viel: präzise beobachtetes Finnlandporträt, brandaktueller Beitrag zum Ost-West-Konflikt, queerfeministisches Plädoyer für Selbstbestimmung, Metareflektion über den Prozess des Schreibens. Was ihn davor rettet, überfrachtet zu wirken, ist seine pointiert gesetzte Unschärfe, in Gestalt etwa der titelgebenden „blauen Frau“, die am Seglerhafen von Helsinki auftaucht und deren Identität bis zum Schluss ungeklärt bleibt. Mehrfach streut sie ein Zitat von Ilse Aichinger ein: „Im Unerkundbaren kommen wir einander nah“ – es könnte auch das Motto dieses funkelnden Romans sein.

Antje Rávik Strubel: „Blaue Frau“, S. Fischer

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