Ab 29.01. im Kino

Film „Little Trouble Girls“ – Glaube, Liebe, queeres Erwachen

23. Jan. 2026 Anja Kümmel
Bild: Grandfilm
Die schüchternde Lucija (Jara Sofija Ostan, li.) trifft auf die rebellische Ana Maria (Mina Švajger, re.)

In Urška Djukić‘ Langfilmdebüt „Little Trouble Girls“, dem slowenischen Oscarkandidaten für den Besten internationalen Film 2026, wird ein Nonnenkloster zum Treibhaus queerer Sehnsüchte

„Legt von euch ab den alten Menschen, mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet, zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“ – mit diesen Worten werden die halbwüchsigen Sängerinnen einer katholischen Mädchenschule in Ljubljana auf ihre Chorgemeinschaft eingeschworen. Unter ihnen die 16-jährige Lucija (Jara Sofija Ostan), die schüchterner und kindlicher wirkt als ihre Altersgenossinnen und zugleich mit wachen, ja geradezu begehrlichen Blicken die Welt um sie herum aufsaugt.

Bereits in der ersten Szene ist zu spüren, dass sie im Lauf von Urška Djukić‘ Spielfilmdebüt „Little Trouble Girls“ zu einem neuen Menschen werden wird – wenn auch auf etwas andere als die in der Bibel geforderte Weise.

Alles beginnt mit der rebellischen, selbstbewussten Ana Maria (Mina Svajger) – oder vielmehr deren hellrot geschminkten Lippen, an denen Lucijas Blick wie magisch angezogen hängen bleibt. Die eigentliche Verwandlung vollzieht sich dann an einem Wochenende, das der Mädchenchor zum intensiven Gesangstraining in einem abgelegenen Kloster in Italien verbringt. In der sehnsüchtig aufgeladenen Sommerschwüle, der elterlichen Kontrolle entzogen, kommen die Mädchen einander näher, doch platzen auch ungeahnte Begierden und Konflikte auf.

Erfrischende Bild- und Tonsprache

Die Geschichten und Konstellationen, die „Little Trouble Girls“ vorführt, sind natürlich nicht neu: Die zaghafte Annäherung zwischen dem linkischen Tomboy und der forschen Blondine wurde spätestens seit „Fucking Åmål“ vielfach in Szene gesetzt, ebenso das sexuelle Erwachen queerer Jugendlicher vor dem Hintergrund religiöser Unterdrückung.

Djukić jedoch gelingt es, diesen Narrativen eine frische, neue Bild- und Tonsprache abzugewinnen, die sich vor allem in Lucijas sensiblem Gehör und ihrer gesteigerten Sinneswahrnehmung manifestiert: Immer wieder zoomt die Kamera auf die fein ziselierten Windungen von Ohrmuscheln, auf Finger, die sich verträumt in Haaren verfangen, Lippen, die sich beim Singen der Kirchenchoräle öffnen und schließen. Ein Bauchnabel wird zum magischen Tor, zusammengeschnitten mit Blütenkelchen, in die Bienen hineinkrabbeln. Gemeinsame Atemübungen werden in Lucijas Ohren zu einem beinahe lustvollen Stöhnen, das Plätschern eines Baches zum ohrenbetäubenden Rauschen, das Summen einer Fliege konkurriert mit den Bohrmaschinen der im Hof beschäftigten Handwerker.

Es ist das überbordende Reich eines fluiden Begehrens, in das uns Djukić entführt: Lucija scheint ebenso fasziniert vom Muskelspiel der männlichen Arbeiter, die dabei sind, das Kloster zu restaurieren, wie von Ana Marias nackten Brüsten beim gemeinsamen Umkleiden.

Sexualität und Spiritualität werden nicht als strikte Gegensätze postuliert, sondern auf fast augenzwinkernde Weise motivisch verschmolzen.

Ein klassischer Coming-out-Film ist „Little Trouble Girls“ nicht – Spannung entsteht vielmehr durch den Konflikt zwischen Lucijas erwachendem Begehren und ihrem Glauben. Dabei werden Sexualität und Spiritualität jedoch nicht als strikte Gegensätze postuliert, sondern auf manchmal fast augenzwinkernde Weise motivisch verschmolzen. So erinnert eine mittelalterliche Darstellung der Wunde Christi stark an eine Vulva, und das Essen saurer Trauben, das Ana Maria sich und Lucija als Strafe für die „Sünde“ auferlegt, das verschwitzte T-Shirt eines Arbeiters gestohlen zu haben, wird selbst zum erotischen Akt.

Welche Begierden die „trügerischen“ sind, wie ein junger Mensch zu „wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“ finden kann, lässt der Film offen. Zurück bleibt der Eindruck eines flirrenden, flüchtigen Sommertraums.

Little Trouble Girls,
Slowenien 2025,
Regie: Urška Djukić.
Mit Jara Sofija Ostan, Mina Švajger, Saša Tabaković, Nataša Burger u. a.

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