Interview mit der Gruppe „Gleiche Brust für alle“

Gegen Diskriminierung: Brust raus!

23. Juli 2021 Amanda Beser
Bild: Joey Juschka
Joey Juschka von der Gruppe „Gleiche Brust für alle"

Nackte als weiblich gelesene Brüste gelten in Berlin als „ungehörig" und müssen verhüllt werden. Dagegen regt sich Widerstand! Wir sprachen mit Joey Juschka von der Gruppe „Gleiche Brust für alle" über deren Forderungen

Gabrielle Lebreton hatte im Juni in Berlin für einen Polizeieinsatz gesorgt, weil sie sich oben ohne sonnte. Samt ihrer Familie wurde sie von einem Wasserspielplatz im Plänterwald vertrieben. Ihre Geschichte erregte große mediale Aufmerksamkeit. Das zuständige Bezirksamt verteidigte das Verhalten des Sicherheitspersonals, denn nach dem Ordnungswidrigkeitengesetz sei dies eine „grob ungehörige Handlung" gewesen. Die Solidarität mit Gabrielle aber auch die Wut über die Sexualisierung, Diskriminierung und Kriminalisierung von weiblich gelesenen Brüsten mündete in verschiedenen Aktionen wie einer Oben-Ohne-Fahrraddemo in Berlin unter dem Motto „Keine Brustwarze ist frei, bis alle Brustwarzen frei sind!“. Schriftsteller*in Joey Juschka gründete zusammen mit Gabrielle die feministische Gruppe „Gleiche Brust für Alle“, um sich gegen diese Diskriminierung zur Wehr zu setzen.

Joey, warum habt ihr die GruppeGleiche Brust für Alle“ gegründet und wer macht bei euch mit? Willkommen sind bei uns alle Menschen, die wegen ihrer Brust diskriminiert werden. Auch cis Männer und nicht betroffene Menschen, die unsere Sache unterstützen wollen, sind ebenfalls willkommen. Viele Betroffene erzählen, dass sie diskriminiert wurden. Ich glaube, es brennt auch vielen weiblich gelesenen Personen, also mit weiblich gelesener Brust auf der Seele, dass es einfach eine Scheißsituation ist, aufgrund des eigenen Körpers sexualisiert zu werden. Wegen eines Körpers, der nicht zu ändern ist, oder den sie nicht ändern wollen. Aktiv bei den Orga-Treffen sind aktuell zwischen zehn und zwanzig Personen. In der dazugehörigen Facebook-Gruppe, die ich co-betreue sind aktuell knapp 150 Leute, jeden Tag kommen neue dazu, alle voller Power und Ideen. Zusätzlich gibt es noch eine Telegram-Gruppe für konkrete Aktionen mit nacktem Oberkörper. Immer mal wieder treten Männer* ein, die dann wild anfangen zu flirten. Das ist schon ein bisschen anstrengend, gleichzeitig soll der Link zur Gruppe aber auch öffentlich bleiben, damit jede*r Unterstützungswillige beitreten und mitmachen kann.

„Uns war wichtig zu zeigen, dass so eine Ungleichbehandlung nicht in Ordnung ist und man sich dagegen wehren kann."

Der Vorfall um den Polizeieinsatz gegen Gabrielle Lebreton erreichte über die Landesgrenzen hinaus eine ungeheure Aufmerksamkeit. Was denkst du, warum hat diese Geschichte für so viele Schlagzeilen gesorgt? Vielleicht liegt es am Sommerloch, vielleicht auch weil Gabrielle richtig stinksauer war. Sie bringt Energie mit und spricht viele Leute an. Es gibt ein konkretes Anliegen. Uns beiden war wichtig zu zeigen, dass so eine Ungleichbehandlung nicht in Ordnung ist und man sich dagegen wehren kann und sollte, vor allem wenn die Polizei eine nackte Brust als anstößig einstuft.

Welche Forderungen habt ihr? Zuerst wollen wir, dass die Rechtsgrundlage angepasst wird. Das heißt, dass für das Berliner Stadtgebiet in Ergänzung zu Artikel 3 des Grundgesetzes sowie der lokalen Kleiderordnungen eine konkrete Regelung geschaffen wird. Diese soll eine explizite Erlaubnis beinhalten, dass alle Personen unabhängig des Geschlechts sich gleichermaßen ohne Einschränkungen mit freiem Oberkörper bewegen dürfen. Wir fordern die Abschaffung von diskriminierenden und verfassungswidrigen Polizeikontrollen auf Grundlage der § 183a StGb und § 118 OwiG. Ein nackter Oberkörper an sich erregt kein öffentliches Ärgernis und stellt keine Belästigung der Allgemeinheit dar. In München müssen zum Beispiel in Badebereichen nur die ‚primären Geschlechtsorgane‘ vollständig verdeckt sein. Eine Badehose reicht somit auch für Frauen aus. Weder Männer noch Frauen müssen Oberteile tragen. Diese Regelung geht uns aber nicht weit genug. Wir wollen, dass an jeglicher Stelle, an der Menschen mit flacher/männlich gelesener Brust unbedeckt sein dürfen, z.B. auf Baustellen, in jeglicher Form von Freizeiteinrichtungen unabhängig des Hausrechts, in Schwimmhallen, an Orten wie der Plansche, in Parkanlagen, auf öffentlichen Straßen, im öffentlichen Nahverkehr sowie im gesamten öffentlichen Raum Menschen aller Gender, auch jene mit weiblich gelesenen Brüsten, genau denselben Bekleidungsvorschriften unterliegen wie Menschen mit flacher/männlich gelesener Brust. Verstöße gegen oben beschriebene neue Regelung sollen nach Diskriminierungsparagraphen wegen Benachteiligung aufgrund des Geschlechts Anwendung finden. Außerdem sind uns städtische Programme zur Desexualisierung von Brüsten, darunter das Verbot von sexistischer Werbung, Workshops und Programme an Schulen wichtig, um die öffentliche Wahrnehmung zu ändern.

„Wir wollen, dass alle dieselben Freiheiten genießen."

Kürzlich fand in Berlin eine Oben-Ohne-Fahrraddemo unter dem Motto: „No nipple is free until all nipples are free!“ statt, wo ihr auch mit dabei wart. Welche Aktionen stehen als nächstes an? Über Telegram organisieren wir uns für konkrete Nacktaktionen, klären wo wir als nächstes sichtbar oben ohne hin gehen wollen, um das Stadtbild ein bisschen zu verändern. Die Petition mit unseren Forderungen steht an und ansonsten ist jede Person eingeladen, einfach los zu legen und sich einzubringen. Es ist vielleicht utopisch zu denken, dass so eine kleine Gruppe viel verändern kann. Aber es hat auch viel Aufruhr um Gabrielles Fall gegeben, also geht ja anscheinend einiges. Wir wollen nicht, dass anderen Freiheiten weggenommen werden, sondern wir wollen, dass alle dieselben Freiheiten genießen.

Auf Facebook kann man sehen, dass du auch allein auf dem Fahrrad mit nacktem Oberkörper unterwegs bist. Wie gehst du mit den Reaktionen um? Ich selbst bin super spontan unterwegs und wenn mir danach ist, reiß ich mir das Shirt runter und radele oben ohne weiter. Weil ich das so mag und möchte und es mir gefällt. Und dann radele ich 'ne Weile, dann wird mir entweder kalt oder es reicht oder es gibt doch zu viele nervige Kommentare auf einmal. Dann halte ich eben und ziehe das Shirt wieder an. So einfach ist das. Warum sollten nur männlich gelesene Brustbesitzende den Fahrtwind auf der Haut spüren dürfen? Nee!

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