Oscar Wilde am Berliner Ensemble

Gothic Horror trifft auf Tom of Finland: „Das Bildnis des Dorian Gray“

14. Apr. 2026 Ecki Ramón Weber
Bild: Jörg Brüggemann
Hauptdarsteller Max Gindorff als Dorian Gray

In Heiki Riipinens Inszenierung von „Das Bildnis des Dorian Gray“ trifft Gothic Horror auf die erotische Welt von Tom of Finland. SIEGESSÄULE-Autor Ecki Ramón Weber traf Heiki Riipinen mit Hauptdarsteller Max Gindorff zum Gespräch

Es ist seit einigen Jahren ein Trend, Romane auf die Bühne zu bringen. Wieso bietet sich Oscar Wildes „Bildnis des Dorian Gray“ dafür an? Heiki Riipinen: Dies ist der einzige Roman von Oscar Wilde, bei dem man merkt, dass er von einem Theaterautor geschrieben wurde. Die Figuren werden durch ihre Äußerungen charakterisiert. Das ist nicht so weit von einem Theaterstück entfernt.

„Lustig, dass du Gothic erwähnst, denn das ist tatsächlich ein wichtiger Fokus unserer Produktion. Für uns ist es eine Gay-Gothic-Geschichte.“

Was ist dieser Text: eine Gothic Novel, ein Psychothriller oder eine Gesellschaftssatire? Max Gindorff: Lustig, dass du Gothic erwähnst, denn das ist tatsächlich ein wichtiger Fokus unserer Produktion. Für uns ist es eine Gay-Gothic-Geschichte. Viele Lesarten konzentrieren sich bloß auf den Narzissmus des Protagonisten, in Zeiten von Social Media natürlich sehr aktuell. Aber das ist nur ein Aspekt des Romans. Uns interessiert, wie die Perspektiven der anderen Figuren auf Dorian Gray diesen beeinflussen. Welche Folgen es hat, dass sie ihn in eine bestimmte Rolle drängen. Und von ihm erwarten, sich nicht zu verändern. Ich finde, das hat etwas Gewalttätiges. Dorian macht das Gleiche mit der Schauspielerin Sybil, der er zunächst Liebe verspricht.

Was ist konkret die Schauergeschichte, der Gothic-Anteil, dabei? H. R.: Es gibt Horrorelemente, Morde und das Motiv der gespaltenen Persönlichkeit, wie bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde oder Frankenstein und sein Monster. Bei Dorian Gray ist es die Spaltung zwischen Körper und Seele, dem äußeren Schein und dem Inneren. Und natürlich der Ort der Handlung: London im viktorianischen Zeitalter.

„Wir haben mit Louise-Fee Nitschke eine fantastische Kostümbildnerin. Sie bringt Einflüsse von Tom of Finland ein, von Seemannsstereotypen und von klassischen sportlichen US-Boys.“

Oscar Wilde deutete wegen der Zensur seiner Zeit in den Beziehungen von Lord Henry und dem Maler Basil Hallward mit Dorian Gray nur dezent Homoerotik an. Und ihr? M. G.: Wir arbeiten das deutlich heraus, denn das ist das Entscheidende bei diesen Figuren. Lord Henry und Basil können es nur in ihrer Welt nicht ausleben. Henry fordert von Dorian, dass er all das macht, was ihm nicht möglich ist. H. R.: Wir haben mit Louise-Fee Nitschke eine fantastische Kostümbildnerin. Sie bringt Einflüsse von Tom of Finland ein, von Seemannsstereotypen und von klassischen sportlichen US-Boys, die wir seit den 1950er-Jahren in der schwulen Kultur kennen. Dies alles interpretiert sie in einem Gothic-Style.

Die Romanvorlage von „Das Bildnis des Dorian Gray“ ist gefüllt mit den für Wilde typischen Bonmots, kommen sie auch bei euch vor? H. R.: Wir bringen viele davon in der Bühnenadaption. Sie sind widersprüchlich, sie klingen gut, sind aber manchmal hohl, wenn sie in andere Zusammenhänge gestellt werden. Sie dekonstruieren sich teils selbst. M. G.: Es hat auch eine komische Wirkung, sie auf der Bühne zu hören.

Wird es auch Musik geben? H. R.: Ja, wir arbeiten mit dem norwegischen Komponisten Amund Ulvestad. Er zeigt Bezüge zur Musik auf, die im Roman erwähnt wird, etwa von Chopin, aber saftiger. Man merkt sofort, dass Amund vom Tanz kommt, er schreibt eine sehr sinnliche, körperliche Musik. „Dorian Gray“ ist sowieso ein sehr physisches Stück.

SIEGESSÄULE präsentiert „Das Bildnis des Dorian Gray“
21.04.+22.04.+09.05.+24.05., 20:00
10.05.+25.05. 19:00
Berliner Ensemble
berliner-ensemble.de

Folge uns auf Instagram

#Berliner Ensemble#Das Bildnis des Dorian Gray#Dorian Gray#Heiki Riipinen#Interview#Max Gindorff#Oscar Wilde#Theater

Das Siegessäule Logo
Das Branchenbuch mit Haltung
Queer. Divers. Überzeugend.