Kolumne: Sex-Positionen

Haben wir als sexuell aufgeklärte Gesellschaft besseren Sex?

8. Mai 2026 Lea Holzfurtner
Bild: D. Netze Fotografie
Lea Holzfurtner arbeitet als Sexologin und spricht täglich mit Klientinnen über Liebe, Lust und Sex

Jahrzehntelange sexuelle Aufklärung, feministische Kämpfe und sexpositive Bewegungen erwecken den Eindruckt, dass wir als Gesellschaft heute besseren Sex haben müssten. Lea Holzfurtner ist Sexologin und erzählt aus ihrem Praxisalltag, wie sehr sich patriarchale Strukturen halten

Hat sich unser Sex verbessert? Diese Frage bekomme ich als Sexologin immer wieder gestellt. In Interviews, Gesprächen, Panels. Die meisten erwarten dann ein klares „Ja“. Ein „Ja“ dazu, dass wir als Gesellschaft heute natürlich „besser“ im Sex sind als unsere Großmütter und deren Partner*innen. Schließlich haben wir viel erreicht: Die sexuelle Revolution hat Tabus gebrochen, die #MeToo-Bewegung hat Machtverhältnisse sichtbar gemacht, wir sprechen mehr über Konsens, queere Lebensrealitäten sind sichtbarer geworden und Verhütungsmittel wirksamer.

Unser Sex ist nicht automatisch besser geworden

Allerdings erlebe ich auch täglich in meiner Praxis, dass sich unser Sex nicht grundlegend verändert hat. Klientinnen erzählen mir unabhängig vom Alter erstaunlich ähnliche Geschichten. Sie sprechen von denselben Blockaden und denselben Erwartungen an Sex. Egal ob sie 1997, als Vergewaltigung in der Ehe strafbar wurde, bereits verheiratet waren oder gerade erst geboren. Egal ob sie ihre Informationen aus der Tagesschau oder aus sozialen Medien beziehen.

Meine älteste Klientin ist 61 und lesbisch. Meine jüngste ist 22 und mit einem cis Mann verheiratet. Beide berichten von Unsicherheit darin, Grenzen zu kommunizieren. Von Sex, der eher stattfindet, als dass er gewollt ist. Vom Gefühl, verantwortlich zu sein für die Lust des*der Partner*in. Sie zitieren Sätze, die sie gelernt haben wie Naturgesetze: Männer wollen immer. Frauen werden penetriert. Auch bei queeren Beziehungen sehe ich, wie diese heteronormativen Muster übertragen werden und die Partner*innen sich in vermeintlich maskuline und feminine Rollen aufteilen. Wenn sich unser Sex tatsächlich so grundlegend verändert hätte, müssten diese Erzählungen und strikte Rollenaufteilungen längst verschwunden sein. Sind sie aber nicht. 

Was als „normal“ und wann Sex als gelungen gilt, ist erstaunlich gleich geblieben. Alles andere wird zum Vorspiel oder Nachkuscheln degradiert.

Der Grund dafür liegt nicht in individuellen Defiziten, sondern in den Strukturen, in denen Sex stattfindet. Sie führen dazu, dass wir immer noch dem gleichen Skript folgen: Sex wird standardmäßig als Penetration definiert, unabhängig davon, ob er Lust erzeugt. Was als „normal“ und wann Sex als gelungen gilt, ist erstaunlich gleich geblieben. Alles andere wird zum Vorspiel oder Nachkuscheln degradiert. Sowohl die 22- als auch die 61-jährige Klientin kamen mit dem Wunsch ins Coaching „endlich auch mal einen vaginalen Orgasmus erleben” zu können. Eine der beiden meinte: „Bei mir ist da irgendwie etwas kaputt. Ich kann nur kommen, wenn ich meinen Kitzler reibe. Aber nicht beim eigentlichen Sex.” Die andere hat mir ihren Wunsch so erklärt: „Ich will endlich auf natürliche Art kommen, nicht nur wenn ich oral befriedigt werde.”

Dabei hätten wir alle besseren Sex, wenn wir ihn als ein für jede Person individuelles Set an Aktivitäten definieren, das Personen sexuelle Lust bereitet. Selbst dort, wo wir uns für aufgeklärt halten, wiederholen wir Rollen. Nur bewusster, manchmal ironischer, aber selten wirklich anders. Das Konstrukt Gender war und ist ein entscheidender Faktor für unsere Sozialisation und unser tägliches Erleben. Wer initiiert, wer reagiert, wer einfordert. Diese Dynamiken haben sich kaum verschoben.

Patriarchale, sexnegative Strukturen

Tatsächlich sind wir weiterhin in patriarchalen, sexnegativen und an vielen Stellen misogynen Strukturen organisiert. Dieses Machtgefälle im Sex erlebe ich in meiner Praxis und im gesellschaftlichen Diskurs als erstaunlich stabil. Und es verschwindet dementsprechend auch nicht einfach im Bett. Es wird dort reproduziert. Es zeigt sich darin, wer sich verantwortlich fühlt, wer sich anpasst, wer sich schämt, zu viel oder zu wenig zu wollen, oder noch gar nicht zu wissen, was man überhaupt will.

Hinzu kommt ein massives Wissensproblem: Aufklärung ist nach wie vor lückenhaft und fast ausschließlich risiko- statt lustfokussiert. Wissen kommt, Wissen wird zensiert. Die Klitoris hat es beispielsweise erst 2019 in ihrer vollen Größe in die drei größten deutschen Schulbuchverlage geschafft. Davor war sie dort lediglich als kleiner Kreis zu sehen. Dabei ist dieses Wissen mindestens einige Jahrhunderte alt. Auf Social Media, kann ich aktuell noch nicht mal das Wort Klitoris aussprechen, ohne zensiert zu werden.

Statt wenig Wissen über Sex holen wir uns heute oft falsches, weiterhin patriarchal geprägtes Wissen aus romantischen Komödien und Pornos und halten es für wahr.

Generationen wechseln, neue Aktivist*innen kämpfen, aber die Muster bleiben. Statt wenig Wissen über Sex – wie das wohl für unsere jungen Urgroßmütter der Fall war – holen wir uns heute oft falsches, weiterhin patriarchal geprägtes Wissen aus romantischen Komödien und Pornos und halten es für wahr. Der Sex bleibt schlecht. Für alle Geschlechter. Geprägt von Leistungsdruck und permanenter Selbstbewertung statt von Lust. Besonders schlecht ist er für Menschen mit Klitoris, denn die bekommt viel zu wenig Aufmerksamkeit.

Auch gesellschaftliche Bewegungen haben daran bisher wenig Grundsätzliches verändert. Ihre Effekte sind ambivalent und ungleich verteilt. Menschen, die denken, die feministischen Kämpfe hätten bereits zu einer sexuellen Gleichstellung in Sachen Intimität geführt, dürfen nicht vergessen, dass diese Entwicklungen nie linear verlaufen und Gegenbewegungen erzeugen. Sexpositive Bewegungen versprechen mehr Freiheit und Empowerment, während neue Normen gleichzeitig Leistungsdruck erzeugen. Konsenskultur schafft wichtige Räume für Reflexion und Sicherheit, kann aber auch überfordern, wenn Kommunikationsfähigkeiten fehlen. Während sich die Frauenverachter der Incel-Subkultur als Opfer des Feminismus inszenieren, reagiert die 4B-Bewegung mit totaler Verweigerung von Sex, Dating, Kindern und Ehe mit Männern.

Sex braucht Körperwissen und Austausch auf Augenhöhe. Beides wird strukturell verhindert.

Diese Ambivalenzen führen dazu, dass neue Normen und Gesetze nur langsam und oft sehr begrenzt in tatsächliches Sexverhalten übergehen. Während wir über Fortschritt sprechen, wird misogynes Verhalten weiterhin belohnt und Machtgefälle sexualisiert. Sex braucht Körperwissen und Austausch auf Augenhöhe. Beides wird strukturell verhindert. Aktuell werden misogynes Verhalten belohnt und Machtgefälle sexualisiert. Es bräuchte weit mehr als für Politiker*innen „billige”, längst überfällige Gesetzesänderungen. Es braucht viel Geld. Für Aufklärung, Forschung, Schutzräume, Polizei, Justiz und Therapie. Unter den aktuellen Umständen sehe ich absolut keine Chance auf „besseren” Sex.

Lea Holzfurtner (@sexcoach.berlin) ist klinische Sexologin, Autorin von „Dein Orgasmus” und Vorständin von BiBerlin.eV. In ihrer Berliner Praxis und im Podcast „Berlin Intim“ coacht sie Menschen mit Klitoris und deren Partner*innen.

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