Broadway-Gastspiel

High Heels und Broadway-Power: Musical „Kinky Boots“

6. Jan. 2026 Julian Robbel
Bild: Pamela Raith Photography
Mit glitzernden Stiefeln und ihren „Angels“ rettet Dragqueen Lola (Tosh Wanogho-Maud) eine kleine Schuhfabrik

Das Musical des legendären Aktivisten und Dramatikers Harvey Fierstein, mit Musik von Pop-Ikone Cyndi Lauper, kam 2013 am Broadway raus. Ein Meilenstein der LGBTIQ*-Musicalgeschichte, der auch international triumphierte. In Deutschland geriet das Stück zum Flop. Jetzt kommt es mit einer originalen Londoner West-End-Besetzung zurück, sodass man endlich den brillanten Originaltext hören kann

Mit dieser britischen Tourproduktion erreicht endlich eines der großen queeren Mainstream-Musicals Berlin – wo man internationale LGBTIQ*-Erfolge sonst erstaunlich zuverlässig ignoriert. Stattdessen wird lieber „La Cage aux Folles“ zu Tode geritten, als wäre das die einzige Option für den subventionierten staatlichen Musiktheaterbetrieb. Die kommerziellen Player sind noch vorsichtiger. 2017 wagte Stage Entertainment immerhin „Kinky Boots“ mit Top Cast – an der Reeperbahn. Vermutlich, weil man glaubte, dort wäre für „Kink“ ein Publikum, das nicht allzu viele kritische Fragen stellt angesichts einer von vielen als peinlich-schlecht empfundenen Übersetzung. „Kinky Boots“ wurde als teure Dragshow beworben, was das Stück nicht ist. Die hohen Ticketpreise waren eine Hürde. Die Produktion war vergleichsweise schnell wieder weg.

Drag ist für alle befreiend, auch für Heteros

„Kinky Boots“ ist ein Meilenstein der queeren Musicalkultur – jenseits der üblichen Klischeeschwulen, wie man sie aus Stücken à la „Ich war noch niemals in New York“ kennt. Und basiert auf einer wahren Begebenheit: Charlie, Sohn eines Schuhfabrikanten, erbt eine Fabrik in Nordengland, die konservative Herrenschuhe produziert. Doch die Insolvenz droht: Niemand will so etwas noch tragen. Zufällig trifft Charlie in London die Dragqueen Lola und ihre „Engel“. Lola erzählt von ihren High Heels, die bei Shows ständig brechen. Die Idee entsteht, die Fabrik für einen neuen Markt auszurichten und für die Schuhmesse in Mailand eine Kollektion stabiler, glitzernder Stiefel zu entwerfen. Das Fabrikpersonal reagiert mit Arbeitsboykott. Lola und ihre „Engel“ übernehmen persönlich die Produktion. Und lehren die streikende Belegschaft, tolerant und offen zu sein – um gemeinsam für eine bessere Zukunft zu kämpfen.

Auf einer Doku von 1999 basierend entstand 2005 der wunderbare Spielfilm „Kinky Boots“, der Harvey Fierstein („Torch Song Trilogy“) zu einem Musical inspirierte, für das er seine Freundin Cyndi Lauper gewinnen konnte, die damit ihr Broadway-Debüt gab. Fiersteins spezieller Twist: Lola alias Simon steht auf Frauen, liebt es aber auch, Frauenkleider anzuziehen. Was bei seiner auf Respectability Politics bedachten Schwarzen Community nicht gut ankommt, besonders nicht bei seinem Vater. Weswegen Fierstein genau an dieser Stelle seine zentrale Botschaft ansetzt: Drag ist für alle befreiend, auch für Heteros.

Bild: Pamela Raith Photography
Das Musical „Kinky Boots“ mit Londoner West-End-Besetzung
Man kann endlich den brillanten Originaltext hören, selbst wenn der Text an manchen Stellen sehr binär und somit veraltet klingt.

Das Besondere an der aktuellen Produktion, die aus dem Londoner West End übernommen ist: Man kann endlich den brillanten Originaltext hören, selbst wenn der Text an manchen Stellen sehr binär und somit veraltet klingt. Und man erlebt sensationelle Musicaldarstellende, die eine Energie mitbringen, die hierzulande sonst meist nur gebremst erfahrbar ist: Tosh WanoghoMaud ist Lola und Dan Patridge spielt Charlie. Doch die Abräumer sind die „Angels“, also das Dragqueen-Ensemble. Es setzt das Motto der Show, „The Sex is in the Heel“, fabulös um. Im Gegensatz zur hiesigen Musicalbranche ist der Cast wirklich divers. Im November 2025 zeigte das Ballhaus Prinzenallee eine Miniproduktion von „Kinky Boots“. Die Musical Theater Society Berlin (MTS) spielte mit Nachwuchstalenten ebenfalls die englische Fassung. Sie bewies, wie stark das Stück ist – und wie viele Interpretationsansätze es erlaubt.

Kinky Boots – The Musical
02., 03., 06.– 10.01., 13., 15.–17.01., 19:30
03.+10.+17.01., 14:30
04.+11.01., 13:30
Admiralspalast Berlin
admiralspalast.theater

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