Kino

Highlights des queerfilmfestivals 2022

8. Sept. 2022 Axel Schock
Bild: Salzgeber
Der Spielfilm "Girls Girls Girls" von Alli Haapasalo

Von heute an präsentiert das queerfilmfestival eine ganze Woche lang aktuelle Highlights der internationalen Festivals. Größtenteils in deutscher Erstaufführung sind 19 herausragende Spiel- und Dokumentarfilme zu erleben

Es ist mal wieder eine vielfältige Mischung, die die Kurator*innen des queerfilmfestivals da zusammengestellt haben, darunter ein paar zu Herzen gehende Coming-of-Age-Dramen. Die cineastische Reise führt von der kanadischen Ostküste („Wildhood“) über Tel Aviv („Concerned Citizen“) bis zu einem Wohnwagenpark an der britischen Küste („Sweetheart“). In Letzterem hat sich die Jugendliche AJ fest vorgenommen, diesen Familienurlaub zu hassen und ihre schlechte Laune nicht zu überspielen. Aber die Begegnung mit einer Rettungsschwimmerin wirft sie völlig aus dem Konzept. Regisseurin Marley Morrison beweist nicht nur besten britischen Humor, sondern auch ein Gespür für ungewöhnliche und zutiefst menschliche Charaktere, die man so schnell nicht vergisst.

Coming of Age und erste Liebe

Und auch „Sublime“ (10.09.) belegt, dass man immer noch überraschend über die erste Liebe erzählen kann. Manuel und Felipe haben nicht nur eine Band, sie sind schon seit Kindheitstagen beste Freunde. Doch Manuel empfindet längst viel mehr für Felipe. Der argentinische Filmemacher Mariano Biasin hat dieses Gefühlschaos so unaufgeregt lässig in Szene gesetzt, dass man sich unweigerlich in die eigene Teenagerzeit zurückversetzt fühlt. Auch in Finnland können die Grenzen zwischen Freundschaft und Sex fließend sein: In „Girls Girls Girls“ (14.09.) entdecken drei befreundete Teenager ihre Sexualität spielerisch und sorgenfrei – ein empowerndes, feministisches Statement der Regisseurin Alli Haapasalo.

Innovativ, genresprengend und experimentell

Einen ganz anderen, ernsteren Ton hingegen schlägt „Concerned Citizen“ (09.09.) an. In einem hippen, multikulturellen Viertel von Tel Aviv hat sich ein scheinbar perfektes schwules Mittelschichtspaar ein heimeliges Nest eingerichtet. Nur ein Kind fehlt noch zum Glück, die Leihmutter ist bereits gefunden. Ein Fall von brutaler Polizeigewalt, für die sich einer der beiden Männer mitverantwortlich fühlt, offenbart mehr und mehr deren Lebenslügen.

Auch innovative, genresprengende Produktionen gibt’s in der diesjährigen Festivalauswahl gleich mehrfach. François Ozon schenkt mit „Peter von Kant“ (08.09.) Fassbinder-Fans eine vielschichtige Hommage an den von ihm verehrten Regisseur. Anders als in Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ verliebt sich hier nicht eine Modeschöpferin in ein Model, sondern ein Filmemacher in einen jungen schwulen Mann, den er zum Schauspieler macht. Noch spielerischer und freier in der Form geht Mohammad Shawky Hassan in „Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?“ (09.09.) vor. Dort hat er eigene Tagebuchaufzeichnungen zu seinem Liebes- und Sexleben mit klassischen Gedichten und Musicalnummern multimedial miteinander verschränkt.

Auch Pornos waren übrigens mal experimentell. Und zwar so kunstvoll, dass einige davon sich heute in der Sammlung des Museum of Modern Art New York befinden. Von dort kommen zwei frisch restaurierte Klassiker von Fred Halstedt, „L.A. Plays Itself“ und „The Sex Garage“ (10.09.) aus dem Jahr 1972.

Dokus und ungewöhnliche Liebesgeschichten

Ungewöhnliche Lebensgeschichten bieten die Dokumentationen „Nelly & Nadine“ (11.09.) und „Anima – Die Kleider meines Vaters“ (13.09.). Magnus Gertten rekonstruiert die lebenslange Liebe zweier Frauen, die sich 1944 als Gefangene im Konzentrationslager Ravensbrück kennenlernten, Uli Decker die Geschichten ihres eigenen Vaters, eines Crossdressers.

In der für ihn typischen Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm beleuchtet Rosa von Praunheim in „Rex Gildo – Der letzte Tanz“ (13.09.) das tragische Doppelleben des großen Schlagerstars. Die jahrzehntelange Beziehung Gildos zu seinem Entdecker und Manager Fred Miekley war in der Branche ein offenes Geheimnis, davon erzählen in Praunheims Film unter anderem Weggefährtinnen wie Gitte Hænning und Cindy Berger. Der Musicaldarsteller Kilian Berger trifft in den Spielszenen Rex Gildos Wesen und Habitus auf bemerkenswerte Weise, ohne ihn lediglich zu parodieren. Eine hervorragende darstellerische Leistung. Ab 29.09. ist der Film dann auch regulär im Kino zu sehen.

queerfilmfestival: 08.-14.09. im Delphi Lux

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