Hommage an Kurt Weill: Neuinterpretation von Rufus Wainwright
Auf „I‘m a Stranger Here Myself“ interpretiert Rufus Wainwright den „Dreigroschenoper“-Komponisten provokant anders. SIEGESSÄULE-Autor Marcel Anders sprach mit dem Teilzeitberliner über dessen ungewöhnliches Kurt-Weill-Album und Pläne, es live in Berlin aufzuführen
Es scheint, als hätte Rufus Wainwright einen Lauf: Das ist bereits das dritte Album des kanadischen Multitalents in diesem Jahr – und ein echtes Highlight. Nämlich seine Interpretation von Kurt-Weill-Klassikern in bester Wainwright-Manier: betont queer und mit missionarischem Anspruch. „Als ich anfing, diese Songs zu singen, war ich überrascht, wie wenig Leute mit Weills Werk vertraut waren“, so Wainwright zu SIEGESSÄULE. „Die meisten dachten, ich würde Weill mit einem V singen, also diesen Indie-Rocker. Deshalb ist es wichtig, den wahren Weill zurückzubringen und der Welt zu zeigen, wie man ‚Mack the Knife‘ singt.“
„Er hatte den perfekten Mix aus hart und weich – seine Melodien sind wunderbar und lassen sich sofort mitsummen.“
Das ist die Intention, die Wainwright seit 2023 verfolgt, mit Auftritten im New Yorker Carlyle Hotel und im Ace Hotel von Los Angeles. Begleitet vom 40-köpfigen Pacific Jazz Orchestra führt er durch einen 16-Song-Parcours seiner Lieblingsstücke und rückt die stilistische Vielfalt des Komponisten in den Vordergrund. „Er hatte den perfekten Mix aus hart und weich – seine Melodien sind wunderbar und lassen sich sofort mitsummen. Gleichzeitig war da etwas Harsches. Und beides zusammen verleiht seinem Werk eine Relevanz, die bis heute anhält.“
„Zuhälterballade“ mit schwuler Note
Weill, so Wainwright, sei ein musikalisches Chamäleon gewesen, das sich leichtfüßig zwischen allen Genres seiner Zeit bewegte: Jazz, Swing, Musical, Kabarett und Chanson. Wahlweise auf Französisch, Englisch und Deutsch. Letzteres fällt Wainwright allerdings nicht leicht. „Es ist ein bisschen nervenaufreibend. Einfach, weil es so eine schwierige Sprache ist. Aber ich genieße es auch, weil ich ein großer Opernfan bin. Leider ist mein deutscher Ehemann sehr kritisch, was meine Betonung betrifft. Er hört all meine Fehler, deswegen singe ich nur zu besonderen Anlässen in der Sprache.“
Kostproben seiner Sprachkenntnisse gibt er in „Fürchte dich nicht“ oder der „Zuhälterballade“ – und glänzt mit eigenwilligen Phrasierungen der Texte von Brecht, Ira Gershwin und anderen. Stücken wie „Surabaya-Johnny“ und dem „Matrosen-Song“ verpasst er eine „schwule“ Note und lässt Weills Werk so in neuem Licht erscheinen. Ob das dem Komponisten gefallen hätte, ist Wainwright egal – ihm geht es darum, seine eigene Persönlichkeit einzubringen.
„Die Songs haben definitiv etwas Sexuelles. Sie kommen zwar von einem Hetero-Standpunkt, doch wenn ich sie singe, erhalten sie einen homoerotischen Anstrich.“
„Ich weiß nicht, ob es eine Menge Weill-Interpretationen von schwulen Männern gibt. Die Songs haben definitiv etwas Sexuelles. Sie kommen zwar von einem Hetero-Standpunkt, doch wenn ich sie singe, erhalten sie einen homoerotischen Anstrich.“ Ob‘s das demnächst auch bei uns live zu hören gibt? „Wir haben ein Apartment in Berlin – und viele gute Freunde hier. Von daher würde es Sinn machen, die Show in Deutschland aufzuführen. Leider ist es ein hartes Geschäft und keine günstige Produktion. Aber: Ich kehre bestimmt bald zurück. Keine Sorge.“
Rufus Wainwright: „I‘m a Stranger Here Myself: Wainwright Does Weill“
Pacific Jazz Orchestra
Dirigent: Chris Walden
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