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Impfung gegen Affenpocken

19. Aug. 2022 as
Bild: canva

Am 15. September lag die Zahl der „Affenpocken"-Fälle in Deutschland bei 3.548. Die Zahlen sind mittlerweile jedoch deutlich rückläufig. Seit Mitte Juli werden in Berlin Impfungen gegen „Affenpocken" angeboten

Aufgrund der zunehmenden Zahl an „Affenpocken"-Fällen in Deutschland hat die Ständige Impfkommission (Stiko) im Juni eine Impfempfehlung für bestimmte Risikogruppen ausgesprochen. Dazu zählen Männer, die gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakte mit wechselnden Partnern haben. Da nach Informationen der Stiko die Fälle in Deutschland vor allem in dieser Gruppe aufgetreten sind, solle diese besonders geschützt werden. Allerdings könne sich jeder, der engen körperlichen Kontakt mit einer ansteckenden Person hat, infizieren. Auch das Personal von Speziallaboratorien komme für eine vorsorgliche Impfung infrage.

Impfstoff zugelassen

In der EU ist mit Imvanex ein Impfstoff für Personen ab 18 Jahren zugelassen, der auch gegen die „Affenpocken" (MPX) wirksam ist. Er könne sowohl dazu genutzt werden, eine Ansteckung zu verhindern als auch, um den Ausbruch der Erkrankung bei einer bereits infizierten Person zu verhindern oder zu verzögern.

Die EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides hatte im Juni bekanntgegeben, einen Vertrag mit dem dänischen Biotech-Unternehmen Bavarian Nordic geschlossen zu haben, das den Impfstoff Imvanex herstellt. Die Europäische Union hat mittlerweile rund 335.000 Dosen dieses Impfstoffs gekauft. Die von der EU finanzierten MPX-Impfstoffe werden an die EU-Mitgliedstaaten, Norwegen und Island geliefert. Die Verteilung an die verschiedenen Länder erfolge nach Bevölkerungsgröße und Anzahl der MPX-Fälle. Die EU-Kommission wies im August darauf hin, dass die Produktionskapazitäten für den Impfstoff deutliche Grenzen hätten. Die EU-Arzneimittelbehörde EMA hatte deshalb am 19. August einen effizienteren Einsatz des Impfstoffs empfohlen. Demnach würde bereits ein Fünftel der herkömmlichen Dosis ausreichen, wenn das Präparat nicht unter die Haut, sondern in die Haut gespritzt werde. Trotz der verringerten Menge führe diese Methode zu einer vergleichbaren Anzahl an Antikörpern gegen das Virus wie bei der zurzeit üblichen Injektion.

Deutschlands Gesundheitsminister Karl Lauterbach hatte zuvor bereits den Impfstoff von Bavarian Nordic bestellt. Im Juni waren rund 40.000 Impfdosen geliefert worden. Weitere 200.000 sollen im Verlauf des zweiten Halbjahres folgen. Als eines der ersten Bundesländer führte Niedersachen ab Anfang Juli Impfungen durch.

Impfungen in Berlin ab Juli

Die Berliner Gesundheitssenatorin Ulrike Gote von den Grünen erklärte Ende Juni, dass sich die Krankeit in der Hauptstadt bisher fast ausschließlich unter Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), ausbreite. In der ersten Juli-Woche wollte man auch in Berlin mit den Impfungen beginnen. Aufgrund von Vertragsverhandlungen mit der Kassenärztlichen Vereinigung kam es jedoch zu deutlichen Verzögerungen. Laut Berliner Gesundheitsverwaltung wurde der Impfstoff am 13.07. an die verschiedenen Impfstellen verteilt. Am selben Tag erhielten Impfwillige im Zentrum für sexuelle Gesundheit des Gesundheitsamtes Mitte die erste Spritze.

Im Moment beteiligen sich fast 30 Praxen an der Impfkampagne. Daneben wurde der Impfstoff auch an Beratungsstellen und Spezialambulanzen wie die Charité, die Klinik für Infektiologie des St. Joseph Krankenhauses oder die Checkpoint BLN am Hermannplatz geliefert. Dort werde er dann vor allem Kontaktpersonen von Erkrankten angeboten, aber auch Personen mit einem erhöhten Infektionsrisiko – dazu zählen MSM mit häufig wechselnden Partnern.

Liste der Berliner Impfstellen

In folgenden Praxen und Krankenhäusern werden MPX-Impfungen durchgeführt:
Charité Infektiologie, Campus Virchow
Checkpoint BLN
Infektiologisches Zentrum Steglitz
Infektiologie Ärzteforum Seestrasse
Med. Versorgungszentrum Praxis City Ost
Novopraxis Berlin
Praxis an der Kulturbrauerei
Praxis Bänsch (Joachimsthaler Str. 21, 10719 Berlin)
Praxis Dr. Cordes
Praxis Dr. Kreckel/Köppe
Praxis Dr. Roswitha Vallée und Dr. Mathias Vallée
Praxis Goldstein
Praxis Kreuzberg Dr. Schulbin und Dr. Speer
Praxis Marcel Berger
Praxis Prenzlauer Berg, Dr. med. Tobias Glaunsinger und Matthias Straub
Praxis Schöneberg
Praxis Turmstraße MVZ
Praxis Wilmersdorfer
Praxis Vocks-Hauck (Wilmersdorfer Str. 58, 10627 Berlin)
Praxisteam Friedrichshain
Praxiszentrum Kaiserdamm
St. Joseph Krankenhaus - Infektiologie
UBN Praxis
ViRo Praxi
Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum - Infektiologie
Zentrum für Infektiologie Prenzlauer Berg
Zentrum für ganzheitliche Medizin
Schwerpunktpraxis Mitte
ZIMIH Wünsche.Berlin

Die Impfung ist kostenfrei, die Entscheidung für eine Impfung liegt im Ermessen der Ärztin oder des Arztes.

Impf-Hotline

Betroffene und ihre Kontaktpersonen haben außerdem die Möglichkeit, sich im Gesundheitsamt Mitte für einen Impftermin zu melden. Die dazu nutzbare Hotline ist mehrsprachig besetzt und kann auch ohne eigene Krankenversicherung und anonym genutzt werden: Sie ist erreichbar von Montag bis Freitag von 9 Uhr bis 15 Uhr unter der Rufnummer (030) 9018-41000.

Erste Todesopfer in Europa

MPX beim Menschen sind seit den 70er-Jahren insbesondere in west- und zentralafrikanischen Ländern gemeldet worden, wie das Robert-Koch-Institut auf seiner Webseite mitteilt. Bis zum Frühjahr 2022 wurden außerhalb des afrikanischen Kontinents nur vereinzelt Fälle registriert.

Seit Mai 2022 hat sich die Situation verändert. Bisher wurden bis Anfang September um die 19.000 MPX-Fälle in den EU-Staaten registriert. Ende Juli wurden aus Spanien die ersten Todesopfer in Europa im Zusammenhang mit einer MPX-Infektion gemeldet. Es handelte sich um zwei Männer im Alter von 31 und 40 Jahren, die in Krankenhäusern in den Regionen Valencia und Andalusien verstarben. Beide Todesfälle seien laut Expert*innen wahrscheinlich auf Vorerkrankungen zurückzuführen.

Rückläufige Zahlen

Das Robert-Koch-Institut (RKI) zählte bis zum 15. September 3.548 Fälle in Deutschland. Besonders viele Erkrankungen wurden in Berlin gemeldet, wo nach Stand vom 14. September, 1635 Fälle registriert wurden. Die Regierende Bürgermeisterin von Berlin, Franziska Giffey (SPD), betonte noch im Juni, dass die Hauptstadt „der ,Affenpocken'-Hotspot Deutschlands" sei. Die Tendenz bei den Infektionsfällen ist in den letzten Wochen allerdings deutlich rückläufig. Während Ende Juni innerhalb einer Woche rund 230 Fälle gemeldet wurden, liegt seit August diese Zahl in einem stetig abnehmenden zweistelligen Bereich. Nicht nur in Berlin, auch im restlichen Teil Deutschlands sind die Zahlen in den letzten Wochen enorm gesunken.

Laut dem RKI habe sich in der Anfangsphase des Ausbruchs die Hälfte der Fälle in Berlin vermutlich im Ausland infiziert, insbesondere während eines Gay Pride-Festivals auf Gran Canaria vom 5. bis zum 15. Mai.

Berlin hat bisher rund 17.000 Dosen Impfstoff erhalten. Im September 2022 werden laut Informationen der Tagesschau die restlichen 200.000 Impfstoffdosen erwartet. Laut der Antwort auf eine schriftlichen Anfrage der CDU an den Berliner Senat vom 14.08. lagen dem Senat keine Infos darüber vor, wann die von der Bundesregierung bestellten 200.000 Dosen ausgeliefert werden. Termine für die derzeit überwiegend nachgefragten Indikationsimpfungen können in größerem Umfang allerdings erst wieder nach deren Erhalt vereinbart werden.

Anwendung des Impfstoffs

Bei Imvanex handelt es sich um einen Lebendimpfstoff, der zum Schutz gegen Pocken bei Erwachsenen entwickelt wurde. Aufgrund der Ähnlichkeit der Viren schützen Impfstoffe, die zum Schutz vor den echten Pocken (Variola) entwickelt wurden, auch vor „Affenpocken". Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind moderne Pockenimpfstoffe gegen eine Infektion mit MPX zu 85 Prozent wirksam. Mitte August hatte die WHO nach Meldungen von Impfdurchbrüchen davor gewarnt die Impfung als Allheilmittel zu betrachten. Dies sei nicht erwartbar gewesen.

Das Vakzin wird in den Oberarm gespritzt. Menschen, die nicht gegen die Pocken geimpft wurden, sind nach zwei Dosen im Abstand von mindestens 28 Tagen geschützt. Auch Menschen mit geschwächtem Immunsystem, die bereits gegen die Pocken geimpft wurden, erhalten in der Regel zwei Dosen, bei anderen schon Geimpften reicht eine Auffrischungsimpfung. Für Menschen mit HIV seien Auffrischungsimpfungen oder Erstimpfungen mit Imvanex ebenfalls möglich, so die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA). Häufige Nebenwirkungen bei der Impfung mit Imvanex sind Kopfschmerzen, Übelkeit, Müdigkeit, Muskelschmerzen und Reaktionen an der Injektionsstelle. Laut Angaben der WHO entfaltet der Impfstoff mindestens zwei Wochen nach der zweiten Impfdosis seine volle Wirksamkeit.

Ansteckung

Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nach Informationen des RKI nur bei engem Kontakt möglich. Das schließt sexuelle Kontakte mit ein. Unter anderem kann direkter Hautkontakt mit MPX-Ausschlägen während sexueller Aktivitäten zu einer Ansteckung führen. Diese Ausschläge treten manchmal am Anus, im Rektum, an den Genitalien oder im Mund auf, was wahrscheinlich zur Übertragung bei sexuellem Kontakt beiträgt. Inwieweit MPX durch Samenflüssigkeit oder Vaginalsekret verbreitet werden können, ist dem RKI zufolge noch nicht abschließend geklärt. Darüber hinaus kann sich jede Person, die engen körperlichen Kontakt mit einer ansteckenden Person hat, infizieren. So ist zum Beispiel auch eine Übertragung durch Tröpfchen bei Face-to-Face-Kontakt durch ausgeschiedene Atemwegssekrete möglich. Auch über Kleidung oder Gegenstände, die durch den Kontakt mit einer infizierten Person mit dem Virus kontaminiert wurden, können andere sich infizieren.

Nach derzeitigen Erkenntnissen erfolgen die Übertragungen in diesem MPX-Ausbruch vorrangig im Rahmen von sexuellen Aktivitäten, insbesondere bei Männern, die sexuelle Kontakte mit anderen Männern haben. Bislang seien nur 14 Fälle in Deutschland übermittelt worden, bei denen sich Frauen angesteckt hatten. Außerdem sind drei Fälle bei Jugendlichen und zwei Fälle bei Kindern unter 14 Jahren bekannt geworden.

Krankheitssymptome

Symptome können innerhalb von 3 bis 21 Tagen nach Kontakt mit einer Person mit MPX auftreten. Erste Symptome der Krankheit sind Fieber, Kopf-, Muskel- und Rückenschmerzen und geschwollene Lymphknoten. Einige Tage nach dem Auftreten von Fieber können sich Hautveränderungen entwicklen. Der Ausschlag konzentriert sich in der Regel auf Gesicht, Handflächen und Fußsohlen. Haut- und Schleimhautveränderungen sind aber auch auf dem Mund, den Genitalien und den Augen möglich.

Insbesondere bei einigen aktuell gemeldeten Fällen wurden Hautveränderungen im Bereich der Harn- und Geschlechtsorgane und im Anal-Bereich beobachtet. Die Symptome halten in der Regel zwischen zwei und vier Wochen an und die meisten Menschen erholen sich von selbst. Allerdings können bei einigen Betroffen auch schwerere Verläufe auftreten.

Größere Gefahr für Menschen mit HIV?

Vor allem bei kleinen Kindern und Menschen mit angegriffenem Immunsystem, etwa durch eine HIV-Infektion, könne es laut WHO zu Todesfällen durch MPX kommen.

Nach Aussage der Deutschen Aidshilfe lassen sich allerdings bislang keine gesicherten Aussagen darüber treffen, wie gefährlich MPX für Menschen mit HIV sind. Es scheine plausibel, „dass HIV-Positive unter funktionierender Therapie und gutem Immunstatus nicht gefährdeter sind als andere.“ Auch die DAH betont, dass bei Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem ein höheres Infektionsrisiko und ein höheres Risiko für einen schwereren Verlauf bestehen könnte. Belastbare Daten würden dazu aber im Moment noch fehlen. Nach Angaben des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten hatten bei einem Ausbruch in Nigeria im Jahr 2017 Patient*innen mit gleichzeitiger HIV-Infektion im Vergleich zu HIV-negativen Personen einen schwereren Krankheitsverlauf mit mehr Hautläsionen und damit verbundenen Genitalgeschwüren.

Die Risiko-Einschätzung des RKI lautet weiterhin, dass eine Gefährdung für die Gesundheit der breiten Bevölkerung in Deutschland gering sei.

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