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Interview

Klaus Lederer über sein Buch „Mit Links die Welt retten“

8. Feb. 2024 Manuela Kay
Bild: Jason Harrell
Linken-Politiker Klaus Lederer

Mitten in der massiven Krise seiner Partei Die Linke veröffentlicht einer der beliebtesten Berliner Politiker ein Buch darüber, wie man die Welt vielleicht doch noch retten könnte. Und das mit linken Visionen. Klaus Lederer war bis April 2023 Bürgermeister von Berlin sowie Senator für Kultur und Europa. SIEGESSÄULE-Verlegerin Manuela Kay unterhielt sich mit ihm über sein neues Buch und über linke, queere Visionen

Du bist seit gut acht Monaten nicht mehr Senator. Was machst du jetzt eigentlich? Ich bin queerpolitischer Sprecher der Linksfraktion, bin im Gesundheits- und Pflegeausschuss und jetzt neu auch im Ausschuss für Jugend, Bildung und Familie. Im Grunde aber mache ich doch – im Wesentlichen – Queerpolitik, was ja ein Querschnittsthema ist, etwa in den verschiedenen Handlungsfeldern der Initiative „Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt“. Ich habe ja vor meiner Zeit als Senator schon Queerpolitik gemacht, und es ist für mich ein bisschen back to the roots – und leider ist Queerpolitik immer noch sehr nötig.

Fehlt dir das Senatordasein? Einerseits und andererseits. Es ist natürlich eine tolle Zeit gewesen: sechseinhalb Jahre lang viel inhaltlich gestalten zu können, direkte Möglichkeiten zu haben, Akzente zu setzen in der Kulturpolitik, im Land. Es sind ja auch ein paar tolle Sachen gelungen, Dinge, die es jetzt noch gibt, wie der eintrittsfreie Museumssonntag. Das war schon eine großartige Zeit. Und eigentlich muss ich sagen: Was soll da noch kommen, wenn man diesen Job machen durfte? Andererseits gibt es auch ein Leben außerhalb von 80 Wochenstunden Arbeit. Und ich finde es tatsächlich auch schön, mehr gemeinsame Zeit mit meinem Mann zu haben und dass ich nicht mehr drei Monate vorher verabreden muss, um mal meine Eltern zu treffen oder liebe Menschen. Da ist eine größere zeitliche Flexibilität, und man kann auch mal spontan Dinge machen, was über Jahre hinweg nicht ging.

Also bist du im Grunde erleichtert? Oder auch ein bisschen bitter oder melancholisch? Bitter bin ich überhaupt nicht. Ein bisschen Melancholie war dabei. Ich hätte schon gerne noch bis zum Ende dieser Legislaturperiode weitergemacht. Aber ich bin eigentlich nicht der Typ, der sich einfach nur festklammert, sondern bei mir ging es recht schnell, dass ich gesagt habe: Okay, das ist jetzt eine neue Situation, guck mal nach vorne jetzt. Ich bin nicht derjenige, der der verflossenen Geschichte hinterhertrauert. Zumal so was immer eine Tätigkeit auf Zeit ist, das wusste ich ja.

Du hast jetzt mehr Zeit. Unter anderem, um Bücher zu schreiben ... Nachdem klar war, dass da Schluss ist, hat mir der Kanon Verlag das Angebot für ein Buchprojekt gemacht. Und nachdem ich 20 Jahre eigentlich nur wenig Zeit hatte, auch mal einen Schritt zurückzutreten, mal nachzudenken und zu reflektieren, fand ich das eine gute Idee: sich mal ein bisschen länger Zeit zu nehmen, um sich einmal selber auch ein bisschen Rechenschaft abzulegen. Wo stehen wir eigentlich? Wo stehst du eigentlich als Linker? Was bedeutet es 2023/24 mit all den multiplen Krisen, in denen wir hier leben, links zu sein? Auch in der Situation, in der die Partei sich gerade letztlich gespalten hat und auch wirklich bei ganz zentralen politischen Fragen Mühe hat, eine klare und nachvollziehbare, öffentlich kommunizierbare Position zu entwickeln. Und jetzt war die Gelegenheit zu sagen, ich nehme mir vier, fünf Monate Zeit und versuche mich damit konzentrierter auseinanderzusetzen. Das war neben der parlamentarischen Arbeit aber letztlich doch wenig Zeit – eine ganz schön sportliche Veranstaltung.

„Was bedeutet es 2023/24 mit all den multiplen Krisen, in denen wir hier leben, links zu sein?“

Es war ja so knapp, dass ich dein Buch noch gar nicht lesen konnte, was ein bisschen kurios ist für ein Interview. Also musst du mir jetzt erzählen: Was steht denn drin ... so in zwei, drei Sätzen? Es ist der Versuch, ein Angebot zu machen, über progressive Politik heute und über Alternativen zum fast schon alternativlos erscheinenden Kapitalismus nachzudenken. Das ist auch ein Versuch der Selbstverständigung für mich. Wie kriegt man linke Politik überhaupt wieder zurück ins Spiel und dann sogar in die Offensive? Es hat ja keinen Sinn, überall andernorts nach Gründen zu suchen, sondern da muss man sich selbst befragen. Und das heißt noch lange nicht, dass sich auf alles Antworten finden. Aber manchmal ist es ja schon wichtig, die richtigen Fragen zu stellen.

Was ist deine Kernthese? Ich würde zumindest sagen, dass eine Linke, die gerade in Umfragen bei drei bis vier Prozent rangiert und sich gerade gespalten hat, ein inhaltliches Problem hat, mit dem sie sich intensiv auseinandersetzen muss. Ich glaube, dass die entscheidende Differenz zwischen rechter und linker Politik die Frage der Gleichheit ist. Linke Politik geht erst mal grundsätzlich von der Gleichheit aller Menschen aus und sieht Gleichheit und Freiheit als einander wechselseitig bedingende Angelegenheiten und nicht als einen Widerspruch an. Das heißt, Freiheit lässt sich letztlich nur in der Gesellschaft verwirklichen, wenn wir aufeinander bezogen tätig werden und nicht in einem Konkurrenzverhältnis sind. Und dazu gehört die Demokratie als die entscheidende Form der Umsetzung linker Politik. Und das bedeutet, dass man auch bereit und in der Lage sein muss, politische Verantwortung in einem demokratischen System zu übernehmen. Es reicht nicht, sich an den jeweils Regierenden abzuarbeiten, eigene Vorschläge und Konzepte sind gefragt, die Herzen und Köpfe erreichen können.

„Freiheit lässt sich letztlich nur in der Gesellschaft verwirklichen, wenn wir aufeinander bezogen tätig werden und nicht in einem Konkurrenzverhältnis sind.“

Woran liegt es, dass sich sowohl die linke Partei als auch scheinbar alle gesellschaftlich linken Gruppen immer so zerfleischen, anders als konservative Gruppen? Auch in der LGBTIQ*-Community wird sich zerfleischt, zerlegt, gehasst, gecancelt, diffamiert. Du hast gesagt, Gleichheit ist der Grundsatz. Warum zerschlägt man sich dann gegenseitig derart die Köpfe? Es gibt durchaus dogmatische Traditionslinien der Linken, die sich sehr hartnäckig halten. Und dann gibt es natürlich auch die unschöne akademische Besserwisserei, die es in der Linken schon immer gegeben hat. Und ich habe auch das Gefühl, dass parolenhafte Zuspitzung und drastische Formen der Auseinandersetzung ein Stück weit auch Ratlosigkeit und Ohnmacht übertünchen sollen. Hinzu kommt, dass die Linke für sich immer in Anspruch genommen hat, gesellschaftlich etwas fundamental anderes zu wollen, auf einen Bruch hinzuarbeiten. Das war bei Marx gar nicht so angelegt, ihm war immer wichtig, aus den gesellschaftlichen Zuständen, wie sie sind, heraus gesellschaftliche Alternativen zu entwickeln – und nicht in einem Wolkenkuckucksheim.

Und was ist deine Vision? Ich wünsche mir einerseits eine utopischere, andererseits aber auch eine pragmatischere Linke. Dass man die Zustände nicht nur in möglichst drastischen Farben schildert oder bezeichnet, sondern im Zweifelsfall auch bereit ist, sich selbst in die Verantwortung zu nehmen, um sie zu ändern. Also die Linke als Partei zumindest muss für sich die Frage beantworten: Wie will sie denn die Dinge Wirklichkeit werden lassen, für die sie politisch steht? Unsere Gesellschaft muss hier und jetzt verändert werden, das setzt Offenheit, Neugier und Öffnung voraus, auch Allianzen.

„Ich wünsche mir einerseits eine utopischere, andererseits aber auch eine pragmatischere Linke.“

Müssen deiner Ansicht nach queere Menschen automatisch links sein? Es gibt keinen Automatismus. Die Entscheidung treffen Menschen für sich selber. Aber natürlich meine ich schon, dass Queers ein ureigenes Interesse daran haben sollten, für eine Gesellschaft zu streiten, in der Freiheit, soziale Absicherung und Minderheitenrechte geschützt sind – in der Menschen in ihrer Vielfalt Schutz und Anerkennung der Gesellschaft erfahren und sich nicht bedroht fühlen müssen. Das, finde ich, ist eigentlich ein hohes Eigeninteresse, das man haben sollte.

Wenn jetzt die Fee käme und du könntest dir ein politisches Amt aussuchen auf der Welt: Was wäre dein Wunsch? (lacht herzhaft) Ich muss gestehen, nachdem ich sechseinhalb Jahre Kultursenator gewesen bin und Bürgermeister und Senator in dieser Stadt – das ist eigentlich nicht zu toppen!

Bild: Kanon Verlag Berlin

Klaus Lederer: „Mit Links die Welt retten“,
Kanon Verlag, 234 Seiten, 22 Euro
Erscheint am 21.02.2024

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