Reinickendorf: Vom Vereinshaus zum FKK-Strand
Zwischen malerischen Wäldern und Seen sowie ausgedehnten Industriegebieten und Mietskasernen liegt Reinickendorf, Berlins nördlichster Bezirk. Hier leben Queers vor allem anonym und ohne Szeneanbindung. SIEGESSÄULE-Redakteur Kevin Clarke beschreibt seinen Heimatbezirk
Wir verabreden uns an einem Donnerstagnachmittag im Januar im „House of Queers“ im Märkischen Viertel. Es schneit und ist klirrend kalt. Andreas Otto, bis 2025 Geschäftsführer der FDP-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Reinickendorf, ist seit Jahren eine der zentralen Figuren, wenn es darum geht, LGBTIQ*-Projekte anzustoßen – in einem Bezirk, der politisch stark konservativ geprägt ist. Andreas ist, wie ich, Jahrgang 1967. Er lebt seit 2000 in Reinickendorf. Ich schon immer, was selten genug ist.
Denn viele, die in diesem Riesenbezirk (mit zehn Ortsteilen) groß geworden sind, ziehen irgendwann dorthin, wo es mehr Community-Feeling gibt. Gleichzeitig lässt sich seit einiger Zeit ein gegenläufiger Trend beobachten: Immer mehr junge Queers ziehen nach Reinickendorf, weil Mieten hier noch halbwegs erschwinglich sind.
Queere Menschen gibt‘s reichlich. Ich war überrascht, wie viele Männer, die Sex mit Männern suchen, mir bei PlanetRomeo rund um den Eichborndamm in meiner unmittelbaren Nähe angezeigt wurden (sogar in meinem Wohnhaus, eine Tür weiter). Aber auf der Straße oder anderswo bleiben sie unsichtbar. In Reinickendorf lebt man anonym, bestätigt auch Andreas. Allerdings sei man vergleichsweise sicher. Es gebe zwar immer wieder Vorfälle, vor allem in der U8, doch insgesamt sei die Lage für Queers besser als in manch anderem Bezirk.
Homophobe Signale aus dem Rathaus
Reinickendorf ist heute verkehrstechnisch gut angebunden – anders als in meiner Jugend, als die U-Bahn nicht bis Wittenau fuhr und es keinen regelmäßigen S-Bahn-Verkehr von Frohnau oder Hennigsdorf Richtung Mitte gab. Dazu kommen ausgedehnte Naherholungsgebiete: der Tegeler See, der Flughafensee und sein bei internationalem Publikum beliebter FKK-Strand mit weißem Sand, die Wälder in Hermsdorf, das Fließtal und die Pferdekoppeln von Alt-Lübars. Und mit dem Grab von Alexander von Humboldt in Schloss Tegel gibt es sogar einen veritablen LGBTIQ*-Pilgerort.
Neuerdings hat das CDU-regierte Reinickendorf sogar eine Queerbeauftragte: Ebru Okatan. Mit der SIEGESSÄULE sprechen kann sie allerdings nicht – weil sie erst seit Kurzem im Amt sei und sich einarbeiten müsse. Das lässt ihre Kollegin, die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte Susanne Förg, ausrichten. Auch sie möchte nicht mit SIEGESSÄULE sprechen, etwa darüber, wie sie auf eine enge Zusammenarbeit mit Okatan hofft oder dass ihr queerfeministische Ansätze wichtig seien. Grund sind „hierarchische Zustände“ im Rathaus: Jede externe Kommunikation müsse von Bezirksbürgermeisterin Emine Demirbüken-Wegner (CDU), intern „EDW“ genannt, genehmigt werden.
Laut einer Insiderin wolle EDW alles kontrollieren, weil sie Angst habe, dass die „eklatante Homophobie ihres Kreisverbandes“ publik werden könnte.
Laut einer Insiderin wolle EDW alles kontrollieren, weil sie Angst habe, dass die „eklatante Homophobie ihres Kreisverbandes“ publik werden könnte. Darauf angesprochen betont auch Andreas, dass EDW sich zwar nach außen gern „weltoffen“ präsentiere. Gleichzeitig habe sie umstrittene konservative DITIB-Gemeinden (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) zum Fastenbrechen ins Rathaus geladen. Was für Queers ein zwiespältiges Signal sendete. Ein weiteres Beispiel lieferte die vergangene Pride-Saison. Seit 2023 gibt es einen einstimmig beschlossenen BVV-Antrag, zu besonderen LGBTIQ*-Tagen eine Regenbogenfahne vorm Rathaus zu hissen. Doch ausgerechnet am IDAHOBIT am 17. Mai war der Fahnenmast defekt. Als Andreas eine öffentliche Erklärung verlangte, warf EDW ihm „populistisches Verhalten“ vor. Eine Insiderin aus der Kommunalpolitik sagt: Viele würden auf die Neuwahl im September hoffen, damit „dieser Spuk mit EDW endlich ein Ende hat“.
Community „Hütte“ als Treffpunk
2018 gründete Andreas gemeinsam mit anderen die Initiative Regenbogen Reinickendorf. Mit Spenden und Mitgliedsbeiträgen mietet der Verein ein ehemaliges Grenzwachhaus der französischen Besatzungstruppen – eine „Hütte“ am einstigen Mauerweg. Dort werden Community-Angebote gemacht: Unterstützung bei psychischen Krisen, Coming-out, Gesundheitsfragen, Sucht, Einsamkeit und Alter. Weil das Gebäude unbeheizt ist, findet das Programm allerdings nur von Frühling bis Herbst statt.
Andreas’ größter Traum ist aber: der erste CSD in Reinickendorf. Die Route soll von der Vereinshütte quer durchs Märkische Viertel bis zum Rathaus führen.
Der Verein kooperiert mit der Humboldt-Bibliothek in Tegel. Dort finden regelmäßig Lesungen statt. Für 2027 ist gemeinsam mit der Hirschfeld-Stiftung sogar eine Ausstellung in den Bibliotheksräumen geplant. Andreas’ größter Traum ist aber: der erste CSD in Reinickendorf. Die Route soll von der Vereinshütte quer durchs Märkische Viertel bis zum Rathaus führen, mit einer Abschluss kundgebung – mitten im Wahlkampf. Ein Pride-Marsch im Norden Berlins wäre ein Event, bei dem die Parteirepräsentanten des Bezirks zeigen könnten, wo sie in Sachen Queerpolitik stehen.
Dass Reinickendorf für solche Events bereit ist, bewies bereits 2021 die Veranstaltung „Reinickendorf Goes Pomps“ rund um den Franz-Neumann-Platz. Unter dem Motto „Schmeiß dich in deinen Fummel und lauf mit!“ kamen sogar prominente Gäste wie Julian F. M. Stöckel. Die Nachbarschaft reagierte neugierig – und positiv.
Besonders wichtig sei allerdings die Arbeit an Schulen. Es gebe in Reinickendorf viele „sehr gute Schulen und engagierte Lehrkräfte“, die erkannt hätten, wie entscheidend es ist, über LGBTIQ* im Unterricht zu sprechen. Ich erinnere mich an meine eigene Schulzeit in den 1980ern, als am Friedrich-Engels-Gymnasium in Reinickendorf-Ost eine schwul-lesbische AG gegründet wurde – mit einem Schüler und einer Lehrkraft (unserem Kunstlehrer). Ich selbst war damals zu feige mitzumachen, weil ich zu Hause noch nicht out war. Aber es gab an unserer Schule keine Häme oder abfällige Kommentare. Diese Erfahrung hat sich mir stark eingeprägt.
„Ein Queer-Hotspot wird Reinickendorf nie“, sagt Andreas. „Aber man kann viel reißen für die, die hier leben.“
„Ein Queer-Hotspot wird Reinickendorf nie“, sagt Andreas. „Aber man kann viel reißen für die, die hier leben.“ Seine „Hütte“ ist – anders als andere queere Stadtteilzentren – vollständig ehrenamtlich organisiert. Berlins Queerbeauftragter Alfonso Pantisano, der 2025 zum „Jahr der Randbezirke“ ausgerufen hatte, war auch schon da. Er kommt sicher auch zum ersten CSD im Berliner Norden. Ich werde dann stolz durch meinen Bezirk mitmarschieren. Etwas, was ich mir früher nicht mal im Traum hätte vorstellen können.
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