Homophobe Gewalt

Lesbenfeindlicher Übergriff auf die Initiative RuT e. V.

29. Juni 2020
Vor den Räumen des RuT e. V.

Am Samstag, den 27.06., ereignete sich vor den Räumen des Rat und Tat (RuT) in Neukölln ein lesbenfeindlicher Übergriff, bei dem die Leiterin des Vereins bedroht wurde

Während Dreharbeiten vor den Räumen von RuT e. V., der offenen Initiative lesbischer Frauen, wurde die Leiterin des Vereins Ina Rosenthal von drei jungen Männern mehrfach mit Gewalt bedroht und lesbenfeindlich beleidigt. Unter anderem sollen die Männer „Du Scheiß Lesbe“ und „Ich hau dich kaputt“ geschrieen haben, heißt es in einer Pressemitteilung der Initiative. Auch der Kameramann wurde demnach mehrfach bedroht und beleidigt. Die Dreharbeiten fanden für die diesjährige Pride-Kampagne der Linken zum Thema „Queere Kulturorte erhalten“ statt. Nach Aussage von RuT versuchten die Männer bewusst, den Dreh zu stören, nachdem sie beobachtet hatten, dass es dabei um queere Kultur und die Öffentlichkeitsarbeit einer lesbischen Initiative ging. Wegen des zunehmend aggressiver werdenden Verhaltens wurde die Polizei alamiert. 6 Polizisten waren vor Ort, um die Angreifer zur Ruhe zu bringen. Ina Rosenthal und der Kameramann erstatteten Anzeige.

Auch Daniel Bache, einer der Bundessprecher*innen von DIE LINKE.queer, war bei dem Vorfall vor Ort. Er schrieb in einer heute veröffentlichten Pressemitteilung, dass trotz des Versuchs, die Situation diplomatisch zu lösen, der Angriff durch die Männer fortgesetzt wurde. Die daraufhin alarmierte Polizei habe „zunächst nur zögerlich reagiert.“ Auch er bestätigte, dass aus dem Verhalten der Männer eindeutig hervor ging, dass es sich um einen bewussten Angriff handelte. Dabei habe es in der jüngeren Vergangenheit bereits lesbenfeindliche Angriffe auf die Räume des Vereins und seine Mitarbeiterinnen gegeben.

Laut Rut e. V. soll es vor wenigen Monaten zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen einem Passanten und zwei Mitarbeiterinnen vor den Geschäftsräumen gekommen sein. Ohne jeden Anlass hatte der Passant die Mitarbeiterinnen lesbenfeindlich beleidigt und körperlich angegriffen. Nur mit Hilfe einer weiteren Kollegin konnten die beiden sich der Situation entziehen. Es wurde Anzeige erstattet. Doch das Verfahren soll vor ein paar Tagen erfolglos eingestellt worden sein, da der Täter nicht ausfindig gemacht werden konnte.

Ina Rosenthal von RuT e. V. betont, dass der öffentliche Raum kein „Angstkorridor" sein dürfe, „in dem die eigene, individuelle Sichtbarkeit zur Gefahr wird.“ Es brauche die „aktive Solidarität aus der Mehrheitsgesellschaft“. Denn es könne „angesichts steigender Lesben-, Schwulen- und Transfeindlichkeit nicht angehen, dass sich die Betroffenen auch noch selbst ihr Recht auf ein gewalt- und diskriminierungsfreies Leben und Arbeiten selbst erstreiten und verteidigen müssen.“ Ohne eine solidarische Gesellschaft und wirksame Maßnahmen gegen diskriminierende Gewalt im öffentlichen Raum seien queere Orte „auch nur Mauern mit einem Hohlraum“.

Zudem sei RuT e. V. nicht mehr gewillt, noch weiter die Unsichtbarmachung von Lesbenfeindlichkeit hinzunehmen. Denn in der öffentlichen Darstellung werde Homophobie grundsätzlich synonym zu Schwulenfeindlichkeit verwendet: „Aufklärungskampagnen und Solidaritätsbekenntnisse machen vor allem schwule Opfer sichtbar. Wir fordern von Politik, Zivilgesellschaft und Community eine öffentliche Diskussion zu Lesbenfeindlichkeit! Denn Sichtbarkeit braucht Sicherheit. Das gilt auch für Lesben!“

Daniel Bache von Die Linke.queer unterstützt die Forderung nach mehr Solidarität: „Offen sichtbares, lesbisches Leben stellt für rechtsextreme und extrem konservative Kreise verschiedener kultureller und religiöser Prägung offensichtlich eine besondere Bedrohung dar. Lesbische Strukturen, die ohnehin mit strukturellen Benachteiligungen zu kämpfen haben, verdienen unsere Solidarität und vor allem politische Unterstützung, auch über solche Vorfälle hinaus. Wir verurteilen diese feige Attacke und ermutigen alle Betroffenen, sich rechtlich gegen Angriffe zu wehren und diese öffentlich zu machen. Gewalt gegen queere Personen und Strukturen sind in Deutschland Alltag und müssen endlich entschlossen bekämpft werden.“

RuT e. V. arbeiten seit 1989 vor allem für gesellschaftliche, soziale und kulturelle Teilhabe von älteren Lesben mit und ohne Behinderungen. Hier wird Unterstützung und Beratung in allen Lebenslagen angeboten, ob bei Coming-out, Beziehungsproblemen, Sinnfragen oder beim Umgang mit Diskriminierung. Zum RuT gehören zahlreiche Projekte: u. a. der Besuchsdienst „Zeit für Dich“, eine Nachbarschaftshilfe, das queere Inklusionsprojekt „LSBTIQ-Infrastruktur“, das Strukturprojekt „Lesbisch*Sichtbar.Berlin“ und das Projekt „Frauenkultur & Wohnen“. (SIEGESSÄULE berichtete)

Ina Rosenthal, Leiterin von RuT e. V., gab sowohl ein Video-Statement auf Facebook als auch ein schriftliches Statement zum Angriff am Samstag ab, in dem sie u. a. über fehlende Zivilcourage während des Vorfalls spricht. SIEGESSÄULE gibt ihr Statement an dieser Stelle ungekürzt wieder:

„Scheiß Lesbe, ich hau dich kaputt“

Als am Samstag Nachmittag einige Tausende LSBTI und Verbündete zum Gedenken an die Stonewall-Unruhen in New York vor 51 Jahren für Gleichberechtigung und Einhaltung der Menschenrechte demonstrierten stand ich vor den Räumen von Rut e. V. und wollte vor laufender Kamera ein Statement abgeben zu „Queere Räume auch in Coroana Zeiten erhalten“ und „Lesbische Sichtbarkeit“. Plötzlich befand ich mich jedoch im Mittelpunkt von lesben- und frauenfeindlichen Beschimpfungen, mir wurde Gewalt angedroht und ich musste erleben, wie es ist, auf offener Straßen angefeindet zu werden.

Wir waren mitten im Dreh als drei junge Männer sich dazu entschlossen durchs Bild zu laufen und mich während dessen wüst zu beschimpfen. Etwas später wurde auch der Kameramann beleidigt und bedroht. „Scheiß Lesben“ und „Ich mach dich platt“ waren noch die nettesten Worte, die uns um die Köpfe flogen. Und sie ging nicht einfach weiter, sondern blieben hinter mir stehen. Mit einem fetten Grinsen im Gesicht. All das taten sie im vollem Bewusstsein, das sie dabei gefilmt wurden. Trotz mehrfacher freundlicher Versuche die Situation zu deeskalieren, blieben sie, provozierten und beleidigten weiter, so dass ich und der Kameramann die Polizei rufen mussten.

Für mich war mittlerweile deutlich geworden, dass es hier gezielt darum ging, unsere Öffentlichkeitsarbeit zu verhindern und eine lesbische Frau mit Gewaltandrohungen einzuschüchtern. Letztendlich hat es 6 Polizisten und die Anwesenheit eines Vaters der jungen Männer gebraucht, um die Situation wieder so herzustellen das wir weiterarbeiten konnten

Über die Wichtigkeit lesbischer Räume zu sprechen, nachdem wir massiv bedroht worden sind war nicht leicht. Hatte dieser Vorfall mir doch gezeigt, dass wir nicht nur Räume sondern auch die angstfreien Zugänge zu diesen dringend brauchen. Was mich aber zusätzlich zutiefst schockiert hat, war das keiner der Passanten, die diesen Vorfall mitbekommen haben, sich eingemischt hat. Niemand hat mit uns das Wort erhoben, sich solidarisch erklärt oder an unserer Seite gestanden. Es waren nicht nur die Passanten, sondern auch Anwohnende, die im Parkstück vor dem Drehort auf Bänken saßen, Tischtennis spielten und die Sonne genossen.

Es hat mich die bittere Erkenntnis gelehrt, dass wir immer noch in einer Gesellschaft leben, in der das Umfeld schweigt und das mich in meinem Alltag lesben- und frauenfeindlicher Gewalt schutzlos ausliefert.

Wer schweigt, stimmt zu! Das wurde mir in dieser Situation schmerzlicher bewusst. Wie kann es sein, dass dieses Lesbenprojekt seit dreißig Jahren in diesem Kiez sichtbar für die Belange lesbischer Frauen, für ältere Lesben mit und ohne Behinderungen steht, dort Veranstaltungen stattfinden, dort reiches kulturelles Leben ist, ein Teil der Vielfalt unserer Gesellschaft abbildet und bei einem solchen Angriff die Nachbarschaft einfach wegsieht? Diese Frage muss gestellt werden! Niemand kann ohne Solidarität überleben. Warum gilt das nicht für uns Lesben? Wir fordern Antworten, auch wenn wir sie schon kennen! Wir fordern Maßnahmen gegen Lesbenfeindlichkeit! Wir tragen unseren Teil seit über drei Jahrzehnten dazu bei.

Dass sich dieser Vorfall ausgerechnet bei einem Dreh eines Clips unter dem Motto „Queere Kulturorte erhalten“ ereignet hat, gibt der Kluft zwischen politischem Anspruch und alltäglicher Wirklichkeit eine zusätzliche bittere Note! Wir müssen über die Normalität und das Geduldetsein von Lesbenfeindlichkeit nicht nur reden, sondern wir müssen auch dagegen handeln.

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