ab 24.11. im Kino

Lesbische Liebesgeschichte im KZ: „Nelly und Nadine"

21. Nov. 2022 Annabelle Georgen
Bild: Auto Images
Nadine Hwang und Nelly Mousset-Vos (li.)

Die Doku „Nelly und Nadine“, die dieses Jahr den Teddy Jury Award gewann, erzählt von einer lesbischen Liebesgeschichte, die im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück begann. SIEGESSÄULE-Kulturredakteurin Annabelle Georgen traf den Filmemacher Magnus Gertten zum Gespräch

Magnus, wie hast du die Liebesgeschichte von Nelly und Nadine entdeckt? Das ist eine lange Geschichte. Alles begann, als ich auf Archivaufnahmen gestoßen bin, die im April 1945 im Hafen von Malmö gedreht worden sind – der schwedischen Stadt, in der ich lebe. Sie zeigen Überlebende der Frauenkonzentrationslager, die vom schwedischen Roten Kreuz befreit wurden, in dem Moment, als sie aus der Fähre aussteigen. Es sind ihre allerersten Schritte als Frauen, die ihre Freiheit wiedergewonnen haben. Diese Bilder wurden damals in der schwedischen Wochenschau gezeigt, die in Kinos und Theatern lief. Diese kurze Videosequenz ist außergewöhnlich: Im Gegensatz zu anderen Bildern von der Befreiung der Konzentrationslager hat sich der Kameramann auf die Gesichter der Überlebenden fokussiert. Das Gesicht von Nadine taucht in dem Film auf: Sie ist gerade aus dem Lager Ravensbrück befreit worden, trägt die gestreifte Uniform der Gefangenen, einen weißen Schal um den Hals und starrt mit einem zweideutigen Blick in die Kamera. Sie ist rätselhaft und sieht cool aus.

Als ich diese Bilder entdeckte, fragte ich mich, wer all diese Menschen waren – ich wollte diesen Gesichtern einen Namen geben. Aus dieser Suche, die mehrere Jahre dauerte, ist eine erste Doku, „Every Face Has a Name“, 2015 entstanden. Als ich mit dem Film durch Europa tourte, wurde ich von Sylvie, der Enkelin von Nelly, kontaktiert. Sie hatte sie wiedererkannt: Nadine war die Frau, mit der ihre Großmutter ihr Leben geteilt hatte. Obwohl ich beschlossen hatte, nicht mehr über den Zweiten Weltkrieg zu arbeiten, war mir klar, dass das Thema hochspannend war.

Nadine Hwang war eine selbstbewusste Lesbe, die kurze Haare hatte und Männerkleidung trug. Eine seltene, mutige Haltung zu dieser Zeit ... Nadine war die Tochter des chinesischen Botschafters in Spanien. Sie verbrachte ihre Kindheit in Madrid, bevor sie mit ihrer Familie nach China zurückkehrte. Sie gehörte zur chinesischen Oberschicht. Sie weigerte sich, die Rolle zu spielen, die von ihr erwartet wurde. Sie wollte nicht im Schatten der Männer stehen. Sie war sportbegeistert und fuhr Auto. Sie beherrschte mehrere Sprachen und reiste viel. Sie war Ehrenoberst der chinesischen Armee und arbeitete eine Weile für einen Premierminister. Sie führte ein privilegiertes Leben in China, aber offensichtlich fehlte ihr dort etwas, um ganz sie selbst zu sein. Aus diesem Grund zog sie 1933 nach Paris um. Schon bald wurde sie Teil des literarischen Salons der berühmten lesbischen Schriftstellerin Natalie Clifford Barney. Sie arbeitete für sie und zählte zu ihren Geliebten.

Bild: Auto Images

Als der Krieg ausbrach, blieb sie in Frankreich. Aus welchem Grund wurde sie nach Ravensbrück deportiert? Wir wissen, dass sie während der Besatzung in Biarritz, Südfrankreich, lebte und sich im Widerstand engagierte. Sie half unter anderem Menschen, über die Pyrenäen nach Spanien zu fliehen. Der Grund für ihre Verhaftung ist jedoch unklar. Ich habe die Hoffnung, dass zu Nadines Leben in der Zukunft geforscht wird, denn seitdem mein Film auf Festivals tourt, ist der Name Nadine Hwang in China berühmt. Sie ist eine faszinierende Persönlichkeit, aber ich bin mir nicht sicher, ob ihr Lesbischsein in den chinesischen Medien hervorgehoben wird. Ich wünsche, dass dieser Aspekt nicht vergessen wird. Nadine war eine mutige Frau, auf vielen Ebenen, aber lesbisch zu sein und dazu zu stehen war in manchen Momenten ihres Lebens wohl das Mutigste, was man tun konnte.

Im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück in Norddeutschland lernte Nadine an Weihnachten 1944 Nelly kennen ... Die Belgierin Nelly Mousset-Vos war eine Sängerin und eine Geheimagentin. Sie war Teil des berühmten belgischen Widerstandsnetzwerks Luc-Marc. Da sie wegen ihrer Auftritte viel auf Reisen war, vor allem in Frankreich, diente sie als Botin. Das Netzwerk wurde schließlich denunziert, Nelly wurde wegen Spionage verhaftet und nach Ravensbrück deportiert. Sie gehörte zu den wenigen Widerstandskämpfer*innen dieses Netzwerks, die überlebten.

„Ich denke, dass es in den Lagern viele Liebesgeschichten gab. Es war auch eine Überlebensstrategie."

Es ist schwer, sich eine Liebesgeschichte in einem Konzentrationslager vorzustellen, wenn man weiß, dass die Gefangenen keine Privatsphäre hatten, in Kälte und Hunger lebten und unter strenger Überwachung standen ... Ich denke, dass es in den Lagern viele Liebesgeschichten gab. Es war auch eine Überlebensstrategie. Es ist bekannt, dass Nadine über einen eigenen Schlafplatz verfügte. Sie werden sicherlich intime Momente zusammen erlebt haben. In einem Tagebuch aus dieser Zeit, das Nelly im KZ Mauthausen schrieb, fragte sie sich, wie die Menschen nur leben konnten, ohne die Liebe und das Gefühl, eine andere Person zu küssen, zu kennen.

Nach dem Krieg fanden sich die beiden Frauen wieder und zogen gemeinsam nach Südamerika, um dort ein neues Leben zu starten. Nellys Enkelin, Sylvie, sagt im Film, sie habe nicht gewusst, dass die beiden Frauen ein Paar waren. Hat Sie das nicht überrascht? Nein, nicht wirklich, denn sie war zu dieser Zeit noch ein Kind. Und sie erinnert sich, dass jede der beiden ein eigenes Schlafzimmer hatte. Als Teenager stellte sie sich einige Fragen, aber da in der Familie niemand darüber sprach, blieben ihre Zweifel offen. Es war ein Familiengeheimnis, das mit dem Holocaust zusammenhing. Solange man nicht darüber sprach, war es so, als ob es diese Realität nicht gäbe.

Nelly und Nadine,
Schweden / Belgien / Norwegen 2022,
Regie: Magnus Gertten
Ab 24.11. im Kino

Bild: Caroline Troedsson / Auto Images
Regisseur Magnus Gertten

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