Ab 22. Juli im Kino

Lesbische Romanze in Berliner Großbordell: „Glück“

22. Juli 2021 Anja Kümmel
Bild: Salzgeber

Selten wurde Sexarbeit so unaufgeregt dargestellt: In „Glück“ treffen sich zwei ganz unterschiedliche Frauen in einem Berliner Großbordell und verlieben sich ineinander – Hindernisse inbegriffen

Zunächst sind es nur flüchtige Blicke, ein schüchternes Lächeln, stockende Handbewegungen. „Glück“ lässt sich eine ganze Weile Zeit, bis die 42-jährige Sascha aus Brandenburg und die 25-jährige Italienerin Maria zum ersten Mal miteinander im Bett landen. Was auch daran liegen mag, dass es nicht gerade einfach sein dürfte, inmitten von käuflichem Sex zarte Bande zu knüpfen.

Eine lesbische Romanze in einem Berliner Großbordell anzusiedeln ist nicht unbedingt eine naheliegende Entscheidung. Für Henrika Kull allerdings vielleicht schon: Schließlich hat die Regisseurin und Drehbuchautorin zehn Jahre lang – u. a. für einen früheren Kurzfilm – immer wieder in Bordellen recherchiert, an der Bar gearbeitet und Hausdamen assistiert. Ihre erzählerische Perspektive, die weder voyeuristisch noch herablassend noch glorifizierend daherkommt, macht ihren zweiten Langfilm „Glück“ zu einem besonderen Ereignis. Hinter den semidokumentarischen Szenen, die in einem Berliner Bordell gedreht wurden, tritt die Liebesgeschichte zunächst fast zurück. Derart ungewohnt und umso erfrischender ist es, Sexarbeit auf der Leinwand einmal als das zu sehen, was sie ist: Arbeit. Inmitten dieses Alltags betört die enigmatische Maria, die neu im Team ist, ihre ältere Kollegin Sascha. Die Chemie zwischen den beiden ist glaubwürdig, die Leinwandpräsenz beider Darsteller*innen beeindruckend: Für Katharina Behrens (Sascha) ist es die erste Kinohauptrolle; den trans Schauspieler Adam Hoya (Maria) dürften einige bereits von seiner charismatischen Performance in „Searching Eva“ kennen.

Kull verlässt sich voll und ganz auf die Ausstrahlung der beiden und das Knistern zwischen ihnen; über die Vorgeschichte der Figuren hingegen erfahren wir wenig. Ihre Motivationen sind lediglich ahnbar; ihre Abgründe zeigen sich erst nach und nach. So etwa bei einem gemeinsamen Ausflug zu einem Dorffest in Brandenburg, bei dem Maria auch Saschas Sohn kennenlernt. Zum ersten Mal bricht die harsche Realität in ihre Zweisamkeit: So groß die Sehnsucht der beiden Hauptfiguren nacheinander sein mag – vielleicht sind sie letztendlich zu verschieden. Oder nicht stark genug, den Anfeindungen von außen vereint zu trotzen.

Im Kontrast zur homophoben, sexistischen Außenwelt, der sie hier begegnen, zeichnet „Glück“ das Bordell, in dem sie arbeiten, beinahe als eine Art „Safe Space“. Nicht Sexarbeit ist das Problem, so die klare Botschaft des Films, sondern Kapitalismus und Patriarchat. Ob die frisch geknüpfte Beziehung zwischen Maria und Sascha innerhalb dieser Strukturen bestehen kann oder an ihnen zerbricht, ist in „Glück“ ein Drahtseilakt mit offenem Ende.

Bild: Salzgeber

Glück, D 2021,
Regie: Henrika Kull, mit Katharina Behrens, Adam Hoya

Ab 22.07. im Kino

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