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Ab 06.12. im Kino, ab 20.12. bei Netflix

„Maestro“ – die schwule Seite von Leonard Bernstein

5. Dez. 2023 Kevin Clarke
Bild: Jason McDonald/Netflix
Bradley Cooper als Leonard Bernstein

Bradley Cooper hat ein Biopic über Leonard Bernstein (1918–1990) gedreht. „Maestro“ hatte unter viel Beifall bei den Filmfestspielen in Venedig Premiere und kommt jetzt nacheinander bei uns ins Kino und bei Netflix raus

Als Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker, als charismatische TV-Persönlichkeit mit eigener Musiksendung und als Komponist von Welterfolgen wie „West Side Story“ war Leonard Bernstein einer der prominentesten Vertreter der Klassikwelt in den USA in den 1950er- und 60er-Jahren. Dass er in dieser Zeit, die u. a. gekennzeichnet war durch die Hexenjagd von Senator McCarthy auf Kommunist*innen und Homosexuelle, Karriere machen konnte als schwuler Mann, lag daran, dass er 1951 die chilenische Schauspielerin Felicia Montealegre heiratete und mit ihr eine scheinbar perfekte heteronormative Ehe führte, mit drei Kindern, viel Glamour und noch mehr Publicity.
Montealegre wusste, worauf sie sich einließ. In einem Brief an Bernstein heißt es: „Du bist ein Homosexueller, und das wird sich vielleicht nie ändern – auch wenn du nicht zu der Möglichkeit eines Doppellebens stehen willst.“ Sie fährt fort: „Ich bin gewillt dich so zu akzeptieren, wie du bist.“

„Verbitterte alte Tunte“

Aus den kürzlich von seinen Kindern der Library of Congress übergebenen Intimbriefen wissen wir, dass Bernstein sein ganzes Leben ausschweifende sexuelle Abenteuer mit Männern hatte. Als nach Stonewall eine neue Zeit anbrach, trennte er sich Mitte der 70er-Jahre von Felicia, um mit seinem Liebhaber Tom Cothran zusammenzuleben. Felicia reagierte darauf, wie Tochter Jamie berichtet, indem sie ihren Mann mit theatralischer Stimme verfluchte: „Du wirst als einsame, verbitterte, alte Tunte sterben!“ Nachdem bei Felicia kurz darauf Krebs diagnostiziert wurde, kehrte Bernstein zu ihr zurück und pflegte sie bis zu ihrem Tod ein Jahr später. Fortan plagten ihn Schuldgefühle.

Er stürzte sich in die Arbeit. Dabei entstanden fürs Label Deutsche Grammophon viele der bis heute legendären Aufnahmen Bernsteins, vor allem Symphonie-Zyklen, etwa mit den entsprechenden Werken von Gustav Mahler, Johannes Brahms, Ludiwg van Beethoven oder Robert Schumann. Sie sind bis heute unübertroffen und wurden jetzt, zum Filmstart, von DG neu verpackt abermals auf den Markt geworfen, inklusive ein Best-of-Album mit Highlights aus dem DG-Bernstein-Katalog.

Bradley Cooper hatte übrigens Zugang zu den Intimbriefen und wusste als Drehbuchautor, Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller, um was es geht. Die schwule Seite leugnet der Film nicht, dennoch wird in allen Ankündigungen ausschließlich auf die „überwältigende und furchtlose Liebe“ zwischen Lenny und Felicia verwiesen, das Wort „homosexuell“ sucht man vergeblich. Das gilt auch für sämtliche Werbetexte von Deutsche Grammophon, inklusive der Ankündigung des Soundtracks, auf dem der schwule Yannick Nézet-Séguin anstelle von Leonard Bernstein dirigiert – und wo man den Unterschied zwischen einem überlebensgroßen Genies und einem „nur“ guten Dirigenten gut nachhören kann. Die Weigerung von DG das H-Wort in den Mund zu nehmen, kann man tragisch finden, es ist gleichzeitig typisch für die Klassikbranche, auch im Jahr 2023.

Maestro, USA 2023,
Regie: Bradley Cooper.
Mit: Bradley Cooper, Carey Mulligan, Matt Bomer u. a.
Ab 06.12. in ausgewählten Kinos und ab 20.12. bei Netflix

SIEGESSSÄULE präsentiert
MonGay: Maestro (Preview)
05.12., 21:30, Delphi
Filmpalast, OmU

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