Marc Brandenburgs Retrospektive: Düstere Gegenwart
Marc Brandenburg präsentiert in der Berlinischen Galerie eine neue multidisziplinäre Ausstellung, die von Zeichnung, Collage und Installation bis hin zu Video und Performance reicht. Seine Farbumkehrung verleiht seinen Zeichnungen eine unheimliche, alptraumhafte Wirkung
„Aufnehmen, übersetzen, ausspucken“, so beschreibt Marc Brandenburg seinen künstlerischen Prozess. Seit über 30 Jahren dokumentiert er Popkultur, Stadtleben, Demos und Freund*innen: „Alles, was erlebt wird, fließt ein in die Arbeit. Ich bin unentwegt am Fotografieren und Kombinieren.“ Daraus macht er Negative, verfremdet die Motive und zeichnet sie in akribischer Handarbeit ab – Bleistift auf Papier. In Schwarzlicht getaucht stellt er sie aus und lässt sie in Form von Stickern oder als Klebetattoos auf der Haut der Besucher*innen in die Stadt hinaustragen.
Von den 90ern bis in die Gegenwart
Mit „20th Century Debris“ zeigt Brandenburg ab April in der Berlinischen Galerie über 150 seiner Arbeiten, von den 90ern bis ganz aktuell. Der Ausstellungstitel verweist auf den Blick zurück ins letzte Jahrhundert – Einblicke in eine Ära, in der Utopien noch denkbar waren: „Five o‘clock tea bei Freunden, Herumhängen im Kumpelnest 3000, Portraits von Madonna oder Pornobilder aus den 70ern, die tagträumerisch in eine Zeit vor der Aidskrise zurückführten.“
Geboren 1965 in West-Berlin, wuchs Brandenburg in den USA auf, bevor die Familie 1977 zurückkehrte. Seither ist er in der Berliner Subkultur unterwegs. „In meinem Lieblingsjahr 1981 gab es all diese magischen Orte wie das Central, Excess, Dschungel oder Mink. Morgens um 5 saßen im Metropol Cafe Stars wie Jayne County, Angie Stardust oder Zazie de Paris zwischen Punks und Lederschwulen.“ Die Zäsur mit dem Ausbruch von Aids ist bis heute spürbar. „Es war trotz des wahnsinnigen Verlusts und Rückschlags eine progressive Zeit im Gegensatz zu heute.“
„Ich bin ein queerer, Schwarzer Künstler. Wenn der bloße Fakt, dass man existiert, eine Bedrohung für viele ist, ist sowieso alles, was man macht, irgendwie politisch.“
Nicht, dass Brandenburg naiv zurückschaut. Schon in den 90ern zeichnete er Aufmärsche von Skinheads. Mit seinen „Camouflage Pullovers for Foreigners“ – Strickpullovern mit angenähten Masken und Körperteilen in unterschiedlichen Hautfarben – reagierte er auf rassistische Ausschreitungen wie in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen sowie die Polizeigewalt gegen Rodney King. „Ich bin ein queerer, Schwarzer Künstler. Wenn der bloße Fakt, dass man existiert, eine Bedrohung für viele ist, ist sowieso alles, was man macht, irgendwie politisch.“
Gesellschaftliche und politische Funktion von Kleidung
Schon als Kind interessierte Brandenburg sich für Mode. Bevor er sich ganz der Kunst zuwandte, arbeitete er im Fashionbereich: „Kleidung war immer Mittel zur Verwirrung und wichtige Ausdrucksform, um in der Öffentlichkeit Reaktionen hervorzurufen.“ Als Teil der Punk- und Post-Punk-Bewegung waren die Designerin Vivienne Westwood und ihr Partner Malcolm McLaren, der Manager der Sex Pistols, für ihn wichtige Referenzen. Die gesellschaftliche und politische Funktion von Kleidung als Maske oder Kostüm spiegelt sich auch in seiner Motivwahl. Egal ob Kettenarmband und erhobener Mittelfinger, Mützen und Schals vor den Gesichtern Demonstrierender in Hoodies und Bomberjacken, eine ausgeprägte Brustbehaarung oder glattrasiert: „Man signalisiert Zugehörigkeit und Abgrenzung.“
„Kleidung war immer Mittel zur Verwirrung und wichtige Ausdrucksform, um in der Öffentlichkeit Reaktionen hervorzurufen.“
Brandenburgs Zeichnungen, denen das Spiel mit Maskierung und dem Stilmittel der Farbumkehrung immer etwas Unheimliches gegeben hat, treffen einen Nerv der alptraumhaften Gegenwart: „Es geht mir darum, die Stimmung, in der ich lebe, widerzuspiegeln.“ Hoffnungslos sind sie aber nicht. Denn der Zwang, genau hinzusehen, kann auch wappnen gegen das, was noch kommt.
So finden die neuen Arbeiten ebenso düstere wie treffende Bilder für die Realität des Spätkapitalismus: Etwa eine über Amazon erstandene Actionfigur des „Killer-Clowns“ John Wayne Gacy, der in den 70ern über 33 Jungen und junge Männer vergewaltigte und ermordete, drapiert auf einer Schlafzimmerlampe von eBay mit einer Szenerie aus dem queeren Klassiker „The Wizard of Oz“. Daneben Hardcore-Fisting-Pics in Hochglanzoptik, die auf Grindr zirkulieren. „Willkommen in der Online-Apokalypse.“
Marc Brandenburg: „20th Century Debris“
17.04.–14.09., Mi–Mo 10:00–18:00
Berlinische Galerie
Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg
Vernissage: 16.04., 19:00
berlinischegalerie.de
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