Portät einer „Dragtress“

Meo Wulfs „Warten auf Bardot“ an der Volksbühne: Drag trifft Beckett

25. März 2026 Carsten Bauhaus
Bild: Eliah Maag
Meo Wulf fühlt sich in Berlin zu Hause

Schon mit zwölf Jahren stand der*die nicht binäre Performer*in auf der Bühne. Mit dem Umzug nach Berlin wandelte Meo Wulf sich dann vom „süßen Bengel“ zur „Dragtress“

Möglicherweise ist sie(*) René Polleschs letzte Entdeckung, kurz vor seinem zu frühen Tod: Durch Vermittlung von Christine Groß konnte Meo Wulf im Roten Salon der Volksbühne seinen Regie-Erstling „Sally – Mein Leben im Drag“ zeigen. „Alle dachten, es sei nur eine Dragshow, aber es ist ja ein richtiges Stück“, erzählt Meo Wulf der SIEGESSÄULE.

Nachdem Pollesch es gesehen hatte, bot der Intendant ihr spontan die große Bühne an. Dort zeigte Meo zusammen mit Christine Groß dann „Conni & Clyde“. „In Christine bin ich irgendwie verliebt“, gesteht Meo. „Wir sind uns sehr ähnlich, deswegen kam mir die Idee, dass wir beide zusammen eine Person sein könnten, die ein bisschen schizophren ist.“

Ende März hat nun bereits Meos drittes Stück Premiere: „Warten auf Bardot“. „Laut den expliziten Anweisungen von Samuel Beckett darf bei ‚Warten auf Godot‘ keine Frau mitspielen“, so Meo. „Das passt natürlich in mein Themengebiet. Gender ist mein Thema. Ich muss mich irgendwie daran abarbeiten, weil ich es als etwas empfinde, was in dieser Welt unfair ist.“

„Gender ist mein Thema. Ich muss mich irgendwie daran abarbeiten, weil ich es als etwas empfinde, was in dieser Welt unfair ist.“

Das Warten auf Brigitte Bardot ist dabei doppeldeutig: Einerseits scheint ihr Erscheinen unmöglich, weil es nicht erlaubt ist, dass eine Frau auftritt. Andererseits ist Brigitte Bardot nicht mehr am Leben, was die Wartenden jedoch nicht wissen: „So wird das Warten zu einem endlosen Zustand, geprägt von Hoffnung, Verdrängung und Illusion.“ Becketts „Warten auf Godot“ war tatsächlich auch das erste Stück, in dem Meo Wulf überhaupt auf der Bühne stand – als Zwölfjähriger in seiner Heimatstadt Hamburg.

Sein Vater hatte die Idee mit der Schauspielagentur, weil Meo immer vor dem Fernseher rumgehopst ist und sich verkleidet hat. „Bis heute verstehe ich das Stück nicht wirklich“, so Meo, „aber ich mag die Themen, die dort verhandelt werden.“

Berufliche Wandlung mit Konsequenzen

Nach dem Abitur zog sie nach Wien, um am Max Reinhardt Seminar Schauspiel zu studieren. In vielen Film-, Theater- und Fernsehproduktionen wurde Meo typmäßig immer als „süßer Bengel“ besetzt. „Während der Schauspielschule war das auch mein Ziel“, erinnert sich Meo. „Ich habe mit Aussehen und damit verbunden mit meiner Männlichkeit gepunktet. Es war schwer zu verstehen, dass genau das mir im Weg steht. Weil ich das nicht bin: Ich identifiziere mich nicht als Typ!“

Die nötige Zäsur kam 2020 mit dem Umzug nach Berlin: „In den sieben Jahren, die ich in Wien gelebt habe, hatte ich nie gespürt, dass ich dorthin gehöre“, erinnert sich Meo. „Wenn ich jetzt in Berlin durch die Straßen gehe, spüre ich, dass ich diese Stadt komplett mache.“ Er begann, mit Drag zu experimentieren, und identifiziert sich heute als nicht binäre „Dragtress“, also eine Mischung zwischen Dragqueen und Actress.

Die persönliche wie berufliche Wandlung blieb nicht ohne Konsequenzen. Schon beim Schwulsein hatte die Agentur von einem öffentlichen Coming-out abgeraten. Als Meo der Agentur dann mitteilte, dass er bei Heidi Klums zweiter Ausgabe von „Drag Race“ mitmachen würde, wurde sie rausgeschmissen. Dabei ist die Staffel dann wegen Corona nie zustande gekommen. „Es war irgendwie rebellisch von mir, fast punkig“, resümiert Meo heute. „Mir war bewusst, dass ich mir damit sehr viel verbaue. Aber mein Drag gibt mir einfach so viel Feuer, so viel kreative Kraft!“

„Mein Drag gibt mir einfach so viel Feuer, so viel kreative Kraft!“

Und Drag eröffnete Meo vielfältige neue Möglichkeiten, als Dragtress, Autor*in, Regisseur*in und Künstler*in. Inzwischen studiert Meo nämlich auch an der UdK bildende Kunst. „Allerdings merke ich, dass es schwer ist, mehrgleisig zu fahren. Deswegen habe ich entschieden, dass auch im künstlerischen Bereich Drag mein Thema ist.“ So versucht Meo heute, die verschiedenen Disziplinen zu verbinden – und das mit Engagement und großen Zielen: „Außerhalb der USA ist Drag leider noch nicht als die Kunstform anerkannt, die es sein sollte. Es wird immer noch als nette Unterhaltung belächelt und ausschließlich in Bars verortet. Ich habe mir deshalb vorgenommen, die erste Dragprofessorin an der UdK zu werden!“

SIEGESSÄULE präsentiert
Warten auf Bardot,

28.+31.03., 19:30,
Volksbühne
volksbuehne.berlin

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