Musical „Wir sind am Leben“ – die wilden 90er zwischen Darkroom und Aids
Am 21. März feiert das neueste Bühnenwerk des Songwriter-Duos Peter Plate und Ulf Leo Sommer Premiere am Theater des Westens. „Wir sind am Leben” ist ihr bislang persönlichstes Stück und ein Denkmal für die Verstorbenen und Überlebenden der Aids-Epidemie der frühen 1990er-Jahre
Berlin, 1990. Aufbruchstimmung. Die Mauer ist gefallen und plötzlich scheint alles möglich. Gleichzeitig erreicht die Aids-Krise ihren Höhepunkt. Euphorie und Verlust, Leben und Tod – alles existiert ganz nah beieinander. Irgendwo in diesem Chaos findet sich auch das Geschwisterpaar Nina und Mario wieder. Schon vor der Wende floh Nina aus Wittenberg in die „Hauptstadt der DDR“, ihr Bruder Mario folgt ihr jetzt. Gemeinsam ziehen sie in den besetzten Ostberliner Altbau „Konsum Hoffnung“, wo sie ihre Träume verwirklichen wollen. Während Nina eine Karriere als Popsängerin plant, verliebt Mario sich in den kubanischen Tänzer Nando vom Friedrichstadtpalast. Und dann gibt es unangekündigten Besuch: Ihre Mutter Rosi steht plötzlich vor der Tür und möchte ihre entfremdeten Kinder zurückgewinnen.
„Frauen zwischen 30 und 50, die finden in Musicals eigentlich nicht statt. Alles bewegt sich zwischen Prinzessin und alter Frau.”
„Wir sind am Leben“ ist in vielerlei Hinsicht ein extrem untypisches deutsches Musical. Viele der weiblichen Charaktere fallen aus dem Raster. „Frauen zwischen 30 und 50, die finden in Musicals eigentlich nicht statt. Alles bewegt sich zwischen Prinzessin und alter Frau”, erklärt Franziska Kuropka im SIEGESSÄULE-Interview. Sie hat gemeinsam mit Lukas Nimscheck Buch und Regie fürs Stück übernommen. Dass beide hier vieles anders machen konnten als sonst in der Branche üblich, fand großen Anklang bei den Darsteller*innen. Celina dos Santos, die Nina spielt, erinnert sich: „Meine erste Reaktion aufs Skript war: Mein Gott, ich muss mich nicht in einen Mann verlieben. Es geht hier wirklich einfach um mich.”
Zuvor war sie als Julia mit Steffi Irmen als Amme im Musical „Romeo & Julia – Liebe ist alles“ zu sehen. Schon dort verband die beiden eine gewisse Eltern-Kind-Dynamik, nun stehen sie als Mutter und Tochter auf der Bühne. Doch mit Rosi und Nina sei es radikal anders, meint Irmen: „Rosi ist überhaupt nicht fürsorglich und sehr ich-bezogen.” Dass die weibliche Hauptrolle in einem deutschen Musical so ambivalent gezeichnet ist, kann man als gewagt bezeichnen. Eine rundum frische und erfrischende Brise fürs Genre, das hierzulande sonst eher mit idealisierten Figuren aufwartet, die wenig Raum für Kontroverse erlauben.
Erste schwule polyamouröse Liebesgeschichte
Auch die Liebesgeschichte um Mario und Nando ist für deutsche Musicalverhältnisse unkonventionell. Als die beiden sich kennenlernen, ist Nando mit dem Drag-Artist Bruno zusammen (dessen Auftrittslied „Supernovadiscosluts“ ein absoluter Knaller ist). Die beiden führen eine offene Beziehung. Doch mit Brunos HIV-Diagnose verändert sich alles – plötzlich stehen Fragen zu Scham und Schuldgefühlen im Raum. Markus Spagl als Mario gibt hier, direkt nach dem Studium an der UdK, sein professionelles Bühnendebüt: „Ich finde es toll, als queerer Mensch mit einer solchen Rolle in den Job einzusteigen”, erzählt er begeistert. Gemeinsam mit Daniel Pohlen als Nando und Jörn-Felix Alt als Bruno schreibt er dabei auch gleich Musicalgeschichte; denn es dürfte wohl die erste schwule polyamouröse Beziehung sein, die so bei uns auf die Bühne kommt.
Die Idee fürs Stück kam Plate und Sommer schon 2009 und wurde damals im gleichnamigen Rosenstolz-Album verarbeitet. Rund 15 Jahre später kam dann das Bedürfnis auf, sie nochmals aufzugreifen. Thematisch knüpft das Werk an eine ganze Reihe von Stücken an, die sich mit Aids in den 1990ern auseinandergesetzt haben. Die Broadway-Musicals „Rent“ und „Falsettos“, aber auch Theaterstücke wie „Angels in America“ gelten als Klassiker, sie haben maßgeblich zur Sichtbarkeit der Lebensrealität der queeren Community beigetragen und werden bis in die Gegenwart regelmäßig weltweit neu inszeniert. Doch der überwiegende Teil dieser Werke bezieht sich eben auf die US-amerikanische Lebenssituation von damals.
Im kulturellen Gedächtnis hierzulande besteht hingegen eine Leerstelle – Aids ist ein Stück Geschichte, das nicht erzählt wird. „Es ist wirklich schrecklich”, sagt Plate zu SIEGESSÄULE. Autor und Regisseur Nimscheck stimmt zu: „Wir haben das in Berlin (in der heterosexuellen Mainstream-Gesellschaft, Anm. d. Red.) eigentlich nie verarbeitet, dass in den 90ern mehrere Tausend schwule Männer gestorben sind.” Dieses Musical soll nun einen überfälligen Anfang machen.
Broadway-Vorbilder „Rent“ und „Angels in America“
Die erfolgreichen Stücke vom Broadway hätten allerdings keine gute Vorlage zur Orientierung geboten, meint Kuropka. „Die Deutschen müssen ihre eigene Art Musical finden. Wir haben andere Geschichten als die Amerikaner und erzählen sie auch anders. Uns ist es wichtig, dass das Publikum sich selbst und die Verwandten auf der Bühne wiedererkennen kann. Diese Authentizität, das sollte unser Musical ausmachen.“ Wie authentisch und persönlich das Stück ist, zeigt sich auch in den Charakteren, den Dialogen und den von Plate und Sommer zusammen mit Joshua Lange geschriebenen Liedern.
Rosis Trauer um den im Zuge der Wende verlorenen Friseurladen Salon Rosi in Wittenberg und Brunos Entschlossenheit, sein Leben nach der HIV-Diagnose weiter in vollen Zügen zu genießen, gehen unter die Haut. Vieles hat das Songwriter-Duo aus eigenen Erfahrungen übernommen. Plate erzählt vom Freund seines Onkels, der damals an Aids starb und nach dem die Figur Bruno benannt ist. „In meiner Familie war das ein Tabuthema, das ignoriert wurde. Insofern ist es befreiend, nun darüber reden zu können.” Dabei ist das Musical alles andere als traurig – immer wieder wird es zutiefst komisch. „Es hat Tiefe und ist gleichzeitig unterhaltsam. Ein bisschen dieses Gefühl, wenn man auf einer Beerdigung ganz plötzlich schreien muss vor Lachen”, so Nimscheck.
„In meiner Familie war Aids ein Tabuthema, das ignoriert wurde. Insofern ist es befreiend, nun darüber reden zu können.”
Das Erinnern an die Aids-Epidemie könnte derzeit nicht von größerer Relevanz sein. In Deutschland sowie global werden die HIV-Präventionsmittel gekürzt, die Schicksale der Verstorbenen werden verdrängt. „Wir befinden uns in schlimmen Zeiten”, meint Sommer. „Die queere Szene ist unter Beschuss. Jetzt Hoffnung zu machen und Sichtbarkeit im Mainstream zu schaffen sehen wir als unsere Aufgabe.” Das Musical ist ihr Beitrag, LGBTIQ*-Geschichte tiefer im kulturellen Gedächtnis Deutschlands zu verankern. Nimscheck sagt: „Ich denke, Berlin könnte aktuell wieder ein Stück Identität vertragen. Und dafür müssen wir vor allem zurückgehen und schauen, wer wir sind: eine nicht immer schöne, wild zusammengewachsene Stadt, in der aber damals Weltgeschichte passierte.“
SIEGESSÄULE präsentiert
„Wir sind am Leben“,
Theater des Westens,
Di–Fr 19:30, Sa 15:00+19:30,
So 14:30+19:00
stage-entertainment.de
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