Ausstellung: Beau Menteur

Neues Projekt von Marc Martin: Die Vielfalt der Männlichkeit

4. Nov. 2021 Carsten Bauhaus

Mit seiner neuen Bildserie „Beau Menteur“ (wahlweise „Schöner Lügner“ oder „Lügender Beau“) erkundet der Pariser Fotograf Marc Martin die Vielfältigkeit der Männlichkeit im Mann von heute. In Berlin wurde er vor allem durch seine „Fenster zum Klo"-Ausstellung – eine Hommage an die schwule Klappensex-Kultur – bekannt, die im Schwulen Museum zu einem großen Erfolg wurde. Zur Veröffentlichung des Buches „Beau Menteur" gibt es ab dem 4. November auch eine Ausstellung im Eisenherz

Marc, du bezeichnest „Beau Menteur“ als „eine Kampfansage an die giftige Überheblichkeit des Mannseins“. Wie ist das gemeint? Es ist meines Erachtens nicht ungesund, sich zu männlichen Attributen hingezogen zu fühlen. Ich glaube nicht, dass ein Mann deshalb toxisch wird, weil er männlich auftritt. Probleme entstehen dann, wenn „Mannsein“ in Überheblichkeit ausufert. Ich will mit „Beau Menteur“ zeigen, dass auch ein weißer, junger cis Mann vielfältig sein kann.

„In jeder Person verbergen sich eine ganze Reihe an Identitäten."

Welche Botschaft steckt hinter der Entscheidung, für das gesamte Projekt nur mit einem einzigen Model zu arbeiten? Mein Modell verkörpert eine ganze Reihe an Figuren, die auf den ersten Blick wenig Gemeinsames haben. Dadurch wird sichtbar, wie vieldeutig jedes Aussehen ist, wenn man über den ersten Blick hinausschaut, und dass sich in jeder Person eine ganze Reihe an Identitäten verbergen. Egal, ob sich die Person als binär auffasst oder nicht.

Was macht dein Model Benjamin im „normalen Leben“? Er ist Performer. Schon seit seinem 15. Lebensjahr tritt er als Dragqueen auf. Die ersten Paillettenkleider hat ihm seine Mutter genäht, die ein großer Fan der Sängerin Dalida ist. Auf meinen Fotos kann Benjamin aber auch wie Marlon Brando sein, wenn er im dreckigen Tanktop in der Badewanne posiert. In beiden Rollen bleibt er ganz er selbst.

Benjamin posiert auch als heilige Wilgefortis. Was fasziniert dich an der bärtigen Märtyrerin aus dem Mittelalter? Die Legende dieser Märtyrerin, deren Bart ihr zum Verhängnis wurde, ist heute in Vergessenheit geraten. Bart und Kleid sind zwei Seiten einer Medaille: Eine Figur, die beides trägt, konnte im mittelalterlichen Abendland weder ganz Frau noch ganz Mann sein. Ich sehe in ihr eine Vorbotin der queeren Bewegung. Sie spielt in der Ausstellung bei Eisenherz eine Schlüsselrolle.

„Auch die Gehirnwichserei braucht Wichsvorlagen."

Stellst du damit auch den Bart als männliches Attribut infrage? Der Bart ist nur ein Sinnbild der Männlichkeit, wie der Soziologe Eric Fassin gezeigt hat. Beau Menteur trägt seinen Bart wie Schmuck am Gesicht, fast wie eine Art Sextoy. Es macht mir Spaß, das Thema Bart grafisch und symbolisch auseinanderzunehmen.

Das Buchprojekt enthält neben deinen Fotos viele literarische Zitate und Kommentare. Traust du der rein visuellen Botschaft deiner Bilder nicht? Ich stelle meinen Bildern gern Worte gegenüber. Nicht unbedingt meine eigenen. Die Texte ergänzen die Bilder, fungieren als Passwörter, als Schlüssel zu neuen Welten. Sie ergänzen sich, ja geilen sich gegenseitig auf. Auch die Gehirnwichserei braucht Wichsvorlagen.

„Beau Menteur“ entstand in Paris, wurde dort auch schon gezeigt und publiziert. Du bist aber auch oft in Berlin präsent. Wie ist dein Verhältnis zu Berlin? In Berlin habe ich meine ersten Fetischfilme gedreht. Hier sind sie auch zum ersten Mal auf der großen Leinwand gezeigt worden, und zwar beim Pornfilmfestival. Ich habe bei Menschen aus der Berliner Fetischszene viel Großzügigkeit und Ehrlichkeit erfahren. Davon habe ich mich auch inspirieren lassen. Ich habe das Gefühl, dass der soziale Druck in Paris stärker ist, was dazu führt, dass die Fetischszene dort im Verborgenen lebt. In voller Montur auf die Straße gehen, das gibt es nur hier in Berlin. Es kommt mir manchmal vor, als wäre Paris eine Museumstadt, in der die wenigsten Menschen sich so zeigen, wie sie eigentlich sind.

In einem deiner Texte beklagst du, dass die Gesellschaft heute prüder geworden ist. Welche Gründe siehst du dafür? Die sozialen Netzwerke, die auf der Grundlage US-amerikanischer, puritanischer Werte basieren, haben es der Zensur überall ermöglicht, in aller Gelassenheit Einzug zu halten. Ich finde es faszinierend und alarmierend zugleich, dass unsere Gesellschaft dem Körper so viel und dem Sex so wenig Platz einräumt. In Frankreich ist Sexualität heute noch nur bedingt salonfähig. Die Suche nach passenden Modellen für meine Arbeit gestaltet sich an der Seine also schwieriger, doch wenn ich dort welche finde, haben wir gemeinsam umso mehr Spaß daran, wenn wir dem Establishment gegen den Strich gehen.

Ausstellung Marc Martin: Beau Menteur,
04.11.2021–06.01.2022,
Mo-Sa 10:00–20:00
Buchladen Eisenherz
Motzstr. 23, Schöneberg

marcmartin.paris

Marc Martin: „Beau Menteur" Edition Agua, 49 Euro

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