Letzter Rest Utopie? „Last Exit Europa“
Queer-Ikone Peter Cora Frost glänzt in „Last Exit Europa“ an der Neuköllner Oper. Zusammen mit einer quirligen dreiköpfigen-Hydra wird Europa als Idee und Ideal rasant multiperspektivisch hinterfragt
Eine klobige Zapfsäule mitten im Raum. Das Studio der Neuköllner Oper wird zur Autobahntankstelle, die schon bessere Tage gesehen hat. Dafür gibt es immerhin unter einem Vordach eine Bar an der Wand. Und eine Gogo-Stange. Das Publikum sitzt an den drei übrigen Seiten, auf diesen weißen Plastikstapelstühlen, die den Ausschank an solchen Orten der Tristesse weltweit flankieren.
„An diese Raststätte, eine Servicestation für Durchreisende im Nirgendwo, hat es Europa verschlagen, eine der berühmtesten Figuren aus der antiken Mythologie“
Das Theatererlebnis in der Uraufführungsproduktion „Last Exist Europa“, nah am Geschehen, ist in diesem engen Bühnenraum von Dominik Kremerskothen unwillkürlich immersiv. An diese Raststätte, eine Servicestation für Durchreisende im Nirgendwo, hat es Europa verschlagen, eine der berühmtesten Figuren aus der antiken Mythologie. Ihr verdankt der Kontinent seinen Namen. Die phönizische Königstochter wurde vom griechischen Götter-Gangster-Boss Zeus entführt. Seine List: Er gab sich als weißer Stier aus, der am Strand das Interesse der Vierzehnjährigen weckte. Danach kamen Entführung nach Kreta, Vergewaltigung und patriarchale Unterdrückung. Soweit der Gründungsmythos.
Der Ursprung Europas ist eine Vergewaltigung
Davon erzählt die reife, desillusionierte Europa im Stück von Laura Laabs, die auch Regie geführt hat. „Der Ursprung Europas ist eine Vergewaltigung. Was soll man denn von solch einem Kontinent halten“, stellt die Europa fest. Für kurzzeitige Freude sorgt ein üppiges Blumenbouquet, das „Fleuropa“ liefert. Darin befinden sich Dankeskarten für all das, was auf dem Kontinent entstanden ist, darunter die verschiedenen Sprachen, die Tänze, die Vielzahl der Weine, somit die Räusche, zudem Demokratie, Humanismus, Menschenrechte. Da kippt aber die Stimmung auch schon wieder. Denn es gab auch Kreuzzüge, den Dreißigjährigen Krieg, Revolutionen, die ihre Kinder fraßen, Weltkriege, Sex als Waffe von Cis-Hetero-Männern. Zudem wird ein Kunstmaler mit eigenartigem Schnauzbart erwähnt, der aufgegeilt Europa einst Tote zeigen wollte. Der Kontinent als Festung von heute kommt ebenfalls zur Sprache, Leute im Publikum werden nach Ausweisen gefragt und willkürlich umplatziert.
Crossgender mit aufgeklebten Schnauzbärten
„Last Exit Europa“ ist eine furiose, rasante, anspielungsreiche, sarkastische, kalauernde Revue, die Geschichte und Idee der Staatengemeinschaft auf diesem Kontinent entlarvend unter die Lupe nimmt. Queer-Ikone und Bühnennaturgewalt Peter Cora Frost gibt alles in der Titelpartie im EU-blauen Trash-Trainingsanzug (Kostüme: Sophie Peters), performt mit intensiver Bühnenpräsenz und voller Stimmpower. Begleitend, kommentierend und konterkarierend wie ein griechischer Chor tritt als dreiköpfige Hydra das Trio die schlangenknaben (Carla Wierer, Jakob*, Viola Schmitzer) auf. Sie sind ebenfalls in EU-Blau gekleidet, in einer Mischung aus Stewardessuniform und Sportdress, crossgender mit aufgeklebten Schnauzbärten. Die Drei bringen zwischendurch immer mal wieder kritisch-dialektische Einwürfe in Form des Kinderquizz-Spiels „1, 2 oder 3“. Etwa: Was ist Europa? Wiege der Zivilisation, imperiale Kolonialmacht oder unbedeutender Erdteil?
Die Musik im Stück bietet mehrere sofort ansprechende Songs in Elektro-Pop-Manier von und mit Leo Solter, Leiter und Mitglied der fabulösen Band 21 Downbeat des postinklusiven Berliner Theaters RambaZamba: mal als chansoneske Ballade, als Slow-Rock, als Marsch-Persiflage, auch als Rap und mit Blues-Anliehen. Am Schluss glimmt noch ein Funken Utopie auf in der emotionalen, fast schon hymnischen Nummer „Ich bin das Wunder“, das die Idee offener Grenzen und Herzen und ausgestreckter Hände zu allen Menschen beschwört. Eine kluge, temperamentvolle Produktion, die wach hält und die Hoffnung trotz verratzer Zustände nicht aufgibt.
SIEGESSÄULE präsentiert:
„Last Exit Europa“
Text/Regie: Laura Laabs, Komposition/Musikalische Leitung: Leo Solter
Mit Peter Cora Frost und Die Schlangenknaben
06.05., 09.05., 23. 05., 28.05., 30.05., 31.05., 09.06., 10.06., 12.06., 16.06., 17.06., 19.06.
20:00 Uhr
Neuköllner Oper
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