„Nurejew“ – das Skandalstück aus Russland jetzt in Berlin
Sein radikaler Freiheitsdrang, künstlerisch wie privat, ließ Tänzer Rudolf Nurejew (1938–1993) zur Ballettlegende und schwulen Ikone werden. Ähnlich spannend wie seine Biografie ist die Geschichte der Tanzproduktion „Nurejew“ aus Moskau
Man kann es getrost als veritablen Coup bezeichnen: Christian Spuck, der Intendant des Staatsballetts, holt als Erster die Moskauer Produktion „Nurejew“ zurück auf die Bühne, nachdem diese dort 2023 spektakulär abgesetzt wurde – wegen angeblicher „Homo-Propaganda“. „Es ist die Ballettpremiere des Jahres“, sagt David Motta Soares, der jetzt in Berlin die Titelrolle tanzen wird. Der gebürtige Brasilianer, ehemaliges Mitglied des Bolschoi-Theaters, spürt eine enorme Verantwortung, der Rolle dieser Legende gerecht zu werden. „Wenn ich versuchen würde ihn zu kopieren, könnte ihm das natürlich nie gerecht werden“, sagt er im Gespräch mit SIEGESSÄULE. „Schon im Alltag als Ballettschüler war Nurejew für mich eine enorme Inspiration, mit seiner Leidenschaft, seinem Drang, sich auszudrücken und komplett in der Rolle aufzugehen.“
Alles an Rudolf Nurejews Leben war wie geschaffen, ihn zum Mythos werden zu lassen, angefangen bei seiner Geburt in der Transsibirischen Eisenbahn 1938. Als Sohn einer Tatarenfamilie wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf. Eigentlich viel zu spät, mit 17, begann er seine Ballettausbildung, wurde dann aber vor allem wegen seiner sinnlichen Bühnenpräsenz schnell zum Star des Leningrader Kirov-Balletts. Wegen seiner Renitenz hielt ihn die Leitung allerdings an der kurzen Leine. Nach einem Gastspiel in Paris gelang Nurejew 1961 dann die spektakuläre Flucht in den Westen: Kurz vor dem Rückflug beantragte er Asyl in Frankreich.
Im Westen machte ihn sein Charisma zum Weltstar
Das Ballettspektakel von Kirill Serebrennikov zeigt diese und andere Stationen der Karriere im Rückblick. „Das Stück würdigt, wie stark er den männlichen Tanz bereichert und gleichzeitig die Rezeption des Publikums verändert hat“, schwärmt Soares. Tatsächlich ist die Inszenierung darauf ausgelegt, Nurejew ein Denkmal zu errichten. Die schwierigen Seiten seines Charakters – er galt als egozentrisch, divenhaft und arrogant – stehen nicht im Zentrum des Bühnengeschehens.
Er war in der „Muppet Show“ der Tanzpartner von Miss Piggy, die sich über mangelndes erotisches Interesse von ihm echauffiert, wie nur sie das kann.
Im Westen machten ihn sein Charisma und seine einzigartige Präsenz schnell zum Weltstar. Er spielte in einem Hollywoodfilm über Rudolph Valentino die Tango tanzende Hauptrolle, inklusive schwuler Sexszene. Und er war in der „Muppet Show“ der Tanzpartner von Miss Piggy, die sich über mangelndes erotisches Interesse von ihm echauffiert, wie nur sie das kann.
Krasse Reaktion des Kreml
Fast ebenso spektakulär wie Nurejews Leben mutet die Geschichte der Bolschoi-Produktion an, die nun erstmals nach Berlin kommt. Anvertraut wurde das brisante Thema dem damals in Russland noch angesagten Regisseur Kirill Serebrennikov. Für die Choreografie holte er sich Unterstützung von Yuri Possokhov, die Musik komponierte Ilya Demutsky. Die zuvor wegen inhaltlicher Bedenken verschobene Premiere konnte der selbst offen schwule Serebrennikov, bereits in Ungnade gefallen, 2017 nur im Hausarrest erleben. Trotz der widrigen Umstände wurde „Nurejew“ zum rauschenden Erfolg. Dann kamen der Ukraine-Krieg und die verschärften Anti-LGBTIQ*-Gesetze: Der schwule, prowestliche Exilant Nurejew wurde 2023 zum Tabuthema – kurz davor verließ Serebrennikov Russland Richtung Berlin.
Die krasse Reaktion des Kreml mag erstaunen, denn das Ballett ist in der Darstellung von Nurejews Homosexualität durchaus zurückhaltend. Lediglich am Ende des ersten Aktes gibt es ein intimes Pas de deux mit Erik Bruhn. „Der dänische Tänzer war eine seiner großen Lieben“, so Soares. „Am Ende der Szene erscheint eine Frau mit weißen Lilien, um von Bruhns Tod und dem großen Verlust zu erzählen.“ Ihr Auftritt wiederholt sich am Ende des Balletts – ein eher pittoreskes Bild für Nurejews eigenen qualvollen Aids-Tod 1993. Dazwischen ist der lange Weg nach Westen das übergreifende Thema des Stücks.
Spuck jedenfalls ist mit Serebrennikovs „Nurejew“ dem Ziel, das Staatsballett zu einer Compagnie von internationaler Strahlkraft zu machen, ein großes Stück nähergekommen. Und diese Produktion ist – von Serebrennikov selbst betreut – ein queeres Ausrufungszeichen.
SIEGESSÄULE präsentiert:
Nurejew, 21.03. (Premiere) + 24.+25.+30.03., 19:30, 01.+04.04., 19:30, 06.04., 18:00, 07.04., 19:30, 12.04., 18:00, 18.+24., 19:30, 26.04., 18:00, Deutsche Oper Berlin
staatsballett-berlin.de
Folge uns auf Instagram
#Ballet#Deutsche Oper#Moskau#Nurejew#Russland