Interview mit trans Bundestagsabgeordneter

Nyke Slawik: „Debatten gegen das Selbstbestimmungsgesetz sind antifeministisch”

22. Nov. 2021 Nina Süßmilch
Bild: Elias Keilhauer
Über die NRW-Landesliste der Grünen kam sie in den Bundestag: Die 27-jährige Nyke Slawik

Die Grünen-Politikerinnen Nyke Slawik und Tessa Ganserer sind die ersten öffentlich als trans geouteten Frauen im Deutschen Bundestag. Wir fragten Slawik, wie sie den Umgang mit ihr als neuer Abgeordneter erlebt und für welche Politik sie sich einsetzen will

Frau Slawik, dasTranssexuellengesetz“ (TSG) soll und muss abgeschafft werden. Glauben Sie, dass dies einfach wird und die Reform oben auf der Agenda einer Ampel-Koalition steht? Ich glaube, die Chancen stehen so gut wie noch nie, weil die Fraktion und die Parteien, die vor allem im Bereich Queer-Politik und Selbstbestimmungsrecht am meisten gebremst haben, nicht mehr dabei sind. Das TSG, wie es jetzt existiert, ist in vielen seinen Formen verfassungswidrig. Bereits zehn Länder in Europa sind den Schritt in Richtung geschlechtlicher Selbstbestimmung gegangen, und das ist einfach die Anerkennung, die wir als Politik leisten müssen. Der Tatsache, dass Geschlecht durchaus komplexer und vielfältiger ist als das, was wir traditionell in Geburtsurkunden eingetragen haben, müssen wir endlich Rechnung tragen.

„Es ist ein großes Zeichen, dass jetzt die zwei ersten geouteten trans* Personen im Bundestag sitzen”

Wie wollen Sie sich als neue Bundestagsabgeordnete gegen Homo- und Transfeindlichkeit und generell für mehr Gerechtigkeit einsetzen? Erst einmal finde ich es sehr wichtig, sichtbar zu sein. Ich glaube, es ist ein großes Zeichen an die Community und die Gesellschaft generell, dass jetzt die zwei ersten geouteten trans* Personen im Bundestag sitzen. Und dass es außerdem so viele queere Personen wie noch nie, mit 22 queeren Abgeordneten, im Bundestag gibt. Der Anteil ist immer noch verbesserungswürdig, aber es ist ein tolles Zeichen. Unter 16 Jahren CDU-Kanzlerschaft ist viel liegen geblieben. Zum Beispiel die Reformierung des Familienrechts: Familie ist heute vielfältiger als heterosexuelle Ehen. Wir müssen eine Wende machen hin zur Anerkennung von Regenbogenfamilien und Patchworkfamilien. Es muss möglich sein, als trans* Mann schwanger zu werden und in der Geburtsurkunde dann als Vater anerkannt zu werden. Zugleich leben wir in einer Gesellschaft, wo Queerfeindlichkeit auf der Straße und im Internet ein Problem ist. Dagegen müssen wir mit mehr Aufklärungsarbeit herangehen. Wir brauchen ein klares Vorgehen gegen Hass und Gewalt. Wir brauchen auch Sensibilisierung in den Behörden und bei der Polizei. So etwas wie ein Aktionsplan gegen Queerfeindlichkeit ist wichtig.

Erfahren Sie Transfeindlichkeit von Kolleg*innen? Wie ist der Umgang mit Ihnen im Bundestag? Als politisch aktiver Mensch ist man es schon gewöhnt, gerade im Netz immer wieder zur Zielscheibe von Diffamierung und Hasskommentaren zu werden. Ich fand es natürlich auch sehr verletzend, wie die AfD mit dem Thema Selbstbestimmungsrecht in der letzten Legislaturperiode umgegangen ist und sich darüber lustig gemacht hat. Aber von den Grünen und auch von anderen Fraktionen habe ich sehr viele positive Rückmeldungen bekommen, viel Unterstützung erfahren. Viele sind froh, dass das Parlament diverser geworden ist. Man sieht, dass der gesellschaftliche Wandel, auch wenn er seine Zeit braucht, irgendwann in der Herzkammer der Demokratie, im Parlament, ankommt.

„Das Ziel des Feminismus muss es doch eigentlich sein, aus einer gesellschaftlichen und staatlichen Kontrolle auszubrechen”

Sie hatten vorhin erwähnt, dass schon viele Länder ein Selbstbestimmungsrecht eingeführt haben – das heißt, dass man den eigenen Geschlechtseintrag einfach am Amt ändern lassen kann, ohne dafür medizinische Gutachten vorlegen zu müssen. In Großbritannien gab es eine große Debatte um Kathleen Stock, lesbische Philosophieprofessorin und Feministin, die sich gegen ein Selbstbestimmungsrecht ausspricht. Sie wurde in den deutschen Medien lange als Opfer beschrieben, langsam wird das Bild etwas differenzierter dargestellt. Wie positionieren Sie sich bei solchen Auseinandersetzungen? Einerseits freue ich mich natürlich, dass das Thema Trans und die Diskriminierung, die trans* Personen erfahren, inzwischen eine größere Aufmerksamkeit bekommen. Die Kehrseite ist, dass auch transfeindliche Debatten viel mehr Aufmerksamkeit bekommen. Mit Leuten, die mit krassen Vorurteilen und Fake News ins Feld ziehen, versuche ich immer möglichst sachlich umzugehen. Wir müssen noch mehr aufklären und Ängste nehmen und verstehen, dass der Stempel „männlich”/„weiblich” der gesamten menschlichen Natur nicht gerecht wird. Denn trans Personen, intergeschlechtliche und nicht binäre Menschen existieren. Wir sind zwar eine Minderheit, aber wir haben ein Recht darauf, anerkannt zu werden. Meiner Meinung nach sind transfeindliche Debatten, die sich gegen das Selbstbestimmungsrecht stellen, auch zutiefst antifeministisch. Denn das Ziel des Feminismus muss es doch eigentlich sein, aus einer gesellschaftlichen und staatlichen Kontrolle auszubrechen und Menschen ein weitgehend selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen ... und ebenso ein selbstbestimmtes Handeln über ihren Körper. Dabei ist es egal, ob es jetzt um das Recht auf Abtreibung geht oder um das Recht auf geschlechtliche Selbstbestimmung. Das sind ja die gleichen patriarchalen Strukturen, gegen die wir uns wenden.

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