„An Opera Out of Time“

Petrit Halilaj im Hamburger Bahnhof: „Träumen ist der einzige freie Raum, der uns geblieben ist“

15. Jan. 2026 Matthias Kählert
Bild: Jacopo La Forgia
Hochzeit zwischen Fuchs und Hahn

Syrigana ist der Name einer archäologischen Stätte im Kosovo – und des ersten Opernwerks von Petrit Halilaj. Darauf aufbauend hat der Künstler die Installation „An Opera Out of Time“ geschaffen, die starren nationalen Narrativen ein queeres kollektives Träumen entgegensetzt

Den Eingang zu Petrit Halilajs Ausstellung „An Opera Out of Time“ bildet ein mit Ästen ausgekleideter Tunnel. Während sich meine Augen an das schummrige Licht gewöhnen, bemerke ich, dass ich selbst schon beobachtet werde: Kleine vogelähnliche Wesen mit Körpern aus Steinen lugen aus dem Astwerk. Sie erinnern mich an die freundlichen Waldgeister aus Hayao Miyazakis „Prinzessin Mononoke“. Dieser Moment des gegenseitigen Betrachtens, der mich auf verspielte Weise in die Szenerie mit einbezieht, ist charakteristisch für Halilajs bühnenbildhafte Räume, in denen Besucher*innen Teil der Umgebung werden.

„Wenn ich Masken oder Kostüme schaffe, verstecke ich mich nicht, sondern befreie andere Wesen meines Selbst.“

Theatrale Formen prägen als Mittel der Selbstbehauptung Halilajs Werk: „Wenn ich Masken oder Kostüme schaffe, verstecke ich mich nicht, sondern befreie andere Wesen meines Selbst“, sagt Halilaj zu SIEGESSÄULE. Er wuchs im Kosovo auf, bevor er als 13-Jähriger mit seiner Familie vor dem Krieg floh. Damals bedeutete das Leben dort für LGBTIQ-Jugendliche Schutzlosigkeit: „Vielleicht ist meine Arbeit deswegen immer etwas dramatisch: Drama ist für mich nicht nur Unterhaltung, sondern überlebenswichtig.“

Halilajs erste Einzelausstellung in Berlin zeigt Werke aus allen Schaffensphasen, im Zentrum aber steht die Arbeit „Syrigana“. Sie basiert auf seiner ersten Oper, die in Zusammenarbeit mit dem Kosovo Philharmonic entstand und von Lugh O’Neill komponiert und orchestriert wurde. Frühere Werke einbeziehend, übersetzt der Künstler sie in eine Installation, die Skulptur, Musik und Theater verbindet: „Ich sehe darin einen Neubeginn, vielleicht eine queere Reinkarnation all meiner früheren Arbeiten.“

„Vielleicht bedeutet Queerness einfach den Mut, in die falsche Frucht zu beißen.“

Die Oper ist nach einem sagenumwobenen Ort in Halilajs Heimatregion benannt. Er greift darin einen lokalen Mythos auf, nach dem Adam und Eva in Syrigana landeten und heirateten, erzählt ihn aber neu: Ein Fuchs und ein Hahn übernehmen ihre Rollen und geraten in opernhafte Verwicklungen. „Ich stelle infrage, wem der Anfang einer Geschichte gehört – wer festlegt, was Sünde ist, Liebe, Natur.“ Der Ort selbst wird zum Protagonisten dieser queeren Ursprungserzählung: Statt vom Apfel des Garten Eden kosten die Figuren von den Birnen Syriganas. „Vielleicht bedeutet Queerness einfach den Mut, in die falsche Frucht zu beißen.“

Bild: Jacopo La Forgia
Portrait Petrit Halilaj

Durch den Mythos sich die Geschichte zurückholen

Wie heikel es ist, solche überlieferten Geschichten, religiöse wie nationale, umzuschreiben, zeigte ein Brandanschlag auf die Requisiten kurz vor der Uraufführung der Oper diesen Sommer im Dorf Syrigana. Mit der Aufführung, die trotzdem mit dem Kosovo Philharmonic Orchestra unter dem Dirigenten Gregory Charette stattfand, und der Ausstellung möchte Halilaj den Kreislauf durchbrechen: „Wenn man von einem Ort kommt, an dem Geschichte sich mit Gewalt wiederholt, ist der einzige Weg nach vorn manchmal ein Schritt aus der Zeit hinaus. Durch den Mythos kann ich mir die Geschichte zurückholen, ohne sie zu wiederholen; durch Queerness kann ich mir eine Zukunft vorstellen, die Vergangenheit auf eine andere Weise liebt.“

Die Handlung wird in zwei Räumen mit den Opernrequisiten nachgestellt, begleitet von den Stimmen der Sopranistinnen Nina Guo und Urta Haziraj. Man folgt den Akten wie einem ad absurdum geführten Kreuzweg. Die Szenerie steckt voller Details wie riesigen Birnenblüten aus Stoff. Während ich durch die Räume spaziere, sitzen Besucher*innen und das Wachpersonal auf einem Teppichberg, lauschen der Oper oder träumen vor sich hin.

Für Halilaj ist das mehr als ein kurzer Ausweg aus der Wirklichkeit: „Ich habe Unterdrückung erfahren, und das ist es, was eine Politik der Unterdrückung hasst: wenn Menschen zusammenkommen und zusammen träumen. Träumen ist der einzige freie Raum, der uns geblieben ist.“ Sein Traum ist, die Oper im Hamburger Bahnhof – und darüber hinaus – live aufzuführen und mehr Menschen zusammenzubringen. Angesichts der Nachdenklichkeit und Wärme, mit der Halilaj Schwermut und Feindseligkeit begegnet, lässt man sich von diesem Traum gern anstecken.

Petrit Halilaj: An Opera Out of Time
bis zum 31.05.2026
Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart
Invalidenstr. 50, Mitte
Führung: Do 15.01.18:00 – 19:00
smb.museum

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