Kinostart: 30. Juni

Porträt eines trans Mädchens: „Mein Name ist Violeta“

24. Juni 2022 Anja Kümmel
Bild: W-film

„Mein Name ist Violeta“ ist das dichte und berührende Porträt eines spanischen trans Mädchens, das auch hierzulande in eine brandaktuelle Debatte rund um das Selbstbestimmungsgesetz stößt. Die am 30. Juni im Kino startende Doku liefert ein starkes Plädoyer dafür, trans* Kinder und Jugendliche mit Respekt und Empathie auf ihrem Weg zu begleiten

Stolz und sichtlich gerührt verkündet Nacho Vidal, Pornodarsteller und Vater einer neunjährigen Tochter, im spanischen Nationalfernsehen: „Eine transsexuelle Tochter zu haben ist liebreizend, es ist schön. Die Welt lebt doch von Vielfalt, nicht wahr?“

Zeitgleich kurvt draußen, als Teil einer transfeindlichen Kampagne, ein roter Bus durch die Straßen von Madrid, auf dessen Seiten Slogans prangen wie „Jungs haben einen Penis, Mädchen haben eine Vulva. Lass dich nicht täuschen!“ In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Doku „Mein Name ist Violeta“ der beiden spanischen Regisseure David Fernández de Castro und Marc Parramon, die ausgehend von der Geschichte ihrer jungen Protagonistin zugleich auch die gespaltene Stimmung im Land einfangen.

Pornodarsteller*innen mit einem trans Kind

Violeta ist sechs Jahre alt, als sie ihren Eltern Franceska Jaimes und Nacho Vidal sagt, dass sie kein Junge ist, sondern ein Mädchen, das Violeta heißt. Zum Zeitpunkt des Filmdrehs ist sie schon fast ein Teenager, in der Schule und ihrem Umfeld geoutet, und lebt Vollzeit als Mädchen. Wir sehen sie mit ihrem Vater beim Baden und beim Boxtraining, mit ihrem Bruder im Pool oder in der Designerküche des schicken Landhauses ihrer Familie, vertieft in ein Gespräch mit ihrer Mutter über die Möglichkeiten und Risiken von Hormonblockern. Dazwischen eingeblendet werden Ausschnitte aus Heimvideos – so etwa die sechsjährige Violeta, die zum ersten Mal mit ihren Eltern Mädchenkleidung kauft und im himmelblauen Prinzessinnenkleid die Straße entlangspaziert.

Schnell wird klar: Violeta hat eine besondere Kindheit. Einerseits ist sie sehr privilegiert durch den bedingungslosen Rückhalt und die finanziellen Möglichkeiten ihrer Eltern, andererseits sprechen Nacho und Franceska auch über die doppelte Stigmatisierung, die sie als Pornodarsteller*innen mit einem trans Kind erfahren.

Um dieser sehr speziellen Erfahrung weitere Facetten hinzuzufügen, fächert sich die Doku nach und nach auf und wirft abwechselnd kurze Schlaglichter auf die Biografien weiterer trans* Personen in Spanien. So kommen zwei ältere trans Frauen zu Wort, die während der Franco-Diktatur aufwuchsen und heute zu den Vorkämpfer*innen für queere und trans* Rechte gehören.

Doch auch heute noch ist der Weg für die meisten trans* Jugendlichen steiniger als der von Violeta, wie das Regieduo anhand mehrerer Beispiele zeigt. Als traurige Kontrastfolie zur Titelgeschichte dient insbesondere die des trans Jungen Alan, der sich aufgrund von anhaltendem Mobbing in der Schule mit 17 Jahren das Leben nahm. Der Grundton des Films bleibt jedoch positiv, indem er den Fokus auf das starke Support-Netzwerk legt, das durch die Tragödie entstand. Allerdings gerät durch die Erweiterung der Perspektive die Titelfigur im Lauf des Films ein wenig aus dem Blick, zumal die Doku bei nur 70 Minuten Laufzeit keine der vorgestellten Geschichten wirklich vertiefen kann.

Violetas Gesicht wird nicht gezeigt

Etwas irritierend ist weiterhin, dass sich die Regisseure aufgrund eines Rats der spanischen Jugendschutzbehörde dafür entschieden haben, die Identität ihrer Protagonistin geheim zu halten. So sehen wir Violeta nur von hinten, aus weiter Entfernung oder hören ihre Stimme aus dem Off, während einige Szenen von Kinderdarsteller*innen nachgespielt werden. Erst im Abspann erscheint dann doch Violetas Gesicht, da die Regisseure während der Dreharbeiten zu der Ansicht kamen, dass es sich bei dem Rat eher um Diskriminierung als um Schutz von Minderjährigen handelte. Diesen Erkenntnisprozess mitzuerzählen ist zwar spannend und vielsagend, erschwert es uns Zuschauer*innen jedoch, Nähe zur Titelfigur herzustellen.

Kleine Highlights sind hingegen die zwischengeschnittenen Castingszenen, bei denen eine Interviewerin mit den ausgewählten Violeta-Darstellerinnen über das Thema „Geschlecht“ spricht. Auf die Frage etwa: „Woher weiß ich, dass du ein Mädchen bist?“, erwidert ein Kind: „Weil ich als Mädchen auf die Welt gekommen bin“, und ein anderes: „Weil ich es dir sage“. Andere antworten nur mit einem verlegenen Lächeln oder Schulterzucken. So einfach, wie es sich der Anti-Trans-Bus mit seinen verkürzten Slogans macht, ist es dann eben doch nicht.

Mein Name ist Violeta,
Spanien 2019, Regie: David Fernández de Castro und Marc Parramon
Ab 30.06. im Kino

SIEGESSÄULE präsentiert
MonGay Preview: Mein Name ist Violeta, 27.06., 22:00, Kino International

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