Leben in den Randbezirken

Queer in Britz und Südneukölln: The best of both worlds

8. Mai 2026 Paula Balov
Bild: Friedhelm Hoffmann
Eingang zur Street-Art-Ausstellung im Museum Neukölln

Wohnsiedlungen, Grünanlagen, Nachtruhe statt Nightlife: Südneukölln mit den Ortsteilen Britz, Gropiusstadt, Buckow und Rudow ist der ruhigere und oft übersehene Zwillingsbruder von Nordneukölln. SIEGESSÄULE-Redakteurin Paula Balov hat sich in ihrer neuen Nachbarschaft in Britz nach Spuren der LGBTIQ*-Community umgesehen

Es ist ein kühler Abend, der Gutshof Britz ist menschenleer. Nur das Museum Neukölln hat noch auf. Ein Poster verweist auf die aktuelle Ausstellung, die im starken Kontrast zur dörflichen Atmosphäre steht: „Zeichen. Sprachen. Stadtraum. Graffiti und Street Art in Neukölln“. Museumsleiter Dr. Matthias Henkel hat sich extra für eine SIEGESSÄULE-Führung Zeit genommen. Die Schau bietet „eine Lesehilfe für den Neuköllner Stadtraum“ mit erstaunlich vielen queeren Bezügen. Am bekanntesten ist das Einhorn von Roy Draws, einer nicht binären Kunstfigur. Doch auch Street Art der queerfeministischen Crews PMS, Le Tetis oder der Künstlerin Fraubischoff wird hier präsentiert.

Henkel erzählt, dass das Team bei der Recherche sehr viele FLINTA* Crews fand und gezielt nach cis männlichen Artists zum Ausgleich suchen musste. Das ist spannend, da die Graffitiszene sonst als männlich dominiert gilt. In Britz lässt viel über diese urbane Subkultur lernen, sichtbar an den Fassaden wird sie aber erst im Norden des Bezirks. Dieser Kontrast bringt Südneukölln gut auf den Punkt: Britz, Gropiusstadt, Buckow und Rudow gehören zu einem Bezirk, dem es eigentlich an queerer Sichtbarkeit nicht mangelt. In Neukölln wird von Bars wie Silverfuture, Cafés und Restaurants wie Das Hoven bis zu Anlaufstellen wie RuT genug für die Community geboten. Doch Neukölln endet nicht an der Sonnenallee – und im Süden wird’s stiller.

Bild: Friedhelm Hoffmann
Ein Teil der Ausstellung im Museum Neukölln beschäftigt sich mit der FLINTA* Crew PMS

Schlosspark Britz: Von Doppelkopf bis Cruising

Südneukölln ist bis heute in erster Linie ein Wohngebiet mit Einfamilienhäusern und Großwohnsiedlungen. Die Linie U7, die 1963 noch an der Grenzallee endete, verbindet das Zentrum des Bezirks mit der Peripherie. So bietet Südneukölln das Beste aus zwei Welten: abseits des Trubels, doch schnell in der Innenstadt. Diese Beobachtung teilt auch der queere Berliner Schauspieler Daniel Zillmann („Geschlechterkampf – Das Ende des Patriarchats“, „Das Kanu des Manitu“), der in Rudow aufwuchs. Im SIEGESSÄULE-Interview beschreibt er den Süden Neuköllns als „ein bisschen suburban“, wie einen Vorort. Er fährt heute noch gern dorthin, um seine Eltern zu besuchen, „aufzutanken und die Batterien wieder aufzuladen“.

Auftanken kann man auch in Britz – die vielen Parks sind attraktive Ausflugsziele, auch bei LGBTIQ*-Gruppen wie QueerWandern. RuT organisierte im Schlosspark Britz zeitweise eine Doppelkopfrunde. Auch für Cruising ist der Schlosspark beliebt – sonst ist Südneukölln verglichen zum Norden weniger sexy. Immerhin wirbt der Sexshop LSD Center am Britzer Damm mit drei Etagen und einem Untergeschoss mit „Bi-/Heten-/Gaypornokino“.

Bild: Tanja Schnitzler
Aus der Fotoserie „Neukölln-Britz – Ansichten eines Kiezes“ von SIEGESSÄULE-Fotografin Tanja Schnitzler, 2024

Möglichkeiten, sich lokal zu engagieren gibt es viele, wenn auch selten queerspezifisch. Kiezprojekte wie BENN Britz oder das Gemeinschaftshaus Gropiusstadt (wo etwa Oyoun 2023 queere Workshops anbot) sind jedoch oft offen für LGBTIQ*-Impulse. Apropos Engagement: An dieser Stelle sei die Fritz-Karsen-Schule in Britz erwähnt, die 2018 zur ersten „Schule der Vielfalt“ wurde und sich zu LGBTIQ*-Rechten bekannte.

„Wir werden natürlich die Vielfalt von Neukölln, und dazu gehören eben auch LGBTIQ*, immer mit bespielen.“

Ein Highlight ist das Museum Neukölln, nicht nur wegen der aktuellen Ausstellung. Auch früher stellte das Museum oft queere Bezüge her, etwa beim Thema „Heiraten in Neukölln“ mit einem Panel-Talk im SchwuZ, oder veröffentlichte eine Recherche zu Trans*-Biografien. Eine dezidiert queere Ausstellung sei zwar nicht geplant, „aber wir werden natürlich die Vielfalt von Neukölln, und dazu gehören eben auch LGBTIQ*, immer mit bespielen“, sagt Henkel.

Außerdem gibt es noch ein „verstecktes Juwel in Neukölln“ für Raver*innen, wie es auf Resident Advisor heißt: Am Sangerhauser Weg, direkt am Britzer Garten gegenüber eines Tennisclubs, befindet sich das Blue Velvet mit dem Untertitel „Party-Insel der reiferen Jugend“. Dort finden regelmäßig House-Partys, oft mit queerem Line-up, statt, zuletzt am 1. Mai. Der nächste Termin ist eine Soli-Party zur Finanzierung von Reparaturen der Location am 30. Mai.

Bild: Kaichen Li
Der Berliner Schauspieler Daniel Zillmann wuchs in Rudow auf

Das queere Angebot ist im Vergleich zu Nordneukölln dennoch dünn. An Wahlkreiskarten lässt sich zudem leicht ablesen, dass im Süden die CDU dominiert, zum Beispiel in Rudow. Den Stadtteil beschreibt Daniel Zillmann als „sehr konservativ geprägt, gleichzeitig aber stark durchmischt. Genau dieses Nebeneinander von zwei Welten hat es für mich als Kind so spannend gemacht, dort zu leben.“ Zugutehalten müsse man Südneukölln zudem, dass der Stadtteil zwar konservativ ist, jedoch nicht weiter nach rechts driftet: „Zum Beispiel ist hier die AfD nicht so erfolgreich geworden, wie man befürchtet hatte“, sagt Zillmann.

„Genau dieses Nebeneinander von zwei Welten hat es für mich als Kind so spannend gemacht, dort zu leben.“

Carl Chung, der Antisemitismus- und Queerbeauftragte von Neukölln, erklärt auf SIEGESSÄULE-Anfrage, dass gerade junge LGBTIQ* „etwa aus der Gropiusstadt oder der High-Deck-Siedlung sich in ihrem Wohnumfeld nicht outen wollen“. Gegenmaßnahmen seien dennoch nicht geplant, da sich die meisten queerfeindlichen Vorfälle im bevölkerungsreicheren Norden konzentrieren und die begrenzten Ressourcen dort eingesetzt werden.

Julia Stadtfeld von der Senatsverwaltung (SenASGIVA) verweist auf das diesjährige Förderprogramm „Queeres Leben in den Bezirken“, das neue Projekte anstoßen und bestehende Strukturen in ihrer Queerkompetenz stärken soll, besonders „in bezirklichen Randlagen, wie Rudow, Buckow oder Gropiusstadt“. Man sei zuversichtlich, dass künftig „auch diese Stadtteile stärker in den Fokus genommen werden“. Bis dahin gilt: Bis zur U7 ist es nicht weit.

Ausstellung: Zeichen. Sprachen. Stadtraum. Graffiti und Street Art in Neukölln
noch bis 31.05., täglich 10:00–18:00,
Museum Neukölln,
Alt-Britz 81

Fotoserie „Neukölln-Britz – Ansichten eines Kiezes“ von Tanja Schnitzler
tanjaschnitzler.de

Blue Velvet
Partylocation,
Sangerhauser Weg 3

BENN Britz
Nachbarschaftsprojekt,
Hanne Nüte 1

LSD Center Berlin-Süd
Sexshop und Cruisingkino,
Britzer Damm 115

Gemeinschaftshaus Gropiusstadt
Kulturzentrum,
Bat-Yam-Platz 1

Folge uns auf Instagram

#Berlin#Britz#Britzer Garten#Buckow#Bunt bis an den Rand#Gropiusstadt#Kiez#Museum Neukölln#Neukölln#Randbezirke#Rudow#Schlosspark Britz#Stadt#Südberlin#Südneukölln

Das Siegessäule Logo
Das Branchenbuch mit Haltung
Queer. Divers. Überzeugend.