Silverfuture & OYA im Gespräch

Queere Barszene in Berlin: „Wir brauchen mehr Besucher*innen“

6. Feb. 2026 Ulrike Wagener
Bild: OYA Bar
Ein Abend in der OYA Bar in Kreuzberg

Queere Bars in Berlin kämpfen ums Überleben: Sinkende Umsätze setzen der Szene spürbar zu. Besonders im vergangenen Jahr gerieten bekannte Orte wie das Silverfuture oder die OYA Bar zunehmend in finanzielle Schieflage. Wir haben nachgefragt: Was kann die Community tun?

Noé gießt Sprudelwasser in ein Glas und kommt hinter der Bar hervor. Es ist Samstagabend im Silverfuture in Neukölln. Die meisten Tische sind besetzt, auch an der Bar sitzen Menschen. Ist gerade viel los? „Im Gegenteil: Es ist ziemlich wenig los“, sagt Noé. Vor drei Jahren hat they angefangen in der Bar zu arbeiten. „Damals war es um diese Zeit wirklich voll, die Leute standen überall herum.“ Stehen muss heute eigentlich niemand, vielleicht noch im hinterem Raum, wo geraucht wird. „Es kommen weniger Menschen und sie gehen eher. Früher hatten wir bis sechs Uhr geöffnet, jetzt schließen wir meist schon um drei“, sagt Noé. „Die Leute denken es ist voll, aber das ist nur zu den Stoßzeiten so, unter der Woche ist es oft leer.“

Das Silverfuture hat 2007 eröffnet und ist seitdem ein „Treffpunkt für Kings, Queens, Criminal Queers und ihre Freund*innen aus Berlin und der ganzen Welt“, so heißt es auf der Website. Helena Krausz arbeitet seit zehn Jahren in dem Laden, seit einem Jahr ist sie Managerin. Bereits im Mai vergangenen Jahres hat sie sich mit einem Hilferuf an die Gäste gewendet: „Silverfuture braucht Unterstützung“ schrieb sie auf Instagram. „Den Menschen aus der Community sind queere Orte wichtig. Sie wollen, dass wir weiterhin existieren. Wenn sie wissen, dass wir gefährdet sind, entscheiden sie sich vielleicht eher dafür, zu uns zu kommen, statt in eine andere Bar“, hofft Krausz. Die Bar freue sich über Menschen, die dort Veranstaltungen hosten oder Geburtstage feiern wollen.

Herausfordernde finanzielle Lage für Gastronomie

Das Silverfuture ist nicht die einzige queere Bar, die derzeit mit zu wenigen Einnahmen zu kämpfen hat. Überhaupt ist die Gastronomie in Berlin gebeutelt. Von Januar bis Oktober 2025 wurden in der Berliner Gastronomie 213 Insolvenzen registriert – ein Anstieg von fast 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, teilte die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe auf Nachfrage der SIEGESSÄULE mit.

Zwar sind die Umsätze in der gesamten Branche nach der Corona-Pandemie nominal wieder gestiegen. Doch zieht man die Inflation ab, verzeichnet der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband 2025 im Vergleich zu 2019 in allen Bereichen Umsatzrückgänge. Gründe dafür gibt es viele, allen voran haben Menschen ihr Konsumverhalten verändert – durch gestiegene Preise, hohe Mieten und mehr Homeoffice. Hinzu kommt, dass laut dem Statistischen Bundesamt aktuell jeder Fünfte in Deutschland von Armut betroffen ist. Da LGBTIQ* überdurchschnittlich mit Diskriminierung im Bildungs- und Arbeitsbereich konfrontiert sind, können sie wiederum vermehrt von Armut betroffen sein. Bartender Noé vermutet deswegen, dass queere Bars mehr von Einschnitten in der Gastronomie betroffen seien könnten. „Die Menschen kommen seltener oder trinken nur ein Getränk über den ganzen Abend“, sagt Noé.

„Die Menschen kommen seltener oder trinken nur ein Getränk über den ganzen Abend.“

Am Nebentisch im Silverfuture sitzt eine Gruppe junger FLINTA*. Ob sie oft hierherkommen? „Nicht so oft, so alle drei Monate“, antworten eine von ihnen SIEGESSÄULE, sie heißt Sarah. Eine ihrer Freund*innen ergänzt, wenn sie näher wohnen würden, wären sie öfter hier. „Als ich gehört habe, dass sie Problem haben, hat mich das getroffen“, sagt Sarah und schlägt vor, wiederkehrende FLINTA*-Abende einzuführen – da würde sie öfter hinkommen. Krausz ist offen für Vorschläge, um herauszufinden, was die Community brauche, wenn es nicht mehr nur um Alkohol gehe. Klar ist: „Wir brauchen mehr Besucher*innen“, sagt Krausz. „Wir wollen ein offener Ort bleiben, auch für Menschen mit wenig Kohle“, ergänzt Noé.

Von politischer Seite gab es teilweise ein Entgegenkommen. Seit Januar 2026 wurde der Mehrwertsteuersatz auf Speisen in der Gastronomie auf sieben Prozent gesenkt, auch für To-Go-Essen. Allerdings können Bars nicht davon profitieren, da Getränke ausgeschlossen sind. Um Geld einzusparen arbeite die Spätschicht im Silverfuture seit letztem Frühling unter der Woche allein. Doch damit geht auch ein Sicherheitsrisiko einher. „Ich versuche, so viele Veranstaltungen wie möglich zu buchen, aber die Leute konsumieren nicht genug“, so Krausz.

Bild: Silverfuture
Die queere Szene-Bar Silverfuture in Neukölln

Bars als Safer Space, zweites Zuhause, Zufluchtsort

Auch die kollektiv geführte Bar OYA in Kreuzberg ist offen für Vorschläge von Besucher*innen. Allerdings gebe es keine expliziten FLINTA*-Abende mehr. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es für trans* Besucher*innen ausschließend war“, so Yordanos Afewerki, die offizielle Geschäftsführung und Kollektivmitglied von OYA. Bei ihnen seien alle Queers willkommen und sie würden eher auf problematisches Verhalten achten – wie toxische Männlichkeit oder Diskriminierung, statt auf eine Türpolitik zu setzen, die cis Männer ausschließt und dabei auch andere trifft.

„Wir sind kein klassisches Gewerbe, sondern ein wichtiger Raum und Treffpunkt für die queere Community.“

„Wir sind kein klassisches Gewerbe, sondern ein wichtiger Raum und Treffpunkt für die queere Community“, sagt Afewerki. „Hinter der Bar arbeiten nur queere BIPoC, das findet man in Deutschland nicht oft.“ Gerade für diese Community sei die Bar ein Safer Space, ein zweites Zuhause, ein Zufluchtsort. Sie ist stolz darauf, dass das OYA Kollektiv auch anderen queeren und trans BIPoC Gewerben den Weg geöffnet hat, Räume in der Genossinnenschaft Schokofabrik eG nebenan zu nutzen.

Durch die gute Zusammenarbeit mit der Genossinnenschaft sei das gesamte Haus offener für trans* Menschen und FLINTA* geworden. „Allerdings ist es über die Jahre immer schwieriger geworden, die Kosten zu decken“, sagt Afewerki. Das Kollektiv hat deshalb im vergangenen Dezember die Crowdfunding-Kampagne „OYA muss bleiben“ gestartet, bei der sie bereits über die Hälfte des gesetzten Ziels von 50.000 Euro sammeln konnten. Damit wollen sie bestehende Schulden abbezahlen, notwendige Umbauten finanzieren und eine anstehende Rückzahlung von Corona-Hilfen abfedern.

Mit der Rückzahlung der Corona-Hilfen hatten sie nicht gerechnet. Die Finanzierungshilfe während der Pandemie hatte geholfen, Umbau und Anschaffungen in der OYA zu stemmen, allerdings werden sie nun nicht mehr als „förderfähige“ und „notwendige“ Fixkosten innerhalb des Lockdown-Zeitraums angesehen. „Die Corona-Hilfen wurden als leicht und zugänglich beworben, aber am Ende wurde bis aufs Kleinste geschaut und fast jede Besorgung muss begründet werden“, sagt Afewerki.

„Wir reden regelmäßig darüber, wo wir hingehen könnten, wenn wir als Community in Deutschland nicht mehr sicher sind.“

Zusätzlich zu den finanziellen Problemen gebe es aber auch Ängste über die politische Lage: „Wir reden regelmäßig darüber, wo wir hingehen könnten, wenn wir als Community in Deutschland nicht mehr sicher sind“, sagt Afewerki. Die OYA Bar positioniert sich als pro-palästinensisch. „Das hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass einige Leute nicht mehr kommen, aber dafür kommen andere.“ Zwar habe es keine explizit queerfeindlichen Angriffe gegeben, aber „es wurde der Schriftzug ,IDF’ – die Abkürzung für Israeli Defense Forces – auf die Markise geschmiert.“ Außerdem seien sie am 1. Mai mit Äpfeln, Tomaten und Wasserbomben beschmissen worden. „Das könnte rassistisch sowie queerfeindlich motiviert gewesen sein – wir wissen es nicht.“

Ums Überleben kämpfen

Das Kollektiv setze auf Events, um mehr Besucher*innen zu gewinnen. „Was gut läuft sind unsere Veranstaltung, bei denen wir queere Menschen zusammenbringen, zum Beispiel unsere Quiz-Abende oder Flirtnights", sagt Afewerki. Aber: „Unsere Nachbar*innen beschweren sich regelmäßig beim Umweltamt“, sagt Afewerki. Sie stecken daher in der Zwickmühle – Events und Beschwerden durch die Nachbar*innen oder keine Events und dafür weniger Geld. „Gerade im Sommer stehen Leute gern draußen. Aus Sorge um die Lautstärke und neue Beschwerden müssen unsere Besucher*innen aber früh reingehen“, sagt Afewerki. 

Anders als Krausz vom Silverfuture hegt sie deswegen auch keine großen Hoffnungen in das geplante Landesgaststättengesetz, nach dem Außengastronomie unter der Woche bis 23:00 und am Wochenende bis 24:00 erlaubt sein soll. Denn Beschwerden kämen gerade schon mitten am Tag. „Wir haben ein Handy, wo sich Nachbar*innen melden können, wenn es ihnen zu laut ist“, sagt Afewerki. Oft würden die Beschwerden trotzdem direkt ans Umweltamt gehen. „Das ist ein ständiger Kampf.“

Langfristig denke das Kollektiv von OYA darüber nach, das ökonomische Konzept zu ändern, zum Beispiel veränderte Öffnungszeiten. Außerdem bieten sie mittlerweile ihre Räume tagsüber, wenn die Bar geschlossen ist, für Arbeitstreffen von Initiativen an. Ob die Mehrwertsteuersenkung ihnen etwas bringe, werden sie am Ende des Monats sehen, sagt Afewerki. Sie wünscht sich von der Politik: „Die Menschen sollten in ihren Jobs anständig bezahlt werden, dann können sie sich auch Getränke wieder leisten.“ Ihr Appell an die Community: „Kommt gern in die OYA, aber unterstützt auch andere queere Bars. Wir sind leider nicht die einzigen, die gerade ums Überleben kämpfen.“

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