Szene im Wandel

Queere Infrastruktur unter Druck: Ist Berlin noch zu retten?

12. März 2026 Christian Bojidar Müller
Bild: Canva
Berlin verzeichnet derzeit die höchste Insolvenzquote in Deutschland

Während selbst große LGBTIQ*-Institutionen wie das SchwuZ schließen, kämpfen andere Clubs, Bars oder Shops ums Überleben: Queere Infrastruktur in Berlin steht unter Druck. Steigende Mieten, Inflation und verändertes Konsumverhalten setzen der Szene zu. Einige Betreiber*innen sehen auch Chancen. Wie können queere Räume den Wandel überstehen?

„Die Schließung des SchwuZ war schon eine Erschütterung. Der Punkt, an dem man merkte, dass die Stadt sich wirklich verändert hat”, erzählt Oz Ben David, Co-Inhaber des israelisch-palästinensischen queerfriendly Restaurants Kanaan gegenüber SIEGESSÄULE. „Veränderung verursacht immer auch Angst. Und wenn sie sich mit Nostalgie mischt – Erinnerungen an Abende mit Freunden, erste Küsse, erste Liebe –, dann wird diese Angst noch etwas größer.” So beschreibt Oz das Gefühl, das zahlreiche queere Berliner*innen angesichts der Schließungen von Traditionsorten nachempfinden können.

Anfang dieses Jahres mussten auch Oz Ben David und sein Geschäftspartner Jalil Dabit für das Kanaan Insolvenz anmelden. Die Gründe sind komplex: Finanzielle Belastungen durch Vandalismus, Boykottaufrufe, steigende Preise und sinkende Gästezahlen setzten dem Projekt zu. „Die Solidarität nach unserem Hilfeaufruf war überwältigend. Doch nach einigen Wochen kristallisierte sich heraus, dass es Zeit für Veränderungen wird.”

„Deutschland und die Welt sind aktuell im Wandel. Wir können dagegen ankämpfen oder versuchen in diesem Wandel neue Räume für unsere Communitys zu erschließen.”

Eine Veränderung, auf die das Kanaan-Team nicht nur traurig blickt, sondern als Chance begreift: Der Restaurantbetrieb wird zwar eingestellt, doch die Marke Kanaan bleibt bestehen. „Es wird weiterhin Hummus für alle geben, diesmal sogar mit Borschtsch“, lacht Oz. Denn geplant sind unter anderem kulinarische Pop-ups, ein Catering-Service, Bildungsangebote, Bücher und sogar eine TV-Serie. Mit „Breaking the Binary” entwickeln sie gemeinsam mit der Traumfabrik Babelsberg eine Dramedy, basierend auf dem Alltag im Kanaan. „Deutschland und die Welt sind aktuell im Wandel”, erklärt Oz. „Wir können dagegen ankämpfen oder versuchen in diesem Wandel neue Räume für unsere Communitys zu erschließen.”

Bild: Kanaan Berlin
„Make Hummus, not War“ war der Leitspruch des Restaurants Kanaan

Verlorener Anschluss an jüngere Generationen

Für Franz Landgraf-Happach war der schwule Lifestyle-Laden Brunos in München Ende der 1980er ein solcher neuer Raum. „Es gab zu meiner Zeit kaum Orte, wo man etwas über queeres Leben lesen oder erfahren konnte“, sagt er im SIEGESSÄULE-Interview. Knapp 30 Jahre später rettete er 2017 mit zwei weiteren Gesellschaftern die Brunos-Einzelhandelskette vor der zweiten Insolvenz. Brunos bestand aus vier Standorten in München, Berlin, Hamburg und Köln sowie einem Onlineshop. „Es war eine Mischung aus Idealismus, aber auch Wirtschaftsinteresse, weil wir an die Marke Brunos glaubten.“

„Mit einem Stillstand der Weltwirtschaft und den damit einhergehenden Konsequenzen hat man nun mal nicht gerechnet.“

Doch die Pandemie, explodierende Kosten und der verlorene Anschluss an jüngere Generationen machten dem Betrieb zu schaffen. Im Januar musste der letzte Brunos-Store in Schöneberg schließen. „Mit einem Stillstand der Weltwirtschaft und den damit einhergehenden Konsequenzen hat man nun mal nicht gerechnet.“ Hinzu kamen Lieferengpässe für Produkte aus den USA. „Als europäischer E-Commercer ist man im weltweiten E-Commerce ohnehin benachteiligt“, so Landgraf-Happach. Mit den Dumpingpreisen von Temu und Shein ließ sich zudem kaum konkurrieren. Der Store in der Maaßenstraße mit der exorbitanten Miete war nicht zu retten. Derzeit laufen jedoch Verhandlungen, um zumindest den Onlineshop zu erhalten.

Die allgemeine Kaufkraft ist rückläufig in Berlin – die queere Szene ist da keine Ausnahme –, und die Zahl der Unternehmen, die Insolvenz anmelden, ist auf einem Rekordhoch. Teilweise sind es die Spätfolgen der Lockdowns, teilweise die Konsequenzen steigender Preise aufgrund internationaler Spannungen. Deshalb erwarten Pasquale und Stef vom SO36 mehr Unterstützung aus der Politik, wenn es um Orte wie das SchwuZ geht, die nicht nur der Unterhaltung dienen, sondern auch eine kulturelle und soziale Bedeutung für die Community und ihre Allys haben.

Dem SO36 geht es aktuell zwar noch gut, doch auch dort spürt man Veränderungen: „Wirtschaftlich stagnieren wir in dem Maße, dass wir schon überlegen müssen, wo wir das Programm schmälern und weniger DJs einladen können”, erklärt Stef gegenüber SIEGESSÄULE. Budgets müssen straffer geplant, Mitarbeiter*innen sparsamer eingesetzt werden. An den Preisen wollen sie zur Zeit nichts verändern. Ausgehen in Berlin sei ohnehin schon teurer geworden. „Es ist also kein Wunder, wenn junge Leute wegbleiben, viele können es sich mittlerweile einfach nicht mehr leisten.”

„Wir sind gezwungen, mit einem wirtschaftlichen Denken heranzugehen, auf das wir nie Bock hatten.“

Dass der Handlungsspielraum enger wird, zeigte sich zuletzt Mitte Februar, als die Konzertkasse KoKa36 in der Oranienstraße Insolvenz anmeldete – dem SO36 fehlten dadurch 40.000 Euro aus bereits verkauften Tickets. Der Puffer, den sich der Club für den Erwerb einer Klimaanlage aufgebaut hatte, drohte dadurch schnell aufgebraucht zu werden. Deshalb startete der Club eine Spendenkampagne – mit Erfolg. Trotzdem zeigt der Fall, wie schnell Komplikationen und unvorhergesehene Kosten den Club finanziell belasten können.

Früher konnte das SO36 experimentieren, Jugendlichen ganze Events überlassen. Heute ist das Risiko zu groß. „Wir sind gezwungen, mit einem wirtschaftlichen Denken heranzugehen, auf das wir nie Bock hatten.“ Doch der Trend gehe ohnehin zur Dezentralisierung: Kollektive mit Partyreihen an wechselnden Orten gewinnen an Bedeutung gegenüber Clubs und Bars.

Dank einer Spendenkampagne glich das SO36 das KoKa36-bedingte Minus aus

Anders scheint das beim Ficken3000 zu sein – ein Laden, der seit 29 Jahren das queere Nachtleben prägt, erlebt wieder einen Boom. „Wir hatten bis vor Kurzem nie Probleme mit dem Laden“, so Inhaber Frank Riedeß im Gespräch. „Von Anfang an unterstützten uns Nachbarn und unterschiedliche Communitys. Die Jungen lösen die Alten immer wieder ab.“ Doch aktuell bereitet eine Nachbarin dem Club wegen Lärmbelästigung Schwierigkeiten mit den Behörden. „Wegen ihr mussten wir den Dancefloor in den Darkroom verlegen – aber die Leute finden das jetzt noch besser“, lacht Riedeß.

Innovative Konzepte und nicht zuletzt der prägnante Name sorgen seit Jahrzehnten für eine Mischung aus Stammgästen und neuem Publikum. Dennoch ist der Nachbarschaftsstreit ein Problem: Anwälte sind eingeschaltet, der Ausgang eines möglichen Gerichtsverfahrens ist offen. Riedeß suchte bereits nach einer neuen Location, doch die Mieten sind kaum bezahlbar. Auch wenn das Ficken3000 der Community hoffentlich erhalten bleibt, braucht es stärkere Ansätze aus der Politik, um queere Orte vor Verdrängung und auch Schikane durch möglicherweise homophobe Nachbar*innen zu schützen.

Bild: Jason Harrell
Frank Müller-Redieß und Frank Redieß-Müller vom Ficken 3000

Netzwerk statt Konkurrenzdenken

Die queere Fetischmarke Mr. Riegillio aus Amsterdam eröffnete 2025 zum CSD in Schöneberg ihren zweiten Flagship-Store. „Berlin war die logische Wahl, weil die Community hier besonders lebendig ist“, sagt Gründer Riegillio zu SIEGESSÄULE. Der Laden in der Eisenacher Straße ist viermal so groß wie der in Amsterdam und stärker auf Fetishwear ausgerichtet – zugleich soll sie auch als Fashion-Statement funktionieren. Geplant sind mehr Unisex-Teile, Trans*-Pride- und Drag-Items. „Stores sind wichtig, damit Menschen mit unterschiedlichen Körpern Kleidung anprobieren können – nicht jede*r passt in die Norm.“ Dank des Onlineshops war die Marke in Deutschland bereits bekannt; das clubtaugliche Sortiment zieht ein breiteres, auch jüngeres Publikum an.

„Stores sind wichtig, damit Menschen mit unterschiedlichen Körpern Kleidung anprobieren können – nicht jede*r passt in die Norm.“

Auch der Keller Kreuzberg in der Reichenberger Straße floriert. Der queere, sexpositive Laden führt über 100 Marken, auch Kunst und Bücher. Bekannt wurde er zunächst über die Community – heute unterstützt er Events wie „Drag Bingo“ mit Harpy Fatale, das „Big Gay Quiz“ in der Bar Saint Jean sowie Events im Tipsy Bear und im Hoven. Die Inhaber Oli und Rop setzen auf Solidarität, gerade angesichts der jüngsten Schließungen. Kund*innen werden aktiv an andere queere Geschäfte wie She Said oder Other Nature verwiesen. „Wir sehen uns nicht als Konkurrenz, sondern als Teil eines Netzwerks.“

Bild: Keller Kreuzberg
Oli und Rop vom Keller Kreuzberg

Aufgrund der vielen Schließungen und Schwierigkeiten können hier nicht alle Akteur*innen zu Wort kommen. Die Beispiele zeigen jedoch: Verändertes Konsumverhalten, steigende Kosten und fehlende politische Unterstützung setzen die Szene trotz teils neuer Nachfrage massiv unter Druck. Ohne politisches Eingreifen drohen weitere Schließungen. Gleichzeitig sehen viele Chancen in Dezentralisierung, flexiblen Pop-up- oder Online-Angeboten. Beide Konzepte beruhen auf der Solidarität der Community – heute wie vor 40 Jahren. Queere Infrastruktur ist kein Museum; sie lebt von unserer Beteiligung.

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