Gedenken

Queere Persönlichkeiten, die 2022 gestorben sind

29. Dez. 2022

Auch 2022 mussten wir uns von vielen Persönlichkeiten der LGBTIQ*-Community verabschieden. An einige der Verstorbenen sei hier erinnert

James Bidgood

Bild: Michael Marcelle
James Bidgood (* 28. März 1933; † 31. Januar 2022)

Der schwule Kostümbildner und Fotograf James Bidgood starb am 31. Januar im Alter von 88 Jahren in seiner New Yorker Wohnung. Unsterblich wurde Bidgood durch seinen ersten und einzigen Film „Pink Narcissus“ (1971), der mit seiner campen Ästhetik zum Blueprint schwulen Kitsches wurde und im Folgenden Künstler wie Pierre et Gilles oder David LaChapelle inspirierte. Bidgood veröffentlichte außerdem in den 60er-Jahren etliche männliche Aktfotos in Heften wie The young physique, Demi-Gods oder Muscle-Teens, damals gängige Titel für homoerotische Aktfotografie. Bidgood gilt heute als einer der einflussreichsten schwulen Künstler des 20. Jahrhunderts.

Manfred Thierry Mugler

Manfred Thierry Mugler (* 21. Dezember 1948; † 23. Januar 2022)

Der schwule Modedesigner Manfred Thierry Mugler starb am 23. Januar im Alter von 73 Jahren. Er war für seine extravagante Mode und großangelegten Modenschauen berühmt und gehörte neben Yves Saint Laurent und Jean Paul Gaultier zu den großen französischen Modeschöpfern.

Mugler ließ sich bei seinen Modekreationen von klassischer Musik sowie von Motiven der LGBTIQ*-Ikonografie inspirieren. Riesige Schulterpolster zu betont schmalen Taillien, Miniröcke, Latex und metallisch schimmernde Büstenhalter; die Mode des „Godfather of 1980s power dressing“ steht für dramatische und futuristische Designs. Viele seiner in den 1980er-Jahren erstellten Kostüme sind Frauenfiguren aus Wagner-Opern und deutschen Heldenepen nachempfunden und wurden von Stars wie David Bowie, Lady Gaga, Beyoncé, Cardi B oder Kim Kardashian getragen.

Mugler war nicht nur in der Modewelt aktiv: Er war Buchautor, drehte Musikvideos (u. a. „Too Funky“ für George Michael) und erstellte zahlreiche Parfüms, das bekannteste davon der Duft „Angel“, das sich im Frankreich der späten 1990er-Jahre sogar besser als Chanel No. 5 verkaufte.

Auch in die Berlins größte Showbühne brachte er frischen Wind: am 23. Oktober 2014 feierte die Revue „The Wyld - Nicht von dieser Welt“ im Berliner Friedrichstadt-Palast Premiere, bei der Mugler für Co-Regie und Kostüme verantwortlich war.

Eli Schtschemur

Bild: Facebook: KharkivPride
Eli Schtschemur († März 2022)

Die 21-jährige Jurastudentin und ukrainische LGBTIQ*-Aktivistin Eli Schtschemu starb im März diesen Jahres bei dem russischen Bombardement der Millionenstadt Charkiw im Osten der Ukraine. Schtschemur hatte zur Zeit des Bombenangriffs als Freiwillige im Verteidigungsbüro im Stadtzentrum gearbeitet. Die CSD-Organisator*innen Charkiws würdigten sie in einem FB-Post als „Aktivistin und Patriotin“, die sich an zahlreichen Aktionen und demokratischen Veranstaltungen in Charkiw beteiligt und sich aktiv für Menschenrechte und den CSD engagiert habe. „Sie inspirierte und motivierte nicht nur unser Team, sondern auch alle Ehrenamtlichen um sie herum. Menschen folgten ihrem Kampf für Freiheit und Gleichberechtigung. Und wenn sie lächelte, lächelte jeder zurück.“

Eli Schtschemur ist nur eines von vielen Opfern des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Ihr Tod steht hier auch stellvertretend für die vielen anderen Menschen, die in diesem schrecklichen Krieg bislang getötet wurden.

Ika Hügel-Marshall

Bild: Sabine Galler
Ika Hügel-Marshall (* 13. März 1947; † 21. April 2022)

Die afrodeutsche Aktivistin, Autorin und Filmemacherin Ika Hügel-Marshall starb am 21. April im Alter von 75 Jahren in Berlin. Die Diplompädagogin, Künstlerin und Lehrbeauftragte an diversen Unis war eine zentrale Figur der afrodeutschen Bewegung und eine enge Freundin von May Ayim und Audre Lorde. Für den Film „Audre Lorde – The Berlin Years 1984 to 1992“ war Ika Co-Autorin des Scripts und Protagonistin. Außerdem war sie psychosoziale Beraterin für etliche Menschen aus BPoC-Communitys und gab Selbstverteidigungskurse für Schwarze, jüdische und migrantisierte Frauen. Im Sommer diesen Jahres zeigte die Begine Ikas Gemälde in der Ausstellung „Viele Farben zwischen Schwarz und Weiß“.

Bettina Dziggel

Bild: Schwules Museum/Goethe-Institut
Bettina Dziggel (* 25. Januar 1960; † 5. Juli 2022)

Die lesbische Aktivistin Bettina Dziggel verstarb im Juli diesen Jahres im Alter von 62 Jahren. Mit ihr verschwand nach Christian Pulz und Eduard Stapel ein Teil der unabhängigen Lesben- und Schwulenbewegung in der DDR. Bettinas Geschichte war symptomatisch für das Leben in der DDR. Alles an der DDR war politisch, aber Raum, politisch denken und sprechen zu lernen, gab es nicht. In der evangelischen Kirche wurde dieses Denken und Sprechen möglich durch mutige Menschen wie Bettina. Viele Lesben und Schwule stellten die entscheidenden politischen Fragen ihres Lebens – nämlich die nach den Ursachen des antihomosexuellen Terrors und die nach Emanzipation – in der Kirche, obwohl sie keine Christen waren. NS-Verfolgung von Schwulen und Lesben wurde nicht vom Staat thematisiert, sondern von Lesben und Schwulen wie Bettina Dziggel, Christian Pulz oder Eduard Stapel.

Robert Deam Tobin

Bild: PR
Robert Deam Tobin (* 1. November 1961; † 10. August 2022)

Der Queer-Forscher und Germanist Robert Deam Tobin starb am 10. August im Alter von 60 Jahren in Worcester im US-Bundesstaat Massachusetts. Zu seinen bekanntesten Werken gehört „Warm Brothers. Queer Theory and the Age of Goethe“, in dem er u. a. den homosexuellen Leidenschaften in den Werken von Goethe und Schiller nachspürte. Die Studie wurde auch zum Ausgangspunkt für Rosa von Praunheims Film „Männerfreundschaften“, der mögliche homoerotische Beziehungen von berühmten Persönlichkeiten der Weimarer Klassik beleuchtet.

Hans-Dieter Eickmeyer

Hans-Dieter Eickmeyer (* 1942; † Mai 2022)

Der frühere Chef der Szenebar Pussycat in Schöneberg, Hans-Dieter Eickmeyer, verstarb im Mai 2022. Der 1942 geborene Wirt, der seit den 70ern das Berliner Szenenachtleben mitprägte, arbeitete auch im Tabasco und im Vagabund.

Sebastian Böhm

Bild: PR
Sebastian Böhm (* 1986; † November 2022)

Der aus Magdeburg stammende schwule Starfrisör Sebastian Böhm starb im November im Alter von nur 36 Jahren. Böhm war an Leukämie erkrankt und hatte 2021 seinen Kampf gegen den Krebs öffentlich gemacht. Bekanntheit erlangte er u. a. als Stylist von Stars wie Bill Kaulitz von Tokio Hotel, Jennifer Lopez oder Shakira.

Malte C.

Bild: Trans*-Inter*-Münster e.V.
Malte C. ( † 2. September 2022)

Der Tod des trans Manns Malte C. hatte diesen Sommer deutschlandweit für Aufsehen, Trauer und Entsetzen gesorgt. Der 25-Jährige war bei einer Attacke am Rande des Christopher Street Days in Münster Ende August schwer verletzt worden und wenige Tage später, am 2. September, seinen Verletzungen erlegen. Malte war Zeugenaussagen zufolge auf dem Münsteraner CSD-Ständefest Frauen zur Hilfe geeilt, die von einem Mann als „lesbische Huren“ beschimpft und bedroht wurden. Malte hatte den Mann gebeten, die Beleidigungen und Drohungen zu unterlassen. Daraufhin habe der Mann Malte transfeindlich beleidigt und niedergeschlagen. Malte sei bewusstlos mit dem Kopf auf den Asphalt aufgeschlagen, mit Hirnblutungen ins Krankenhaus eingeliefert und dort in ein künstliches Koma versetzt worden. Wenige Tage später verstarb Malte.

Gegen den mutmaßlichen Täter hat die Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung mit Todesfolge Anklage erhoben.

Das Berliner Anti-Gewalt-Projekt Maneo hat eine Online-Petition gestartet, um Malte C. posthum das Bundesverdienstkreuz zu verleihen. Die Petition kann unter folgendem Link unterzeichnet werden: action.allout.org/de/m/26218e6f/

Margot von Renesse

Bild: Deutscher Bundestag /Foto- und Filmstelle
Margot von Renesse (* 5. Februar 1940; † 17. Juni 2022)

An dieser Stelle sei auch an eine Person erinnert, die sich selbst nicht als queer identifizierte, aber eine bedeutende Streiterin für LGBTIQ*-Rechte war: Die SPD-Politikerin Margot von Renesse starb am 17. Juni im Alter von 82 Jahren. Die engagierte Frauen- und LGBTIQ*-Rechtlerin galt als „Mutter der Lebenspartnerschaft“ (LSVD). Von 1990 bis 2002 Mitglied des Bundestages, setzte sie sich für queere Belange ein – darunter für die Aufhebung der NS-Urteile gegen Homosexuelle und die eingetragene Lebenspartnerschaft, die Vorstufe zur Öffnung der Ehe. Der Grünen-Politiker Volker Beck, der eng mit von Renesse zusammengearbeitet hatte, twitterte nach ihrem Tod: „Sie war ein großartiger Mensch und eine aufrechte, kluge, mutige und uneitle Politikerin. ... Ohne sie hätte ich das Lebenspartnerschaftsgesetz gegen die damalige Justizministerin so nicht durchsetzen können.“

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