Interview mit Regisseur Faraz Shariat

Queeres aktivistisches Popcorn-Kino: „Futur Drei“

15. Sept. 2020 Axel Schock
Bild: Salzgeber
Faraz Shariat

So hat noch niemand über das Leben von queeren Geflüchteten und postmigrantischen Millennials in Deutschland erzählt: Faraz Shariats Regiedebüt „Futur Drei“ ist mutig, witzig, wegweisend und immer wieder überraschend. Ein erfrischender wie wegweisender Gegenentwurf zu den konventionellen Erzählungen (post)migrantischer Geschichten im deutschen Kino. Der u. a. mit dem First Steps Award und zwei Teddy Awards ausgezeichnete Film kommt am 24.09. in die Kinos. SIEGESSÄULE sprach mit dem 1994 geborenen Filmemacher iranischer Herkunft über autobiografische Motive, das politische Potential seines Films und die Darstellung von schwulem Sex.

Im Zentrum von „Futur Drei“ steht der schwule Parvis, Sohn iranischer Eltern, der in einer Unterkunft für Geflüchtete Sozialstunden ableisten muss und dort das iranische Geschwisterpaar Banafshe und Amon kennenlernt.

Faraz, das Drehbuch zu deinem Film entstand zwar im Kollektiv, ist aber dennoch sehr stark autobiografisch geprägt. War es besonders schwierig, sich von der eigenen Lebensgeschichte zu lösen? Oder war diese biografische Grundlage wichtig, um die Authentizität zu sichern? Wir haben mit „Futur Drei“ keinen Dokumentarfilm gedreht, sondern einen Spielfilm. Uns war es aber sehr wichtig, das politische Potential der Fiktion zu nutzen; also nicht einfach nur Realitäten abzubilden, sondern auch Impulse zu setzen, wie eine zukünftige Gesellschaft geformt sein könnte.

Die ganze Prämisse des Films stammt aus meiner Biografie. Ich bin wie Parvis beim Klauen erwischt worden und habe wie er Sozialstunden ableisten müssen. Viel wichtiger aber ist, dass man für sich selbst ehrlich sagen kann, an der richtigen Position zu sein, um diese Geschichte erzählen zu können. Wir haben uns bei der Entwicklung des Films sehr viel mit Erzählpolitiken auseinandergesetzt: Wer erzählt wie vom wem. Ich bin in Deutschland aufgewachsen und habe also im Gegensatz zu meinen Eltern selbst keine Fluchterfahrungen gemacht. Dennoch sollte es in diesem Film auch um Flucht gehen.

Im Film kumuliert diese Auseinandersetzung in sehr bewegenden Gesprächen mit der Mutter von Parvis, die davon spricht, wie sehr sie und sein Vater sich aufgeopfert haben, damit ihr Sohn Teil dieser deutschen Gesellschaft werden kann. Die Darstellerin ist deine eigene Mutter. Basieren diese Dialoge auf tatsächlichen Konflikten und Gesprächen? Die Arbeit an diesem Film hat mir ermöglicht, mit meinen Eltern ins Gespräch zu kommen, wie es in dieser Direktheit und Offenheit sonst wohl nicht möglich gewesen wäre. Die Dialoge selbst habe ich mit meinen Eltern zusammen geschrieben, insofern deckt sich vieles auch mit ihren eigenen Ansichten. Ich habe ihnen also keine Worte in den Mund gelegt, denn ich denke, dass sie ihre Erfahrungen besser beschreiben, als ich es könnte.

„Wir wollten weg von diesen überdramatischen Opfer-Täter-Positionen, die Menschen mit Migrationserfahrungen zugeschrieben bekommen“

Du hast vom politischen Potenzial eures Films gesprochen. Kannst du das etwas erläutern? Wir bezeichnen unseren Film manchmal als „aktivistisches Popcorn-Kino“. Wir wollten weg von diesen überdramatischen Opfer-Täter-Positionen, die geflüchtete Menschen bzw. Menschen mit Migrationserfahrungen zugeschrieben bekommen, hin zu einem befreiten, selbstermächtigten wie auch poppigen Lebensgefühl. Ich glaube, allein sich das zu trauen, obwohl die Realität von vielen geflüchteten Menschen und People of Color hier in Deutschland ganz anders aussieht, ist schon eine krasse künstlerische Setzung. Für uns war dieses utopische Moment ein wichtiger Antrieb: einen Sehnsuchtsort von Gemeinschaft zu schaffen, an dem wir empathisch aufeinander zugehen, uns zuhören und sehen.

Bild: Salzgeber
„Mir war wichtig, einer facettenreichen Figur – Person of Color, queer, feminin-flamboyant – die Möglichkeit zu geben, scheiße und unperfekt zu sein“

Ist so auch zu verstehen, warum Parvis zwar sympathisch, aber keine Figur ist, die alle Zuschauer*innen ausnahmslos lieben werden? Total, und auch so gewollt. Ich habe mir in meinem Leben bereits jede Menge queere Coming-of-Age-Filme angeschaut und tue es immer noch. Wenn es mal im Kinofilm Platz gibt für queere Charaktere, dann sind das meist Menschen mit einem hohen Anpassungsdruck, genormt oder extrem perfekte Abziehbilder. Mir war wichtig, einen Film zu machen, in dem auch Figuren mit Fehlern ihren Platz haben, und einer facettenreichen Figur wie Parvis – Person of Color, queer, feminin-flamboyant und Mittelschichtshintergrund – einfach auch die Möglichkeit zu geben, scheiße und unperfekt zu sein.

„Uns war wichtiger, keine Scheu zu haben und schwulen Sex so zu zeigen, wie er ist“

Schwulenfeindliche Reaktionen erleben Parvis und Amon im Film eigentlich nur durch Menschen aus unterschiedlichen migrantischen Communitys. Für ähnlich konservativ gestimmte Zuschauer*innen dürfte die sehr offene Darstellung von Parvis‘ Sexleben eine Herausforderung sein ... Ich bin selbst mit vielen internalisierten Stigmata aufgewachsen. Ich habe mir deshalb auch das Coming-out sehr schwer gemacht und es lange hinausgeschoben, weil ich mir die krassesten Dinge vorgestellt habe, wie meine Eltern mich dann wohl sehen würden. Als dann der Moment kam, habe ich gemerkt, wie falsch ich gelegen hatte. Für sie war das Schlimmste, dass es mir so schwergefallen war, es ihnen zu sagen.

Ich denke, dass es immer Menschen geben wird, die Probleme mit einem offenen Ausdruck von Sexualität haben, die queeren Menschen mit Ressentiments und Vorurteilen begegnen. Ich habe aber das Gefühl, dass unser Film eine sehr klare und einladende Stimme hat und es einem deshalb schwer macht, einer Figur wie Parvis mit Wut und Hass zu begegnen. Das ist zumindest meine Hoffnung.

Es gibt einfach bestimmte kulturelle Gewohnheiten und deshalb eine berechtigte Sensibilität bei der Frage, wie freizügig und explizit man Sex zeigen kann. Dazu haben wir uns natürlich Gedanken gemacht – und uns klar für eine westlich-liberale Inszenierung entschieden. Uns war wichtiger, keine Scheu zu haben und schwulen Sex so zu zeigen, wie er ist.

Bild: Salzgeber

Futur Drei,
DE 2020, Regie: Faraz Shariat,
mit Benjamin Radjaipour, Banafshe Hourmazdi, Eidin Jalali u. a.,
ab 24.09. im Kino

SIEGESSÄULE präsentiert
Preview bei MonGay, 21.09., 22:00, Kino International

Der Film wird außerdem am 01.10. das Soura Film Fest im Oyoun eröffnen!

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