Bouygerhl

Digitales Archiv stellt queere Musiker*innen vor

8. Juni 2021 Paula Balov
Bild: Bouygerhl
Webseite Bouygerhl

Mit Bouygerhl baut DJ Zacker gerade ein umfassendes digitales Archiv auf, das queere, schwule, lesbische, bisexuelle, trans* und nicht-binäre Künstler*innen, Bands und Komponisten präsentiert

Von A wie Against Me! bis Z wie Zebra Katz, von Hip Hop bis Hardcore – Zacker, ein DJ und Veranstalter aus Leipzig, hat beschlossen die ganze Vielfalt queerer Musik weltweit in einem digitalen Archiv zu vereinen. Bouygerhl ist der Name des Projekts und spielt auf Songtitel der New Yorker Musikerin Anohni an. Für Zacker ist sie „eine der progressivsten queeren Künstlerinnen unserer Zeit“. Die Wörter „Bouy“ und „Gerhl“ versteht er als Aufweichung starrer Geschlechterkategorien. „Die lautmalerische Verschmelzung zu Bouygerhl ist somit Hommage und Statement gleichermaßen,“ erklärt er.

Das Archiv umfasst bereits 700 Musik-Acts, viele weitere seien noch „in der Pipeline“. In jedem Archiv-Beitrag findet sich ein Foto der jeweiligen Künstler*in oder Band, dazu gibt es Social-Media-Links und ausgewählte YouTube-Clips mit Videos oder Liveauftritten. Zudem versieht Zacker jeden Eintrag mit einem Statement der Musiker*innen, aus dem die Zugehörigkeit zur LGBTIQ*-Community hervorgeht. Über diesen Weg den queeren Bezug herzustellen ist ihm wichtig, um einerseits Musiker*innen nicht fremdzuouten, die sich öffentlich nicht eindeutig zu ihrer sexuellen Identität äußern. Andererseits soll sein Verständnis von queer damit auch so inklusiv wie möglich sein: „Bei dieser Definition gibt es kein 'zu wenig' oder 'zu viel' queer, kein richtig oder falsch. Es zählt allein das Bekenntnis – und damit der Beitrag zur Repräsentanz und Gleichstellung von LGBTQ+.“ Sollte das Projekt weiterwachsen und Zacker redaktionelle Unterstützung bekommen, wäre es zukünftig auch denkbar, die Einträge mit Kurzportraits der Künstler*innen oder Bandgeschichten zu ergänzen.

Identifikationsfiguren für Queers

Zackers Ziel ist, irgendwann DAS einschlägige queere Musikarchiv zu werden. Doch hinter der Idee steckt mehr als die Leidenschaft eines Musiksammlers: „Ich höre so oft von der früheren Generation: Hätte ich damals nur Vorbilder gehabt, vieles wäre einfacher gewesen!“ Deswegen möchte er mit Bouygerhl auch jungen Queers Identifikationsfiguren aufzeigen und seinen Teil zu Empowerment, Sichtbarkeit, aber auch Erinnerungskultur beitragen: Neben zeitgenössischen Bands sind auch Ikonen der Musikgeschichte wie Marlene Dietrich oder Rio Reiser aufgeführt.

Festival-Veranstalter*innen sollen ebenfalls bei Bouygerhl fündig werden. Durch seine vielen Jahre als Organisator von Konzerten oder Partys hatte Zacker bereits eine lange Booking-Liste. „Ich dachte mir, ich baue eine ganz einfache Seite mit den Acts aus der Liste, um sie zu empfehlen,“ erzählt er. Als er feststellte, wie umfangreich die Liste war, empfand er es als logischen Schritt das Projekt größer zu denken.

Bei seiner Recherche und Suche nach queeren Künstler*innen hangelt sich Zacker ohne ein bestimmtes System von einem Act zum nächsten, vom Geheimtipp bis zum Star. Interessante aktuelle queere Strömungen sind ihm dabei auch aufgefallen. So befinde sich die konservativ geprägte Country-Szene gerade in einem queeren Aufbruch. Das kürzliche Coming-Out von TJ Osborne der Osborne Brothers ist dabei nur ein Beispiel. Beeindruckend findet Zacker auch die US-amerikanische Rap-Kultur mit Acts wie Mykki Blanco und Roy Kinsey: „Der Schwarze, queere Rap ist sehr präsent und dabei auch sehr selbstbewusst – das ist schön zu sehen.“

Musik aus Osteuropa

Auch mit über 700 Acts ist Zackers To-Do-Liste noch lang: Das komplexe Themenfeld der klassischen Musik will er sich bald vornehmen. Eine andere Baustelle sei außerdem queere Musik aus Osteuropa. „In dem Bereich ist es schwerer, etwas zu finden – viele Links funktionieren nicht mehr und es gibt weniger Musiker*innen, die out and proud sind.“ Vor dem Hintergrund der queerfeindlichen Stimmung in Ländern wie Polen und Russland ist es ihm ein Anliegen, LGBTIQ*-Musiker*innen aus diesen Regionen der Welt zu präsentieren. Es versteht sich von selbst, dass sich ein Musik-Nerd wie Zacker über jeden Tipp freut, ob nun mit Osteuropa-Bezug oder nicht.

Zusätzlich zum Archiv betreibt Zacker einen Blog, in dem er Musiker*innen interviewt oder seine Lieblings-Coversongs bespricht. Für die Nach-Corona-Zeit hat er sich vorgenommen mit anderen DJs und einem Live-Act durch verschiedene deutsche Städte zu touren. Ein Festival unter dem Namen Bouygerhl kann er sich auch vorstellen, das sei allerdings noch „Zukunftsmusik“.

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