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Reportage

Queers & Dragons: LGBTIQ* und Rollenspiele

23. Mai 2023 Paula Balov
Bild: Canva

Auch wenn es noch ein Nischenthema ist: In der queeren Community wächst die Begeisterung für sogenannte Pen-&-Paper-Rollenspiele. So gibt es z. B. Drag-Queen-Gruppen, die vor Publikum „Dungeons & Dragons“ spielen, und zahlreiche queere Spiele. Wir sind der Frage nachgegangen, was LGBTIQ* an diesem Hobby fasziniert

Eine Bardin, eine Barbarin, eine Kriegerin und eine elfische Klerikerin stehen zusammen und tüfteln ihren Angriffsplan gegen die Goblins aus. In der realen Welt ertönt derweil die Stimme der Spielleiterin: Sie fordert die Gruppe dazu auf, zu würfeln. Der Würfelwurf wird darüber bestimmen, ob sie Hinweise auf das Goblin-Versteck entdecken.

So sieht eine klassische Szene in einem Pen-&-Paper-Rollenspiel aus, sie hat jedoch in diesem Fall einen Twist: Hier spielen nicht fünf heterosexuelle Teenie-Jungs zusammen, sondern fünf Drag Queens. Die Szene stammt von einem Live-Stream der US-amerikanischen Gruppe „Dungeons & Drag Queens“. Der Name ist eine Anspielung auf Dungeons & Dragons (D&D), das erste und bekannteste Pen-&-Paper-Rollenspiel, das Mitte der 70er-Jahre von Gary Gygax und Dave Arneson entwickelt wurde.

„Dungeons & Drag Queens“ ist nur eines von vielen Beispielen queerer Fan-Kultur innerhalb der Rollenspielszene. Aber was reizt LGBTIQ*-Menschen so an diesem Hobby?

Kollaboratives Storytelling

Zuerst müssen wir klären, was das Hobby überhaupt ist: Pen-&-Paper ist ein Überbegriff für Spiele, die Elemente aus Strategie- und Gesellschaftsspielen mit Improtheater verbinden. Spieler*innen sitzen dabei zusammen an einem Tisch oder treffen sich in Videokonferenzen. Neben dem namensgebenden Stift und Papier werden häufig Würfel und spezielle Regelbücher benötigt. Spieler*innen schlüpfen in die Rolle verschiedener Charaktere, erleben Abenteuer oder lösen Rätsel. Oftmals führt ein*e Spielleiter*in wie ein Regisseur durch das Geschehen und denkt sich Herausforderungen und Hindernisse aus.

„In erster Linie geht es um kollaboratives Storytelling“, erklärt Jeanne, die seit fast zehn Jahren Rollenspiele spielt. Zuerst begegnete ihr das Spielkonzept in Comics und den sozialen Medien. Twitter brachte sie schließlich zu ihrer ersten Rollenspielrunde. „Ich finde es toll, davon überrascht zu werden, in welche Richtung sich eine Geschichte entwickeln kann, die spontan von unterschiedlichen Menschen erzählt wird.“

Die Spiele können in frei erfundenen oder in vorgefertigten Welten wie dem Game-Of-Thrones-Universum stattfinden. Tolkiensche Fantasy mit Elfen, Orks und Zwergen ist zwar sehr beliebt, keinesfalls aber das einzige Setting. Das Rollenspiel „Call of Cthulhu” basiert beispielsweise auf den Horror-Erzählungen von H.P. Lovecraft.

Gender-Bending und Safer Spaces

„Wunscherfüllung macht einen Reiz von Rollenspielen aus“, sagt Andrea Rick. „Du kannst einen Teenager in einer Welt spielen, in der Queerness kein Problem ist, oder eine sehr extrovertierte Figur sein, die alle Herzen bricht, obwohl du im echten Leben eher schüchtern bist.“ In der Pandemie entdeckte sie Rollenspiele für sich und spielte bald alles, was sie in die Finger bekam. Im letzten August gründete Andrea den Rollenspielverlag Plotbunny Games.

„Nirgendwo sonst kann ich mit nur einem Fingerschnipsen mein Outfit wechseln“, antwortet Jeanne auf die Frage, was sie als genderfluide trans Frau am Rollenspiel reizt. „Ich kann und darf hier jedes Geschlecht sein und alle möglichen Stimmen ausprobieren. Außerdem“, ergänzt sie kichernd, „kann ich als Spielleiterin meine Spieler*innen quälen.“ Sie beschreibt ihre Freude daran, Spieler*innen mit besonders kniffligen Rätseln oder unerwarteten Twists zu ärgern.

„Nirgendwo sonst kann ich mit nur einem Fingerschnipsen mein Outfit wechseln.“

Die*der nichtbinäre*r Drag-Artist Caddy Domplex schätzt an Pen-&-Paper-Rollenspielen ebenfalls die Möglichkeit, alle nur denkbaren Nuancen von Geschlecht ausprobieren zu können. Caddy spielt seit ca. fünf Jahren D&D. Praktisch war, dass sich D&D gut in Video-Meetings spielen lässt und so blühte das Hobby vor allem in der Pandemie auf: „Viele Leute in der queeren Community haben Care-Arbeit für andere gemacht, da hab ich mich gefragt: Was kann ich machen? Ich kann eine D&D-Runde leiten und damit etwas Ablenkung und Spaß während der Isolation spenden.“

Auch in Drag-Performances hat Caddy Domplex schon Elemente aus dem Spiel eingewoben und sich als D&D-Charakter verkleidet, zum Beispiel bei der Streaming-Show „Foxhole“. In Berlin gab es mehrere Drag-Shows, die auf Pen-&-Paper-Rollenspiele Bezug nahmen – zum Beispiel bei den Dragstreet Boyz zum Thema D&D oder die Show „The Topaz Be Experience“ im Tipsy Bear über Nerd-Kultur allgemein.

Was Gender-Bending im Rollenspiel jedoch von Drag unterscheidet: „Bei D&D erlebst du Situationen, in denen dich andere Spieler*innen in dem Geschlecht deiner Figur wahrnehmen”, erklärt Caddy. „Du merkst, wie sich das anfühlt, als z.B. Frau angesprochen zu werden, das kitzelt andere Nerven. Auf der Drag-Bühne wirst du hingegen eher als ‚Mann im Kleid’ gesehen.” Queere Rollenspielrunden können also Safer Spaces sein, in denen LGBTIQ*-Personen mit Geschlechterrollen spielen, ihre Identität entdecken oder sich in Welten ohne Queerfeindlichkeit flüchten.

„Bei D&D erlebst du Situationen, in denen dich andere Spieler*innen in dem Geschlecht deiner Figur wahrnehmen.”

Obwohl es eine blühende queere Rollenspielszene gibt, ist sie nur eine Nische in einer viel größeren Szene. In Berlin gibt es einige Adressen für Pen-&-Paper-Enthusiast*innen, wo sie ihr Zubehör kaufen, potenzielle Spieler*innen kennenlernen oder einen Tisch zum Spielen reservieren können, wie das Café „Weltentaverne“ in Tempelhof oder den Laden „Battlefield Berlin“ in Kreuzberg. Spezifisch queere Pen-&-Paper-Kultur findet jedoch hauptsächlich online oder in privaten Räumen statt.

Eine Ausnahme bildet der kleine und relativ junge Laden „All The Problems In The World“ in der Blücherstraße: Jan Utecht, der seit seiner Kindheit Rollenspiele liebt, gründete ihn 2020 mit der Vision, Pen-&-Paper-Rollenspiele und Comics anzubieten, die es nicht an den üblichen Adressen zu kaufen gibt. Zum Sortiment gehören etliche Artikel von LGBTIQ*- oder BIPOC-Designer*innen. „In erster Linie biete ich queere Spiele an, weil sie einfach toll sind,“ erzählt er. „Mein Laden soll ein Anlaufpunkt für alle Menschen sein, die Rollenspiele abseits vom Szene-Mainstream entdecken wollen.“

Die Rollenspielszene wird häufig mit toxischer Männlichkeit in Verbindung gebracht. Sowohl Caddy als auch Andrea und Jeanne nehmen die Szene in Deutschland außerhalb der queeren Bubble als sehr heteronormativ und cis-männlich wahr. Die Online-Community während der Pandemie verschaffte vor allem Andrea einen alternativen und barriereärmeren Einstieg ins Hobby. Hier konnte sie online mit anderen LGBTIQ* spielen und sich mit queeren Nerds austauschen. Und falls sich online eine Rollenspielgruppe diskriminierend verhält, ist es im Zweifelsfall leichter, einen Video-Call zu beenden, als einen physischen Raum zu verlassen.

Vom Nischenphänomen zum Blockbuster

Die Rollenspielszene prägen aber nicht nur ihre Spieler*innen, sondern natürlich auch die Spieldesigns selbst oder Filme und Serien, die darauf basieren. Wie sieht es hier mit queeren Perspektiven aus?

Vor allem D&D erlebt in der Popkultur seit einigen Jahren einen Boom: Das jüngste Beispiel ist der Blockbuster „Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“, der seit Ende März in den Kinos läuft. Auch die Netflix-Serie „Stranger Things“ hat mit ihren nostalgischen D&D-Referenzen das Thema zurück ins Bewusstsein des Mainstreams geholt.

Ein populäres Beispiel für queere Repräsentation ist die US-amerikanische Animationsserie „The Legend of Vox Machina“ auf Amazon Prime. Das Besondere: Sie basiert auf den Geschichten, die in tatsächlichen D&D-Sessions entstanden sind. Die Gruppe Critical Role, bestehend aus professionellen Voice Actors, streamt regelmäßig D&D-Sessions und konnte dank Crowdfunding und großer Fan-Gemeinde die Produktion der Serie finanzieren.

In den Spielsessions wie auch in der Serie kommt eine ganze Reihe queerer Charaktere vor wie der bisexuelle Halb-Elf Vax, seine ebenso bisexuelle Schwester Vex, der flamboyante, schwule Verkäufer Shaun Gilmore oder die lesbische Paladin-Kriegerin Lady Kima.

Queere Perspektiven im Zentrum

Abseits vom Mainstream gibt es aber noch spannendere Ansätze, die LGBTIQ*-Perspektiven in den Fokus nehmen: Wie kann man Queerness in eine Rollenspielwelt einbringen, unabhängig von romantischen Beziehungen und einzelnen, queeren Charakteren? Mit dieser Frage haben sich Andrea Rick und ihre Co-Designerin Sandra Dahlhoff beschäftigt. Herausgekommen ist das Spiel „Viva la QueerBar“. Nach einer erfolgreichen Finanzierungskampagne auf Kickstarter wird es voraussichtlich im August im Verlag Plotbunny Games erscheinen.

„Wir hatten die Idee, den Community-Aspekt ins Zentrum des Spiels zu stellen, in Form einer queeren Bar.“

„Wir hatten die Idee, den Community-Aspekt ins Zentrum des Spiels zu stellen, in Form einer queeren Bar“, erklärt Andrea. In ihrer Studienzeit haben sie und ihre Co-Designerin in queeren Barprojekten mitgewirkt und diese einerseits als Orte für Unterstützung und Kreativität erlebt. Andererseits erfuhren sie auch Ausschlüsse und Diskriminierung. „,Viva la QueerBar‘ soll beides abdecken: Spielende können die Bar als utopischen Raum gestalten oder sagen: Lasst uns heute auf die Probleme schauen.“

Verglichen mit anderen Pen-&-Paper-Rollenspielen sind die Regeln von „Viva la QueerBar“ recht simpel: Benötigt werden nur Skatkarten und die Broschüre zum Spiel. Der Gedanke dabei war, das Spiel möglichst niedrigschwellig zu halten. Anstatt auf komplexe Kämpfe und Taktiken setzt „Viva la QueerBar“ den Schwerpunkt auf den erzählerischen Aspekt von Rollenspielen, auf die Ideen und Improvisationen der Gruppe. Diese entscheidet sich gemeinsam für das Setting ihrer Bar – eine dystopische Zukunft, eine Fantasy-Taverne oder doch eher Steam Punk?

Bild: Plotbunny Games Quelle
Illustration für das Rollenspiel „Viva la QueerBar“

Andrea ist eine queere, nicht binäre Femme, außerdem ist sie neurodivergent und chronisch krank. Mit ihrem Verlag Plotbunny Games bietet sie Rollenspiele an, in denen nicht normative Perspektiven wie ihre Raum bekommen und an denen marginalisierte Menschen mitgewirkt haben. Ihr ist außerdem wichtig aufzuzeigen, dass es viel mehr Rollenspiele außer D&D gibt: „Durch die steigende Popularität von D&D gerät oft die Vielfalt aus dem Blick. Dabei gibt es so viel mehr da draußen und auch viele queere Spiele!“

Erwähnenswert ist in diesem Punkt das Spiel „Thirsty Sword Lesbians” von April Kit Walsh, das bald auf Deutsch als „Charmante Schwertlesben“ erscheint. Andrea Rick ist als eine von zwei Übersetzerinnen und Redakteurinnen an dem Projekt beteiligt. Das Spiel verbindet epische Kämpfe mit lesbischer Romantik und Beziehungsdrama. Ein weiteres Rollenspiel, das vor allem über Metaphern Queerness ergründet, ist „Monster Hearts“ von Avery Alder. Hier schlüpfen Spieler*innen in die Rolle jugendlicher Monster wie Werwölfe oder Vampire, die ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität entdecken, mit verwirrenden Gefühlen zu kämpfen haben sowie mit den Veränderungen ihrer Körper umgehen müssen.

Unerschöpfliches Potenzial

Queerness und Rollenspiel passen zusammen wie Topf und Deckel, denn das queere Potenzial des Spielgenres ist unerschöpflich: Die Fragen, wie bärtige Zwerginnen ihre Weiblichkeit erleben oder welches Geschlecht ein Roboter wählen würde, lassen sich mit diesem Medium genauso gut erkunden wie die Frage nach einer queeren Utopie oder einer geschlechtslosen Gesellschaft. Pen-&-Paper-Rollenspiele können die Möglichkeit bieten, auf Lesbophobie buchstäblich mit einer Doppelaxt zu antworten oder auch für eine Weile in die Rolle des Monsters zu schlüpfen, zu dem die Mehrheitsgesellschaft queere Menschen oft macht.

Es ist schade, dass ein so reiches und vielfältiges Hobby in der queeren Community bisher nicht präsenter ist – in öffentlichen Räumen in Berlin, wo sich LGBTIQ*-Menschen treffen und zusammen spielen können, oder auch im kollektiven Bewusstsein als ein Teil queerer Kultur.

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