Interview

Ralf König: Keiner weiß, was nach Corona relevant ist

6. Apr. 2020 Jan Noll
Bild: Jens Schommer
Ralf König

Autor und Zeichner Ralf König postet derzeit regelmäßig Comics zur Corona-Krise auf Facebook! Es ist das erste Mal, dass er sich so direkt und tagesaktuell mit seiner Kunst an seine Leser*innen wendet. Wir sprachen mit ihm über die Idee dahinter, wie er den Lockdown erlebt und über die Auswirkungen der Krise auf unsere Gesellschaft und Community

Ralf, wie erlebst du gerade die Corona-Krise? Bist du während des Lockdowns die ganze Zeit zuhause? Ja, aber das wäre ich jetzt im Frühling sowieso, weil meine Wohnung zum Glück sonnig ist und ich eh allein wohne. Sonst zeichne ich in einem etwas dunkleren Gemeinschaftsatelier mit Kollegen, aber da ist momentan niemand. Ich lebe ja in der ständig überfüllten Kölner Innenstadt und muss sagen, dass ich die plötzliche Ruhe eher geniesse, auch wenn die Realität dahinter was Bedrückendes hat. Ich merke jetzt deutlich, dass dieses übliche Menschengeschiebe total stressig ist.

Grob seit Mitte März postest du regelmäßig neue Comics zum Thema Corona bei Facebook – von Marie Coronette bis hin zu neuen Comics über Konrad und Paul in der Krise. Was war deine Motivation für diese Aktion? Ich war gerade fertig mit einem Comicalbum, ROY & Al Teil 2, und wollte anfangen mit einem neuen Titel für Rowohlt, da sollte es um PC gehen und Queer und Schwule gegen Lesben gegen Trans* und andersrum, aber diese Themen waren plötzlich geplatzt wie eine Blase. Ich konnte keine Geschichte zeichnen, in der alles normal läuft, während draussen langanhaltender Ausnahmezustand ist. Da war ich zwei Tage in Schockstarre und hab spontane Krisen-Einfälle auf Facebook gepostet, ohne Plan. Das hat sich dann verselbstständigt, ich poste nun täglich einen kurzen Konrad und Paul-Comic. Das kleine Format hab ich selten benutzt, das macht Spass, jeweils vier Bilder nur, wie die Peanuts. Sonst quäle ich mich ja monatelang durch diese 300 Seiten-Storys.

Soweit ich das überblicken kann, ist das das erste Mal, dass du mit deinen Comics so direkt – quasi ganz tagesaktuell – zu deinen Leser*innen sprichst. Stimmt das? Und wie fühlt sich das für dich an? Stimmt, ich war bisher mit Umsonst-Unterhaltung sehr zurückhaltend. Manchmal fällt mir ein tagespolitischer Gag ein, den poste ich dann schon mal auf Facebook, aber ich lebe von den Comicbüchern, also müssen sie gekauft werden. Im Moment macht es aber Spaß, in den Kommentarleisten unmittelbare Reaktionen zu kriegen, die bisher erstaunlich begeistert sind. Leute freuen sich, morgens zu Facebook zu gehen und zu lesen, was Konrad und Paul in diesen verstörenden Tagen treiben. Und Paul leidet wie ein Hund, es ist Frühling in der Hose und er kann nicht daten!

„Ich habe keine Botschaft, die die Leute schlucken sollen.“

Haben Künstler*innen in Zeiten wie diesen eine besondere Verantwortung? Oder hast du persönlich ein besonderes Anliegen? Nein, ich will keine Verantwortung, ich will vor allem geile Comics zeichnen. Die natürlich auch oft irgendwie politisch sind, und meine Sicht auf die Dinge zeigen, klar. Aber ich habe keine Botschaft, die die Leute schlucken sollen.

Es gibt ja Menschen in der Community, die eine Parallele ziehen zwischen der Corona-Pandemie und Aids. Zum Beispiel, wenn es um die Frage von Sex geht. Wie stehst du zu solchen Vergleichen? Dein Comic über digitalen Sex vor der Kamera, den du neulich veröffentlicht hast, hätte ja auch zu Zeiten von Aids funktioniert, oder nicht? Ja, aber das Virus ist ja ein sehr anderes. Ich vergleiche das nur bedingt. Ich hab in dem Comic geschrieben, dass sie dir heute aufs Kondom husten, also auch Safer Sex kannst du knicken. Aber ich mag das nicht vergleichen. Ich bin nur froh, dass es damals in den 80ern, 90ern kein Internet gab und keine sozialen Netzwerke. Den Shitstorm und die Hetze gegen Schwule will ich mir gar nicht vorstellen. Diesmal trifft es halt alle und hat nichts mit Sex zu tun, da stellt sich die Moralfrage nicht.

Corona hat auch was schwules Dating betrifft, eine Art Slutshaming-Welle losgetreten – Menschen, die (noch) Sex haben oder sich auf PlanetRomeo rumtreiben, werden in anderen sozialen Medien als „Gefährder“ und unverantwortlich bezeichnet. Wie stehst du dazu? Und wie wird sich deiner Meinung nach das Corona-Biedermeier nach der Krise auf die Gesellschaft auswirken? Oh, davon höre ich zum ersten mal. Ich bin nicht mehr bei Gayromeo oder sonstwo. Also doch die Moralfrage, aber diesmal intern? Ich weiss nicht, ich verzichte grad auf Dates und hab nur Freunde, die das auch tun. Aber es ist Frühling, der Sperling piept. Ich will das nicht beurteilen und schon gar nicht verurteilen!

„Aber genauso wenig weiss ich, ob sich nach der Krise noch wer für das Gezänk in der queeren Szene interessiert.“

Rowohlt plant, deine Corona-Comics als Buch rauszubringen. Provokant gefragt: Meinst du, in zwei Monaten wollen die Leute noch Corona-Witze hören? Ja, das ist die Frage. Das ist diesmal auch ein Experiment: Ich hoffe sehr, dass die Leute fair sind und es dann auch kaufen! Aber genauso wenig weiss ich, ob sich nach der Krise noch wer für das Gezänk in der queeren Szene interessiert. Ich hab durchaus Respekt vor diesem Wirtschaftskollaps. Keiner weiss derzeit, was ‚danach‘ relevant ist. Bis dahin kann ich nur das Hier und Jetzt nehmen und es Konrad und Paul überstülpen.

Ich danke dir für das Gespräch. Pass auf dich auf uns bleib gesund! Ja, bleib steif.

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