Interview

Roman „City of Sex“ von Nevo Souleiman: „Darin liegt die Tragik Berlins“

11. März 2026 Kevin Clarke
Bild: Nevo Souleiman
Nevo Souleiman wuchs in Kreuzberg auf und hat darüber jetzt ein autofiktionales Buch geschrieben

Der Berliner Schauspieler und Podcaster Nevo Souleiman beschreibt sich selbst als Sohn einer griechisch-türkischen Einwandererfamilie. Als Teenager betrieb er Kampfsport, tanzte später neben Schlagerstars wie Vicky Leandros, wirkte in Musicals mit und spielte bei „Tatort“ und „GZSZ“. Seit 2019 führt er zudem ein eigenes Modeunternehmen. Nun ist sein erster Roman „City of Sex“ erschienen. SIEGESSÄULE-Redakteur Kevin Clarke traf sich mit dem Autor zum Gespräch

Wie oft bist du schon nach Vergleichen zwischen „City of Sex“ und „Hundesohn“ von Ozan Zakariya Keskinkiliç gefragt worden? Ich werde tatsächlich immer wieder danach gefragt. Die Parallelen liegen auf der Hand: queeres Begehren, Berlin, Körper, Erinnerung. Aber damit enden die Vergleiche für mich auch. „Hundesohn“ ist ein sehr lyrischer, nach innen gekehrter Roman, stark über Sprache und Sehnsucht erzählt. „City of Sex“ ist direkter, gegenwärtiger, körperlicher – weniger Erinnerung, mehr Konfrontation.

Der Untertitel deines Debütromans lautet „Berlin und die Liebe?“ – mit einem Fragezeichen ... Mich persönlich haben in meiner Jugend die Dramen von Shakespeare, Molière und Goldoni geprägt. Dort war Liebe immer etwas Absolutes, etwas, das alles riskieren darf und alles zerstören kann – aber gerade darin wahr ist. Für mich war das lange das Ziel: eine Liebe, wie sie das Leben verspricht, nicht wie sie sich organisieren lässt. Natürlich wissen wir, dass das Leben anders funktioniert. Realität ist oft pragmatischer, vorsichtiger, kleiner. Über unserer Hoffnung auf die große, unbedingte Liebe liegt heute ein Schleier aus Ideologien, Optimierung und Selbstschutz. Alles wird erklärt, relativiert, politisiert, abgesichert. Auch die Liebe. „City of Sex“ entsteht genau aus dieser Spannung: zwischen der großen Idee von Liebe, mit der wir aufgewachsen sind, und einer Gegenwart, die uns ständig beibringt, Erwartungen zu senken.

Du erwähnst gleich am Anfang, dass du das Buch jenen widmest, die in Berlin zwischen „Party und Rausch“ hoffen, den „einen Menschen“ zu finden, der ihnen ein Zuhause gibt. Party und Rausch sind ein Zustand der Flucht. Man geht hinein, um etwas nicht fühlen zu müssen – oder um endlich etwas zu fühlen. Beides ist ehrlich. Beides ist gefährlich. Im Rausch kommen Dinge hoch, die im Alltag keinen Platz haben. Aber der Rausch trägt nicht. Er kippt. Er verlangt Wiederholung. Und manchmal fordert er einen Preis, den man nicht zurückbekommt. Viele suchen dabei nicht Spaß, sondern jemanden, der bleibt. Jemanden, der aus all dem Lärm ein Zuhause macht. Genau darin liegt der Widerspruch – und genau darin liegt die Tragik. Berlin verstärkt das. Die Stadt belohnt Intensität, nicht Dauer. Nähe wird erzeugt, aber selten gehalten. Wer hier Liebe sucht, sucht oft gegen die Struktur der Stadt an.

„Die Stadt belohnt Intensität, nicht Dauer. Nähe wird erzeugt, aber selten gehalten. Wer hier Liebe sucht, sucht oft gegen die Struktur der Stadt an.“

Dein Romanheld hat einen griechischen Vater und eine türkische Mutter, er wächst im Bergmannkiez in Kreuzberg auf. Mit 16 unternimmt er seine ersten LGBTIQ*-Gehversuche im Club „Orient Station“. Der Held des Romans ist ein sehr enger Freund von mir – eigentlich Familie. Wir sind zusammen aufgewachsen, unsere Biografien laufen parallel, wir haben vieles gemeinsam erlebt. Für mich war das Schreiben daher eine emotionale Reise, weil ich mich nicht von außen angenähert habe, sondern aus einer gemeinsamen Geschichte heraus geschrieben habe.

Wenn du den deutschsprachigen Buchmarkt vergleichst mit englischsprachiger LGBTIQ*-Literatur, was fällt dir auf? Vor allem der unterschiedliche Ton. Im Deutschen wird Liebe oft sehr schwer, sehr bedeutungsvoll, manchmal fast erdrückend verhandelt. Viel Ernst, viel Analyse, wenig Luft. Das ist nicht perse schlecht, aber es kann Nähe verhindern. Für mein Buch gab es bewusst keine literarische Vorlage. Ich habe mich eher darum bemüht, es nicht zu dramatisch zu machen. Das Leben ist schon dramatisch genug. Mir war wichtig, Humor reinzubringen. Geprägt hat mich dabei die Popkultur. Serien wie „Die Nanny“ oder „Sex and the City“ haben mir gezeigt, dass man über Liebe, Begehren und Beziehungen sprechen kann, ohne sie ständig zu verklären oder zu zerlegen. Humor ist dort kein Beiwerk, sondern ein Werkzeug, um Wahrheit auszuhalten. Für mich ist Humor die wichtigste Essenz. Er macht das Leben erträglich – und manchmal sogar wunderschön. Gerade wenn es um Liebe geht, um Scheitern, um Sehnsucht. Lachen bedeutet nicht, etwas nicht ernst zu nehmen. Es bedeutet, es zu überleben.

„Für mich ist Humor die wichtigste Essenz. Er macht das Leben erträglich – und manchmal sogar wunderschön.“

Du hast das Buch im Selbstverlag rausgebracht. Warum? Es gab durchaus Interesse von Verlagen, auch aus dem queeren Bereich. Aber die Konditionen haben für mich nicht gepasst. Es ging dabei weniger um Eitelkeit als um Kontrolle, um Ton, um Tempo. Also habe ich mich entschieden, diesen ersten Schritt selbst zu gehen. Nicht aus Ablehnung gegenüber Verlagen, sondern aus dem Gefühl heraus, dass dieses Buch genau jetzt so erscheinen musste, wie es ist. Ohne Kompromisse, ohne Glättung. Umso mehr freue ich mich, dass ich inzwischen einen Autor*innenvertrag abgeschlossen habe und das Buch noch in diesem Jahr regulär in allen Buchhandlungen erscheinen wird.

Du bist Schauspieler, Sprecher und Entertainer. Was heißt das? Seit der Corona-Pandemie haben sich meine Schwerpunkte etwas verschoben. Ich habe mein Modeunternehmen „Nevo Berlin“ gegründet, dadurch ist die Schauspielerei etwas in den Hintergrund gerückt – ganz aufgehört habe ich aber nie. Parallel dazu habe ich meinen Podcast „Nevos VIPs“ aufgebaut. Dort spreche ich mit prominenten Gästen über ihre Lebenswege, Brüche, Öffentlichkeit und persönliche Erfahrungen. Zu Gast waren unter anderem Sheila Wolf und René Koch. Insgesamt bewege ich mich zwischen Schauspiel, Stimme, Unterhaltung und eigenen Projekten. Für mich gehören diese Bereiche zusammen – je nach Lebensphase rückt mal das eine, mal das andere stärker in den Vordergrund.

Wie hat dein Umfeld auf deinen Roman reagiert? Natürlich haben sich viele Menschen aus meinem Umfeld wiedererkannt. Es gab auch schon scherzhafte „Drohungen“ mit Klagen, natürlich ironisch gemeint. Das gehört dazu, wenn man nah an der Realität schreibt. Insgesamt ist die Resonanz sehr positiv. Besonders berührt mich, dass das Buch nicht nur in der queeren Community gelesen wird. Ich bekomme E-Mails von Müttern, die mir schreiben, dass sie Angst um ihre Kinder haben, wenn sie nachts allein unterwegs sind, und dass der Roman ihnen einen Einblick gibt – nicht als Schock, sondern als Möglichkeit zu verstehen. Einige schreiben mir sogar, dass sie das Buch ihren Kindern geschenkt haben. Gleichzeitig höre ich immer wieder von queeren Menschen – aber auch von Leuten, die einfach in Berlin unterwegs sind, feiern gehen, Erfahrungen sammeln –, dass sie sich im Buch wiedererkennen. Nicht unbedingt in einzelnen Figuren, sondern in Situationen, Nächten, Gefühlen. Genau das war mir wichtig: dass man sich selbst darin wiederfindet, unabhängig von Labels. Das bedeutet mir viel, weil es zeigt, dass der Roman über Szenen hinaus funktioniert. Es gibt außerdem bereits die Idee für einen zweiten Roman, an dem ich arbeite. Auch dieses Buch wird wieder auf wahren Geschichten basieren – Erfahrungen, in denen sich viele queere Menschen, aber auch Menschen, die Berlin erlebt haben, wiedererkennen werden.

„Besonders berührt mich, dass das Buch nicht nur in der queeren Community gelesen wird.“

Würdest du dir eine Verfilmung wünschen? Ich glaube, eine Serie würde besser passen als ein Film. Ich bin kein Fan von endgültigen Enden. Mich interessiert eher die Idee, dass etwas weitergeht. „City of Sex“ erzählt keinen abgeschlossenen Bogen, sondern Zustände, Wiederholungen, Übergänge. Dafür reicht ein Film nicht aus. Eine Serie könnte Raum schaffen für queere Figuren, die nicht erklärt werden müssen, sondern einfach da sind: sexy, komisch, widersprüchlich, ehrlich. Figuren, die man begleiten kann, statt sie auf ein Ende hin zu reduzieren. Diese Vorstellung gefällt mir. Ich nehme im Februar an der Berlinale teil, aber nicht, um dort aktiv Werbung fürs Buch zu machen. Wenn sich Gespräche ergeben, dann organisch – nicht geplant, nicht strategisch.

Hast du selbst das „Zuhause“ gefunden, das dein Romanheld sucht? Ja, ich bin seit sieben Jahren mit meinem Lebensgefährten zusammen. Mein Zuhause ist seine Nähe und ich hoffe sehr, dass das umgekehrt genauso ist. Ich glaube nicht, dass sich der Wunsch nach einem Zuhause oder nach Liebe mit dem Alter grundsätzlich verändert. Diese Sehnsucht treibt uns bis zum Ende an. Am Ende wollen wir doch alle nur lieben und geliebt werden. Das ist nichts, was man irgendwann „abhakt“. Was sich mit dem Alter verändert, ist eher die Haltung dazu. Ich spüre heute mehr Gelassenheit.

Bild: Nevo Souleiman

Nevo Souleiman: „City of Sex – Berlin und die Liebe? (Eine wahre Begebenheit)“, Book on Demand, 204 Seiten, 16 Euro

Folge uns auf Instagram

#Buch#Debütroman#Interview#Literatur#Roman

Das Siegessäule Logo
Das Branchenbuch mit Haltung
Queer. Divers. Überzeugend.