Queerer Filmverleih

Salzgeber-Chef Björn Koll hört auf

23. Dez. 2022 Interview: Axel Schock
Bild: Salzgeber
Salzgeber-Chef Björn Koll

Die Salzgeber & Co. Medien GmbH bekommt eine neue Eigentümerin. Björn Koll, der seit über 30 Jahren das Medienhaus leitet, überführt es in die neu gegründete Queere Kulturstiftung. SIEGESSÄULE traf ihn zum Gespräch

Zum Jahresende ziehst du dich als Salzgeber-Geschäftsführer zurück und übergibst die Firma gewissermaßen an eine neue Generation. Warum dieser Schritt?

Ich habe Salzgeber über 30 Jahre mit einem pragmatischen, konstruktiven und solidarisch-fairen Ansatz und größtmöglichem persönlichem Engagement mit sehr viel Liebe geführt. Liebe für unsere Filmemacher*innen, für unsere Filme und für unser Publikum. Ein echtes Antiprogramm zu einem doch sehr kommerziell funktionierenden Markt. Mehr Kinemathek als Kommerz und halt Hilfe und ein Möglichmachen, wo immer es ging. Salzgeber geht es vielleicht gerade deswegen – und trotz der schwierigen Zeiten – vergleichsweise gut. Damit ist es jetzt ein idealer Zeitpunkt für eine Übergabe, sozusagen ein gut bestellter Acker. Keine Schulden, ein paar Rücklagen und ein super tolles Programm für 2023 und teilweise auch schon für 2024. Und natürlich spielt auch die Zeitenwende eine Rolle, denn der Markt für Filme und gerade auch das Publikumsverhalten haben sich nicht nur durch Corona innerhalb kurzer Zeit grundsätzlich verändert. Da braucht es neue und frische Ansätze und Ideen. Darüber hinaus merke ich aber auch, dass diese Jahrzehnte des Kämpfens bei mir Spuren hinterlassen haben und es für mich privat einfach Zeit ist, jetzt mal aufzuhören.

Du hast das Unternehmen nicht einfach verkauft, sondern wirst es in eine neu gegründete Stiftung überführen. Was bedeutet das konkret?

Das ist die Frage des Besitzes. Bis dato gehört das Unternehmen mir privat; die zukünftige Eigentümerin wird die Queere Kulturstiftung sein. Gewinne gehen dann also in die Stiftung und werden im Sinne des Stiftungszweckes zur Förderung der queeren Kultur eingesetzt. Darüber hinaus träume ich natürlich davon, dass es durch diese Weichenstellung Salzgeber auch noch in 100 Jahren geben wird und für kommende Generationen eine komplette queere Filmgeschichte bewahrt werden kann. Und bei den Salzgeber Buchverlagen mit Albino, Männerschwarm, Bruno Books und auch der Bibliothek rosa Winkel geht es ja genauso darum, einen Fortbestand zu gewährleisten. Menschen arbeiten und leben nicht ewig, der Verkauf eines Unternehmens ist nicht immer eine Option, Erben sind gegebenenfalls wenig geeignet, und wenn wir da nicht aufpassen, geht viel verloren.

Der Name der Stiftung ist schlicht wie programmatisch: Queere Kulturstiftung. Welche Idee bzw. welche Vision verbirgt sich dahinter? Ist die queere Kulturproduktion – wie die Produktion von Büchern, der Vertrieb von Filmen – bereits so bedroht, dass sie durch eine Stiftung geschützt werden muss?

Das Ziel der Queeren Kulturstiftung ist es, Filme, Bücher und Fotografie mit einer Fokussierung auf nicht heteronormative Inhalte zu bewahren, zu verbreiten und vor allem auch zu vermitteln. Kultur trägt zum gesellschaftlichen Wandel bei und verändert unsere Wahrnehmung des Lebens. Zweifelsohne sind viele queere Kulturveröffentlichungen – wie schon immer – betriebswirtschaftlich eine Unmöglichkeit. Dazu gehören insbesondere Restaurierungen von Filmklassikern, aber natürlich auch die Herausbringung von vielen Filmen oder Büchern, die nur ein kleineres Publikum ansprechen. Und die Queere Kulturstiftung wird diese Probleme jetzt nicht lösen können und sich sicher eher weniger bei der Veröffentlichung eines einzelnen Filmes oder Buches engagieren, aber hoffentlich einen Beitrag dazu leisten, dass die Strukturen überhaupt bestehen bleiben werden.

Du hast 1990 als Praktikant bei Manfred Salzgeber begonnen und seit diesem Zeitpunkt die Entwicklungen des queeren Filmmarkts in Deutschland wie international mitverfolgt und mitgestaltet. Welche positiven Entwicklungen, an denen du vielleicht auch mitgewirkt hast, sind für dich rückblickend die bedeutsamsten?

Durch den Wegfall des teuren Zelluloids und die Digitalisierung wurden das Drehen und Verbreiten von Filmen sehr viel günstiger. Das hat viele spannende Filme ermöglicht, aber interessanterweise wurden diese Möglichkeiten eher in Ländern wie Brasilien oder Argentinien aufgegriffen und nicht so sehr im reichen Europa. Ganz persönlich schlägt mein Herz für die Außenseiter, die einfach auch ohne Geld mal etwas machen. Das klappt nicht immer, aber manchmal kommt da ein Film wie „Futur Drei“ oder auch „Drifter“ von Hannes Hirsch heraus, den wir kommendes Jahr ins Kino bringen.

Und welche Tendenzen und Entwicklungen machen dir am meisten Sorgen oder sind besonders enttäuschend? Polen hat uns dieses Jahr mit vier schwulen Spielfilmen überrascht. Und Deutschland?

Da gab es „Trübe Wolken“, „Nico“, „Boy Meets Boy“ und „Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?“. Das ist einfach viel zu wenig und nur „Trübe Wolken“ hatte Geld von einem Sender und ein bisschen Förderung. Das ist für das reiche Deutschland mit immerhin 450 Millionen für die Filmförderung beschämend. Sozusagen irgendwelche 0,000001 Prozent für den queeren Film. Sorgen macht, dass mittlerweile zwar alle Förderungen „Diversity“ predigen, diese aber einfach nicht praktizieren. 

Bleibt der queere Arthouse-Film ein auf dem Markt überlebensfähiges Nischenprodukt – oder geht er mittelfristig im Mainstream-Film auf?

Für mich definiert sich „queer“ gerade auch durch die Begriffe „widerständig“ oder „Gegen-die-Norm-Sein“ und ist deswegen sowieso nie Mainstream. Und wenn wir darüber hinaus „queer“ mal nicht nur damit gleichsetzen, dass eine Nebenrolle entsprechend besetzt wird, sondern dass wirklich unsere Geschichten in unserer Form erzählt werden, dann bleibt das ein fortwährender Prozess. Als kleine Nebenbemerkung: Wir brauchen keine Hoffnung zu haben, dass bei einem der Streamer jemals ein Geschlechtsteil auftauchen oder es irgendwann z. B. eine entspannte Darstellung von Nacktheit geben wird. 

Welche Chancen sollte die jüngere und kommende Generation queerer Filmschaffender ergreifen? Auf welche Herausforderungen müssen sie sich einstellen? 

Einfach machen. Keine Angst haben. Gegen alle Widerstände anlaufen und (leider) kämpfen. Musste ich genauso und muss ich immer noch. Und dann könnten die jungen Menschen vielleicht einfach auch mal auf die alten Säcke hören und sich damit vielleicht ein paar Dinge etwas leichter machen. Denn im Prinzip verschwenden wir viel zu viel Energie, anstatt die notwendige Sichtbarkeit zu schaffen und das bis jetzt schon Erreichte weiterzuentwickeln.

Und was macht ein Björn Koll, wenn er die Bürden des Geschäftsführeralltags losgeworden ist? Als Frührentner auf der Couch kann man sich dich nicht so recht vorstellen ...

Im April 2023 werde ich mich mit der Queeren Kulturstiftung um ein Filmprogramm mit Klassikern wie „Mädchen in Uniform“, „Die Jungfrauenmaschine“, „When Night is Falling“ und „Fucking Amal“ kümmern und damit den Tag der lesbischen Sichtbarkeit am 26.04. feiern. Dann muss das queerfilmfestival für den September vorbereitet werden und parallel sitze ich an vier größeren Fotobüchern. Mit Monika Treut denke ich über einen Dokumentarfilm nach und vielleicht werde ich überhaupt mal wieder Filme produzieren. Unsere Bibliothek mit den Beständen von Manfred Salzgeber, der ja von Haus aus Buchhändler war, aber auch Tausenden von Büchern aus der Gmünder-Insolvenz und meiner eigenen Sammelwut muss mal aufgeräumt werden. Dann fahre ich vielleicht mal ganz entspannt auf ein paar Filmfestivals, bei denen ich sonst immer nur von Meeting zu Meeting gehetzt bin. Solche Dinge halt …

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