Schwitzen ist politisch: Geschichte der Schwulensauna
Öffentliche Bäder bieten gute Gelegenheiten für schwulen Sex. Das hat die Leute schon immer fasziniert – und alarmiert. Eine kurze Berliner Saunageschichte – und eine Chronologie der Öffnung in Richtung mehr Diversity. Denn: Schwitzen ist politisch!
Die Sauna bleibt ein schwuler Sehnsuchtsort. Geschmäcker und Moden mögen sich ändern, aber ein Badehaus, in dem nackte Leiber schwitzen, macht Lust auf Sex. Durch alle Epochen war es „ein seltsamer Ort, an dem der Dampf die Sitten lockert“, wie es im Kinoklassiker „Hamam“ heißt. Der neueste Film, der diese Sehnsucht schürt, heißt „Sauna“ und zeigt den Sex deutlicher als „Hamam“. Im Kopenhagener Adonis stöhnen die Kerle, das Gleitgel schmatzt, der Sling rasselt. Diesmal zieht es einen trans Mann ins Bad. Das sorgt für Konflikte mit dem Establishment, denn in diese „Herrensauna“ dürfen nur cis Männer.
„Wir transportieren den Vibe und den Safe Space einer schwulen Sauna quasi in andere queere Communitys.“
Im Boiler, derzeit Berlins einzige Schwulensauna, sollte eine solche Lovestory weniger dramatisch ablaufen. Trans Männer sind dort willkommen. „Ich habe auch von vielen die Rückmeldung bekommen, dass das in der Regel gut funktioniert und vor allem: dass sie sich im Boiler sicher fühlen“, sagt Boiler-Gesellschafter Tim Vogler. In der 2025 eröffneten Clubsauna nebenan gibt es eigene Wellness-Abende für TIN* und FLINTA*. „Wir transportieren den Vibe und den Safe Space einer schwulen Sauna quasi in andere queere Communitys“, erklärt der 55-Jährige das Konzept.
Ein sicherer Ort, um Sex zu haben: Auch für Alexander ist das ein Hauptargument für die Schwulensauna. „Bei Parks bin ich raus“, stellt er im Gespräch mit SIEGESSÄULE klar, „das ist mir zu gefährlich.“ Für den gebürtigen Berliner stellt sich eher die Frage: Boiler oder Lab? In den Cruisingkeller des Berghain ist er früher oft gegangen. „Aber mittlerweile ist mir das Lab zu nervig: An der Bar sitzt du auf diesem Gestänge und deine Klamotten stecken in einem Plastiksack.“ Mit 51 lernt Alexander den Saunakomfort zu schätzen: „Da hast du deinen eigenen Spind – und neben dem Sex auch entspannende Momente.“
Ein teurer Spaß
Der Nachteil: Sauna ist ein teurer Spaß. An „Feiertagen“ wie CSD oder Folsom kostet der Boiler 34 Euro. Tim hätte nichts gegen etwas Konkurrenz. Berlin könne problemlos noch „den ein oder anderen schwulen Schwitzbetrieb vertragen“. Aber er weiß auch, wie hoch die Investitionen sind: „Die strengen Bauvorschriften und die Bürokratie gibt es ja zu Recht. In Crans Montana haben wir gerade gesehen, was passiert, wenn Brandschutzvorrichtungen nicht funktionieren.“
Um zu begreifen, wie wichtig die sind, muss man gar nicht bis in die Schweiz schauen: 2017 starben drei Besucher beim Brand in der Gay-Sauna Steam Works. Die Entrauchungsanlage hatte nicht funktioniert. Die Stadt ließ den Betrieb schließen und beendete so ein Stück schwuler Zeitgeschichte: Fast 40 Jahre lang hatte die frühere Apollo Sauna existiert. Aber die schwule Saunatradition reicht sogar noch weiter zurück. Bis ins späte Mittelalter gab es eine alltägliche Badehauskultur, die zum Beispiel Albrecht Dürer in seinem Holzschnitt „Männerbad“ festgehalten hat.
Dort sieht man in einer Laube mehrere Nackte, die sich neugierig beäugen. Einer überreicht dem anderen eine Blume. Die schwule Ästhetik ist kein Zufall. Der Maler witzelte in Briefen an seinen Freund Willibald Pirckheimer offen über dessen sexuelle Vorlieben für „italienische Soldaten“. Einen gut dokumentierten Bäderboom gab es auch im rasant wachsenden Berlin des 19. Jahrhunderts. Damals entstanden viele Volks- und Dampfbäder, Bade- und Waschanstalten. Nicht der Wellness wegen, sondern weil die meisten damals kein Badezimmer hatten. Wer mal duschen wollte, musste in die Anstalt. Einige waren auf ein queeres Publikum spezialisiert. Erstmals aufgelistet werden sie im „Führer durch das lasterhafte Berlin“ von 1931. Der empfiehlt nicht nur „Lesbische Lokale“ und solche „des mannmännlichen Eros“, sondern auch „Nacht-Badeanstalten“.
„Während bis zum Jahre 1969 in der Bundesrepublik die für die homosexuelle Subkultur so typische ‚Club-Sauna‘ fehlte, verfügt inzwischen auch hierzulande jede größere Gemeinde über eine solche Einrichtung“
In der Nazi-Zeit wurde weitergecruist. Ein Beispiel: Die Geheime Staatspolizei ermittelte nicht nur gegen Gäste des Lindenbades (das spätere Stute), sondern auch gegen den Betreiber. Der hatte die „widernatürliche Unzucht“ vermutlich nicht streng unterbunden.
Nach dem Krieg teilte sich die deutsche Geschichte in Ost und West, doch Sex unter Männern wurde fast gleichzeitig legal: In der DDR 1968 und recht konsequent, in der Bundesrepublik 1969, mit Einschränkungen. Die Folge: „Während bis zum Jahre 1969 in der Bundesrepublik die für die homosexuelle Subkultur so typische ‚Club-Sauna‘ fehlte, verfügt inzwischen auch hierzulande jede größere Gemeinde über eine solche Einrichtung“, notierte der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker 1978.
„Jeder hatte einen Tripper“
Die kommerzielle Subkultur scheine sich auszudehnen und „flüchtigen sexuellen Kontakten Vorschub zu leisten“. Gegen Cruising hatte Dannecker grundsätzlich nichts einzuwenden, aber die Losung, die er und Rosa von Praunheim 1971 ausgegeben hatten, ging in eine andere Richtung: „Raus aus den Toiletten und rein in die Straßen!“
Viele Homos hatten mehr politisches Engagement ihrer Community erwartet. Doch die verschwand in Klappe, Sauna oder Darkroom: Sex war legal, gegen Syphilis gab’s Antibiotika und HIV war noch unbekannt. Für den Dichter Detlev Meyer war das folgende Jahrzehnt ein „endloser Sommer“: „Irgendwann hatte jeder einmal einen Tripper, der meistens nicht ungelegen kam“, schrieb er 1988 in „Pariser Leben“. „In den sieben Tagen der Enthaltsamkeit wurde die Küche renoviert, ,Der Mann ohne Eigenschaften‘ gelesen oder das Adressenverzeichnis auf den neuesten Stand gebracht.“
Der Titel seines ersten Romans: „Im Dampfbad greift nach mir ein Engel.“ Dieses paradiesische Gefühl ging mit Aids verloren. Doch die Schwulensauna behielt ihre Faszination. 1985 erschien ein Sonderheft der SIEGESSÄULE über die neue Krankheit. Darin findet sich eine Reportage aus dem Westberliner Nachtleben. Die Steam-Sauna sei „voll wie eh und je“, berichtet der Reporter. Und der Mann an der Saunakasse erzählt: „Die Leute schleichen herum, oft passiert gar nichts, man will mehr gucken.“ Ein auffälliger Unterschied: „An der Kasse wird mit dem Handtuch ein Kondom ausgegeben.“
In der Aids-Krise etablieren sich die Schwulensaunen als wichtige Knotenpunkte eines schwulen Netzwerks: Die Aids-Hilfen verbreiten hier Gesundheitsinfos und werben um Solidarität mit Positiven. Viele Betreiber werden zu HIV-Aktivisten. Doch die Vorbehalte bleiben. Als 1989 die Mauer fällt, berichtet der Spiegel über die „Wiedervereinigung“ der Communitys. „Jubel, Trubel, Heiterkeit in den Männersaunen und im Whirlpool. Von der ,Aids-Hilfe‘ gab es gratis Kondome und Gleitmittel.“ Das klingt nach einer Würdigung der Safer-Sex-Kampagne, aber Hans Holter, damals Aids-Spezialist des Spiegel, meint es spöttisch.
Sein Artikel lobt vor allem das „zentralisierte Gesundheitswesen samt funktionierendem Seuchenrecht“ in der DDR. Deren Vorteil: „Die Homosexuellen haben eine ,Szene‘, aber keine ,Subkultur‘ mit Whirlpool, Dunkelräumen und Sauna.“ Die Schwulensauna blieb lang Symbol einer angeblich lebensbedrohlichen Subkultur. Gemessen daran war die HIV-Politik im vereinten Deutschland überraschend sachlich. Während in vielen US-Bundesstaaten die Bathhouses schließen mussten, wurden es in Berlin sogar mehr. Im Osten kamen Gate und Treibhaus dazu. Das empfanden nicht alle als Fortschritt: Für die Erfüllung schwuler Sehnsüchte Eintritt zahlen?
Der Schriftsteller Michael Sollorz beschrieb 1997 in „Hundert Jahre schwul“ diesen „Fluch“ der schwulen Marktnische: „Lernte ich früher mit Witz und Initiative einen Mann aus der Kaufhalle in die benachbarte Clubgaststätte zu lotsen, zahle ich heute zwanzig Mark, binde mir ein Handtuch um, schleiche mit grimmiger Miene durch die Gänge und verstoße möglichst wenig gegen die Sitten. Ich kriege den Hals so voll ich will, aber auf dem Heimweg habe ich schon wieder Hunger.“
Wie widersprüchlich Kapitalismus sein kann, zeigt sich auch in der Berliner Saunalandschaft. Profitieren die Saunen bis in die 2000er-Jahre von den günstigen Mieten, wurden inzwischen alle bis auf eine verdrängt. Dabei ist das Publikum vorhanden. „Gerade in den ersten Monaten nach der Pandemie war im Boiler die Hölle los“, hat Alexander beobachtet. „Die Leute wollen weg von den Apps und sich wieder mehr im wahren Leben treffen.“
„Gerade in den ersten Monaten nach der Pandemie war im Boiler die Hölle los. Die Leute wollen weg von den Apps und sich wieder mehr im wahren Leben treffen.“
Alexander schätzt diese soziale Dimension. „Es ist halt eine gewisse Community. Man verabschiedet sich und fragt: Bist du morgen auch da?“ Sogar einen Lebenspartner hat er mal so kennengelernt, in der Treibhaussauna auf dem „schäbigen Gang neben den Kabinen“. „Er nahm meine Hand, zog mich mit zur Bar, und dann haben wir uns lang unterhalten.“ Wenn jemand wissen wollte, wo sie sich kennengelernt haben, sagten die beiden aber, „in der Bar, weil wir danach noch im Café Schwarzsauer waren“, gesteht Alexander und lacht. „Das war unsere offizielle Story.“ Der Dampf lockert zwar die Sitten, aber Café und Clubgaststätte klingen dann doch romantischer.
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